Talent? "Das größte Schimpfwort"

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Resnik: "Wir sind noch nicht einmal bei der Hälfte"

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Für den sensationellen Aufstieg von Dominic Thiem im vergangenen Jahr gibt es viele Mosaiksteinchen.

Sepp Resnik ist einer davon.

Der 61-Jährige ist pensionierter Bundesheer-Offizier, ehemaliger Extremsportler und als Konditions-Trainer seit einem Jahr für die körperliche Entwicklung von Österreichs aktuell größter Tennis-Hoffnung verantwortlich.

Im LAOLA1-Interview spricht Resnik über Thiems aktuelles körperliches Tief, seine unkonventionellen Trainingsmethoden, den beeindruckenden Willen des Youngsters und er erklärt, warum Thiem kein „netter Bua, der leider nichts zusammengebracht hat“ wird.

LAOLA1: Das Achtelfinal-Match von Dominic Thiem gegen Jiri Vesely musste in Kitzbühel auf Donnerstag verschoben werden. Was habt ihr an diesem verregneten Mittwoch gemacht, um in Schwung zu bleiben?

Sepp Resnik: Der zusätzliche Tag Pause war sicher absolut positiv für ihn, weil er endlich einmal regenerieren konnte  und nicht über seine Grenze gehen musste. Dominic ist derzeit sicher am Limit. Die Intensität der letzten Monate war sehr groß.

LAOLA1: Schon in der vergangenen Woche klagte Dominic über Müdigkeitserscheinungen. Wie beurteilst du seine aktuelle körperliche Verfassung?

Resnik: So etwas ist auf der ATP-Tour normal. Nur die Superstars können mehr Regenerationspausen machen, da sie nicht jedes Turnier spielen müssen. Dominic geht als Rookie jenen Weg, den diese arrivierten Spieler alle schon einmal gegangen sind. Die Eindrücke aus diesem ersten Jahr muss Dominic jetzt einmal verarbeiten. Das macht er für sein Alter sehr gut. Der Anschluss ist sicherlich ein, zwei Jahre früher erfolgt, als man erwarten konnte.

LAOLA1: Wie hätte man dem jetzigen körperlichen Tief rechtzeitig entgegen wirken können? Längere Pause, Übungen? Gstaad war ja ursprünglich nicht eingeplant.

Resnik: Es war Dominics persönlicher Wunsch, in Gstaad zu spielen, weil er geglaubt hat, dass er dort ordentlich Punkte machen kann. Es gehört aber zum Entwicklungsprozess, dass man sich ab und zu einmal die Nase anrennt. Heute weiß man, dass er sich getäuscht hat. Besser wäre es gewesen, ein konditionelles Individualprogramm zu machen, um seine Batterien wieder aufzuladen. Das hätten wir in vier Tagen machen können. Die Grundlagenarbeit muss sowieso konzentriert in der Vorbereitung passieren. So wie wir das heuer eineinhalb Monate auf Teneriffa gemacht haben. Da wurde nur im konditionellen und physischen Bereich für die kommende Saison gearbeitet.

LAOLA1: Wie ist das tägliche Training mit Dominic?

Resnik: Es macht jeden Tag Freude, mit ihm zu arbeiten. Das Einzige was er verlangt, ist, dass ihm erklärt wird, warum er etwas machen soll. Wenn er es verstanden hat, macht er es auch.

LAOLA1: Für Aufsehen hat seinerzeit dein Trainingsplan gesorgt, der unter anderem „Baumstämme schleppen“ beinhaltete. Seid ihr da mittlerweile etwas konservativer geworden oder verfolgt ihr weiterhin lieber exotische Trainingsmethoden?

Resnik: Ich gehe beim Training einfach dorthin, wo der beste Sauerstoff ist. Und das ist noch immer im Freien. Die Gewichte brauche ich dort nicht hintragen, denn der Baumstamm hat 40 Kilo und ich sage: „Los geht’s!“ Ich mache das schon seit 40 Jahren so. Wenn ich in der freien Natur trainiere, ist es für das Immunsystem das Beste, was ich machen kann. Gerade ein Tennis-Spieler auf der Tour braucht ein perfektes Immunsystem. Schließlich muss dieser Zeitverschiebungen, Höhenlagen usw. verkraften. Der Spieler kann bei eintretendem Regen ja nicht sagen: „Ich habe keine weiße Wäsche mehr, die aktuelle darf nicht dreckig werden. Ich höre jetzt auf.“

LAOLA1: Was zeichnet Dominic Thiem aus?

Resnik: Was mir an seinem Charakter sehr gut gefällt, ist, dass er beißen und kämpfen gelernt hat. Er will einfach gewinnen und gibt ein Spiel nicht auf.

LAOLA1: Dieser große Wille und Kampfgeist ist ja irgendwie auch eine Art von Talent.

Resnik: Du hast gerade das größte Schimpfwort innerhalb unserer Trainingsgemeinschaft in den Mund genommen. Das Wort „Talent“ gibt es bei uns nicht. Dominic Thiem ist ein Athlet, aus Lichtenwörth, Österreich, der  gelernt hat, ergebnisorientiert zu spielen. Das Einzige was für ihn zählt, ist das Ergebnis. Er ist auf einem guten Weg und hat die österreichische Mentalität abgelegt. Es ist nicht gut für ihn, wenn es heißt: „Brav gespielt, großes Talent, leider verloren.“ Der Schmäh geht ein halbes Jahr und dann ist er „der nette Bua, der leider nichts zusammengebracht hat“. Er wird auch keinen Punkten oder dem Geld nachjagen. Denn das – so haben wir es besprochen – kommt mit guten Ergebnissen sowieso automatisch. Ich habe schon viele Weltklasse-Athleten gesehen und deshalb weiß ich, dass es nur einen Weg zum Ziel gibt: Und dieser ist kerzengerade und zu 100 Prozent auf Arbeit begründet. Mit dem Talent alleine wirst du nichts gewinnen. Das haben andere auch.

LAOLA1: Was fehlt Dominic im körperlichen Bereich noch zur Weltklasse?

Resnik: Wir sind noch nicht einmal bei der Hälfte, die möglich ist. Dort, wo er jetzt steht, ist aber das Maximum, das bislang möglich war. Wir, Trainer und Familie, können ihm nur Rahmenbedingungen geben, die Antwort ist in seiner Person begründet. Alles, was Dominic Thiem betrifft, ist er selbst. Man muss ihm aber auch Zeit geben, um zu wachsen. Wenn einer leer ist, kann ich ihm nicht sagen: „Und jetzt geht’s weiter!“ Man muss ihn auch einmal stabilisieren. Er war im vergangenen Jahr jeden Tag dazu bereit, seine Grenze weiter zu verschieben. Mittlerweile kann er schön langsam eine erste Ernte einfahren.

LAOLA1: Muss man ihn dann nicht sogar ab und zu bremsen?

Resnik: Nein, bremsen tun wir überhaupt nicht. Wir sind bereit, jeden Tag ein bisschen zuzulegen. Wir haben ja alle Erfahrung. Wir trainieren immer das Maximum. Trotzdem bleibt die Freude erhalten. Ich will keinen so trainieren, dass er am Abend eine Leiche ist und am nächsten Tag nicht mehr kann. Außerdem ist es wichtig, die Krankheitstage zu minimieren. Es bringt nichts, einen Tag voll zu trainieren und dafür ist er dann zehn Tage krank.

LAOLA1: Seine Einstellung im Training und auf dem Platz erinnert ein bisschen an Thomas Muster.

Resnik: Es ist wichtig, dass wir einen Thomas Muster hatten, der uns allen diesen Kampfgeist näherbrachte. Dadurch wissen die Jungen, was alles möglich ist. Denn ein Muster war nicht der begnadete Tennis-Spieler im Vergleich zu jenen, gegen die er gespielt hat. Und warum soll da ein Dominic Thiem keine Chance haben?

LAOLA1: Dominic muss heuer noch zum Bundesheer einrücken. Macht das in der Vorbereitung Probleme?

Resnik: Vor zwei Monaten ist für Dominic ein Einrückungsbefehl für den 1. Oktober gekommen. Dadurch hätte er nicht einmal beim Stadthallen-Turnier, seinem Saison-Höhepunkt antreten können. Dank Minister Klug und seinem Team haben sie den Termin auf 1. November verschoben. Jetzt werde ich ihn auch beim Militär ein bisschen betreuen, damit da alles glatt läuft und nach der Grundausbildung kommt er eh wieder zum Günter in die Südstadt. Vor Oktober werden wir uns auch einmal eine Woche zurückziehen, damit wir Dominic als echte Rakete in die Stadthalle schicken.

Das Gespräch führte Christian Frühwald

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