"Hab' Spaß und genieße das Laufen!"

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Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und hinter uns das beeindruckende Panorama der Kitzbüheler Bergwelt. Schöner kann man sich einen Herbsttag kaum ausmalen.

Im Rahmen der "Salomon Aktiv Tage" hat sich LAOLA1 auf der Kitzbüheler "Streif"mit Jonathan Wyatt zum Interview getroffen. Ein Name, der jeden Bergläufer aufhorchen lässt. Der Neuseeländer ist eine lebende Legende.

Sieben Mal (1998, 2000, 2002, 2004, 2005, 2007, 2008) konnte der 38-Jährige die Berglauf-Weltmeisterschaften gewinnen. Zahllose Siege und Streckenrekorde säumen seinen Weg.

Bevor der smarte Wahl-Italiener seine Liebe zu den Bergen entdeckte, startete Wyatt zwei Mal bei den Olympischen Spielen. 1996 belegte der Langstreckenspezialist in Atlanta Platz 16 über 5.000 Meter. Acht Jahre später lief er in Athen im Marathon auf Rang 21. Ein Mann, der weiß, wovon er redet.

Den gemütlichen Liegestuhl lehnt der Ausnahmeathlet mit einem Schmunzeln dankend ab. Dieser würde nicht zu ihm passen. Also sitzen wir mit Jonathan Wyatt am warmen Holzboden der kleinen Terrasse direkt neben dem Starthaus der gefährlichsten Abfahrt der Welt und sprechen mit ihm über eine schwierige Saison und seine Zukunftspläne. Außerdem gibt der Lauf-Experte wertvolle Trainingstipps und versucht, mit glänzenden Augen die Faszination Trail Running zu erklären.

LAOLA1: Jonathan, wie sieht deine Saisonbilanz aus?

Jonathan Wyatt: Das war eine meiner härtesten Saisonen. Ich hatte große Probleme mit meinem Fuß. Das liegt wohl am vielen Training der letzten 25 Jahre. Darum musste ich sehr vorsichtig sein und das Training richtig dosieren. Ich konnte auch nicht so viele Rennen bestreiten. Jeder Sportler kennt das Gefühl, wenn die Dinge nicht wie gewohnt laufen. Dann muss man hart kämpfen, um motiviert und stark zu bleiben.

 

 

 

LAOLA1: Was war konkret das Problem?

 

Wyatt: Ich habe an der Fußinnenseite eine Sehnenentzündung. Diese Verletzung entsteht über die Jahre. Heuer hat sie (die Sehne/Anm.) eben entschieden, dass es genug ist und sich entzündet. Gemeinsam mit einem Experten von Salomon habe ich Einlagen entwickelt, die mir sehr helfen. Damit kann ich Ausgleichssport und ein bisschen Cross-Training machen, damit ich fit bleibe.

 

LAOLA1: Wird es besser?

 

Wyatt: Ja, es muss! Ich bin sehr zufrieden. Ich hatte viele Jahre Glück und wenige Verletzungen. Ich denke, das ist ein großer Vorteil von Trail Running. Der Untergrund ist weicher und unebener. Das hilft, die stabilisierenden Muskeln in den Füßen und Beinen zu trainieren. Man wird ausbalancierter, wenn man "off road" läuft und nicht auf einem total ebenen Untergrund wie der Straße. Dort sind Verletzungen wegen Überbelastung häufiger.

LAOLA1: Trotz Verletzung bist du beim „Lienzer Dolomitenmann“ mitgelaufen. Was macht diesen Wettkampf so besonders, dass du dir das angetan hast?

 

Wyatt: Der Dolomitenmann ist ein tolles Rennen! Man bekommt ein Mal im Jahr die Chance, mit drei anderen Top-Athleten ein Team zu bilden. Jeder versucht in seinem Sport, der Schnellste auf der Strecke zu sein. Ich bin also der Bergläufer, danach starten der Paragleiter und der Wildwasser-Spezialist und am Ende der Mountainbiker. Es war ein hartes Rennen, aber wir haben den zweiten Platz erreicht.

 

LAOLA1: Gibt es einen Unterschied zum Einzelrennen?

 

Wyatt: Ja, es ist definitiv anders. Bei einem Team-Rennen liegt mehr Druck auf deinen Schultern. Wenn du nur für dich läufst, kannst du sagen ‚Ok, ich hatte einen schlechten Lauf‘. Wenn du aber ein Team bist, musst du sagen ‚Hey Jungs, es tut mir leid‘. Ich war nicht so fit wie in den letzten Jahren. Der Mittelabschnitt war echt hart. Ich war mehr als eine Minute zurück, aber ich habe gewusst, dass es für das Team nicht gut genug ist, mein Rennen als Zweiter zu beenden. Also habe ich versucht, Zeit gut zu machen, um dem Team die bestmögliche Chance zu geben. Ich hatte im letzten Teil schwer zu kämpfen und bin mit ungefähr 25 Sekunden Rückstand auf den Schnellsten ins Ziel gekommen.

Antonella Confortola-Wyatt

LAOLA1: Wann kommst du wieder zurück?

Wyatt: Vor drei Jahren habe ich ein italienisches Mädchen (Langläuferin Antonella Confortula-Wyatt/Anm.) kennengelernt. Wir wohnen im Norden Italiens, im Trentino. Val di Fiemme ist bei Langläufern sehr bekannt. Deshalb werde ich den größten Teil des Winters hier verbringen. Das ist zwar für mein Lauftraining nicht ideal, aber ich liebe die Berge und den Schnee. Ich gehe gerne Langlaufen, das macht Spaß und hilft, fit zu bleiben.

 

LAOLA1: Wirst du Antonella bei ihren Weltcup-Rennen begleiten?

 

Wyatt (lacht): Ja, aber ich werde wohl nicht mitmachen, sondern an der Seite stehen und sie anfeuern. Langlauf und Berglauf haben viele Gemeinsamkeiten. Sie ist eine sehr gute Bergläuferin. Viele gute Langläufer sind gute Bergläufer, anders herum ist das nicht so einfach. Im Langlauf spielt die Technik eine große Rolle.

 

LAOLA1: Antonella ist wirklich gut im Berglauf.

 

Wyatt: Ja! Sie hat in diesem Jahr den Großglockner-Berglauf und den Harakiri-Berglauf in Mayrhofen gewonnen. Bei der Weltmeisterschaft ist sie Neunte geworden. Ich glaube, schön langsam ist Antonella die bessere Läuferin als ich! Das freut mich und ihr macht es Spaß. Für sie ist das weniger stressig als Langlaufen.

LAOLA1: Die „Salomon Aktiv Tage“ sind für dich leichtes Training, während manch anderer Teilnehmer an seine Grenzen stößt.

 

Wyatt: Die Aktiv-Tage sind für mich die Chance, leicht und locker zu trainieren. Wir sind eine tolle Gruppe begeisterter Leute. Jede Leistungsstufe ist vertreten. Es macht Spaß, Tipps zu geben und übers Berglaufen und Training zu reden.

 

LAOLA1: Welche Tipps hast du parat?

 

Wyatt: Das ist sehr unterschiedlich. Es ist wichtig, zu wissen, an welchem Punkt man anfängt. Ist man absoluter Anfänger oder hat man schon Erfahrung mit Straßenlauf und will etwas Neues ausprobieren. Für die Neueinsteiger gilt: Hab' Spaß und genieße das Laufen! Du musst sehr langsam anfangen. Du kannst dir nicht die Profis anschauen und denken, bei dem Rennen laufe ich jetzt einfach mit und bringe eine gute Leistung. Training und Vorbereitung sind alles. Fang' mit 15 Minuten alle zwei Tage an. Versuche, von der Straße weg zu kommen und bleibe am Gras. Dann kannst du dich langsam steigern. Ich bin mir sicher, in kurzer Zeit wirst du ein bis zwei Stunden jeden Tag laufen. Auf dieses Level kannst du nach vier oder fünf Monaten kommen. Wenn du magst, kannst du an kleineren Rennen teilnehmen. Wer weiß, vielleicht läufst du dann bei Outdoor Trails oder dem Transalpine-Lauf mit acht Stationen und 300 Kilometern mit. Nach oben sind definitiv keine Grenzen gesetzt.

LAOLA1: Wie geht es bei dir weiter?

 

Wyatt: Ich muss meiner Verletzung die Chance geben zu heilen und dafür sind Rennen nicht das Beste. Aber ich bin in meinem Herzen ein Wettkämpfer und liebe es, mich mit anderen zu messen. Ich versuche natürlich alles, um in diesem Jahr noch ein paar Rennen bestreiten zu können. Ich bin nur bei sieben Rennen gelaufen, normalerweise sind es 20 bis 25. Nach dem Dolomitenmann bin ich in Südtirol beim Drei-Zinnen-Lauf gestartet. Das ist einfach ein tolles Rennen, bei dem ich dabei sein wollte (Wyatt konnte den Bewerb zum 5. Mal gewinnen/Anm.).

 

LAOLA1: Wie schauen deine Pläne für den Winter aus?

 

Wyatt: Ich war jetzt sechs Monate hier und werde im Oktober zurück in meine Heimat Neuseeland fliegen. Dort ist gerade Sommer. Ich bereite mich auf die nächste Saison vor und arbeite als Architekt.

LAOLA1: Du arbeitest eng mit Salomon zusammen. Was ist deine Aufgabe?

Wyatt: Ich bin Teil vom Salomon-Team Österreich, habe aber auch die Möglichkeit, beim Salomon-Team International mitzumachen. Anfang des Jahres treffen sich die Läufer aus der ganzen Welt und sprechen mit den Produktverantwortlichen und den Jungs und Mädels, von denen die Schuhe, Kleidungsstücke und Rücksäcke designt und produziert werden. Wir helfen, die Ausrüstung zu designen, die dann jeder im Geschäft kaufen kann. Speziell die Produkte mit dem „S-LAB“-Logo sind in enger Zusammenarbeit mit den Athleten entstanden, die diese auch verwenden.

 

LAOLA1: Welchen Schuh favorisierst du?

 

Wyatt: Im Training verwende ich den S-LAB XT-Wings. Im Rennen den Speedcross, weil er einer der leichtesten Schuhe ist und guten Gripp bietet.

 

LAOLA1: Willst du den Trail Runnern dieser Welt und allen, die es werden wollen, eine Botschaft mit auf den Weg geben?

 

Wyatt: Wenn du die Möglichkeit hast, dich von einer Umgebung wie dieser (Kitzbüheler Bergwelt/Anm.) inspirieren zu lassen, ist Trail Running etwas, das du mögen könntest. Also geh' hinaus und laufe. Ich bin sicher, du wirst es lieben!

 

 

Das Interview führte Martina Gugglberger

 

LAOLA1: Zurück zu dir, Jonathan. Welche Ziele hast du dir noch gesteckt?

 

Wyatt: Ich schaue von Jahr zu Jahr. Das wird jetzt meine 12. oder 13. Saison als Bergläufer. Ich suche mir gerne neue Herausforderungen und habe schon mit Markus Kröll (Österreichs Berglauf-Aushängeschild/Anm.) geredet. Wir wollen nächstes Jahr längere Rennen und Abenteuer bestreiten. Vielleicht laufen wir bei Etappen-Rennen wie dem Four-Trail-Run mit. Das ist ein neuer Event, der durch Deutschland, die Schweiz und Österreich führt. Zugspitze-Ultratrail oder der Karwendelmarsch wären auch interessant. Sonst will ich Dinge wie den Großglockner-Berglauf, der für mich ein Klassiker ist, genießen. Vielleicht laufe ich auch beim Kitzbüheler-Horn-Lauf mit.

 

LAOLA1: Hast du ein Lieblingsrennen?

 

Wyatt: Das ist eine schwierige Frage. Auf jeden Fall den Drei-Zinnen-Lauf in Südtirol, auch in Gröden gibt es einen tollen Event. Ich mag die italienischen Dolomiten, das ist mein neues Zuhause und ich fühle mich dort wohl. Ich liebe auch den Großglockner-Berglauf und andere Klassiker wie den Schlickeralmlauf im Stubaital. Cool sind neue Events wie der Harakiri-Berglauf. Das ist eine tolle Strecke, die nicht super steil ist, sondern eine, die jeder fitte Läufer schaffen kann.

 

LAOLA1: Gibt es ein Rennen, das du noch nie gelaufen bist und unbedingt noch laufen willst?

 

Wyatt: Ja, eines dieser längeren Rennen. Weniger wegen des Wettkampfs, sondern mehr wegen des Abenteuers. Ich würde auch gerne in Neuseeland laufen. Da ich nicht oft dort bin, verpasse ich ein paar echt coole Rennen. Es gibt sicher die Möglichkeit, beim 166 km langen UTMB (Ultra Trail Mont Blanc/Anm.) rund um den Mont Blanc mitzumachen. Dabei steht für mich nicht der Wettkampf im Vordergrund. Ich würde einfach gerne die Strecke bewältigen, die Umgebung anschauen, ein paar Fotos machen und mit anderen Läufern reden. Ich denke, das wird eine meiner nächsten Herausforderungen. Die Welt ist groß. Es gibt unglaublich viele beeindruckende Plätze. Trail Running ist eine tolle Möglichkeit, die Natur zu entdecken. Du bewegst dich, kannst dich in aller Ruhe umsehen und die schöne Aussicht genießen.

 

LAOLA1: Das hört sich nach deiner Definition von Trail Running an.

 

Wyatt: Ja, das ist wohl der Grund, warum ich immer noch laufe. Klar gibt es gute und schlechte Tage. In den Bergen, durch Wälder und Flüsse zu laufen, gibt mir die Motivation, fit und gesund zu bleiben und natürlich auch die Rennen zu bestreiten.

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