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"Im Fernsehen schaut er aus wie ein Vogerl"

Zwei mickrige Punkte haben Dominic Thiem in dieser Woche in Bangkok zu seinem ersten Sieg auf der ATP-Tour gefehlt.

Nach zwei Stunden Spielzeit und drei hartumkämpften Sätzen hatte dann aber doch der mit 30 Jahren um zwölf Jahre ältere Finne Jarkko Nieminen mit 6:1, 4:6, 7:5 das bessere Ende für sich.

Bei 5:4 und 30 beide fehlten dem Seebensteiner nur zwei Punkte zur Sensation.

„Schade, dass er die nötige Abgebrühtheit und Kaltschnäuzigkeit noch nicht hatte“, resümiert Coach Günter Bresnik, der das gesamte Match via Internet verfolgte, im Gespräch mit LAOLA1.

„War mit der Leistung sehr zufrieden“

„Mit der Leistung war ich aber sehr zufrieden. Dominic hat im zweiten und dritten Satz gezeigt, dass er voll mit Nieminen mitspielen kann. Im ersten Satz war es schwierig für ihn. Das ist immer eine Umstellung, wenn du zum ersten Mal gegen Leute spielst, die du aus dem Fernsehen kennst. Da hat er einige Zeit gebraucht, bis er sich darauf eingestellt hat.“

Die Umstellung hatte laut Bresnik weniger mit dem Tempo, als vielmehr mit dem ganzen Rundherum zu tun. Schließlich war Bangkok nach dem Debüt in Kitzbühel erst sein zweites ATP-Turnier.

Training mit Monfils

„Er hat davor bereits mit Monfils und Bolelli trainieren und sich dadurch schon auf das Tempo einstellen können. Außerdem hat er auch schon davor in der Südstadt unter anderem mit Koubek gespielt. Wie jeder Mensch ist aber natürlich auch Dominic vom Umfeld eines solchen Turniers beeindruckt."

Zudem verweist der ehemalige Trainer von Horst Skoff und Boris Becker auf den Stress im Vorfeld des Turniers: „Die Vorbereitungszeit war sehr kurz, da wir die Wild Card sehr kurzfristig bekommen haben."

"Er hat am Freitag noch ein Jugendturnier in Kroatien gespielt und ist anschließend nach Bangkok geflogen. Er hat nur Samstag bis Montag Zeit gehabt, sich von Sand auf Hartplatz und Halle umzustellen. Dazu kommen ein Zehn-Stunden-Flug und fünf Stunden Zeitumstellung.“

Richtige Einstellung

Trotzdem war Thiem von der knappen Niederlage gegen Nieminen bitter enttäuscht. Bresnik sieht darin die richtige Einstellung für einen zukünftigen Spitzenspieler: „Dominic war nachher total zerstört. Als guter oder vermeintlich guter Tennis-Spieler darf ich mich nicht über eine Niederlage freuen.“

Von Gegner Nieminen, immerhin die Nummer 46 der Welt, gab es großes Lob: „Dieser Junge ist sehr talentiert. Ich war in den letzten Tagen zwar etwas krank, damit will ich aber auf gar keinen Fall seine Leistung schmälern. Er hat ein großartiges Match gespielt.“

Bresnik sieht Lobes-Hymnen zwiespältig

Bresnik sieht derartige Aussagen mittlerweile recht zwiespältig. Schon nach dem Einzug ins Junioren-Finale der French Open schwärmten viele Experten vom neuen „Super-Talent“.

 „Um dieses Lob kann man sich aber nichts kaufen. Dieses Hochpreisen von einem Spieler kann auch hinderlich sein“, erklärt Bresnik.

„Der Kleine ist wirklich sehr bodenständig, vernünftig, intelligent und hat eine super Arbeitseinstellung. Trotzdem bleibt er davon nicht gänzlich unbeeinflusst. Wenn du alle zwei Wochen in der Zeitung liest, wie gut du nicht bist, hat es zumindest auf dein Unterbewusstsein einen Einfluss.“

„Das Jahr ist nicht optimal verlaufen“

Für Bresnik ist dies auch eine Erklärung für die mit Ausnahme von Paris durchwachsenen Ergebnisse in dieser Saison.

„Das Jahr ist nicht optimal verlaufen. Bei den Jugendlichen hat er nur in Paris ein gutes Ergebnis abgeliefert. Bei den Herren gar nicht. Es ist eigentlich relativ viel in die Hose gegangen.“

In erster Linie sollen dafür allerdings die körperlichen Probleme ausschlaggebend gewesen sein.

„Er schaut aus wie ein Vogerl“

„Er hat heuer ein paar Wachstumsschübe gehabt. Alleine dadurch war er oft schon sehr müde. Da kannst du nichts machen und deshalb haben wir körperlich noch viel Aufholbedarf – sowohl im Ausdauer- als auch im Kraftbereich.“

„Im Fernschauen schaut er ja aus wie ein Vogerl“, beschreibt Bresnik den schmächtigen Körperbau seines Schützlings. „Er ist zwar groß und hat eine gute Figur mit breiten Schulter, schaut aber noch wie ein Kind aus. In der Entwicklung ist er zwei, drei Jahre hintennach.“

Dementsprechend will Bresnik „schauen, dass wir ein gutes Gleichgewicht zwischen Herren-Turnieren und körperlicher Arbeit in der Südstadt zusammenkriegen.“

Nach Bangkok stehen demnach auch einige Wochen Training in der Südstadt auf dem Programm. Ende Oktober wird Thiem erneut sein Glück beim Erste Bank Open in der Wr. Stadthalle versuchen. Im Vorjahr scheiterte er in der ersten Qualifikationsrunde am Türken Marsel Ilhan.

„Wahrscheinlich spielt Dominic wieder nur in der Qualifikation. Sollte kein Superstar mehr kommen, hoffe ich aber doch, dass er die dritte Wild Card kriegt“, so Bresnik, der mit der Vergabe der ersten beiden „Freikarten“ an Andreas Haider-Maurer und Altstar Thomas Muster keine Probleme hat.

„Die beiden haben sich die Wild Card tausend Mal mehr verdient als Dominic.“

Christian Frühwald

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