Paris-Roubaix: Bradley Wiggins' letzte Schlacht

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2012 war das Jahr des Bradley Wiggins: Er gewann als erster Brite die Tour de France und krönte sich vor den Augen der Queen auf den Straßen Londons zum Olympia-Sieger.

Damit sorgte er dafür, dass eine ganze Nation radsportverrückt und er selbst zum Ritter geschlagen wurde. Man sollte meinen, dass sich der 34-Jährige gerne an diesen schicksalsträchtigen Sommer vor drei Jahren erinnert.

Doch weit gefehlt.

Die Schattenseiten des Ruhms

"Ich hatte keine Stabilität mehr in meinem Leben. Es war einfach irre", erklärt der "Sir" dem "Daily Telegraph", bevor er am Sonntag bei Paris-Roubaix in seine letzte Schlacht auf der WorldTour zieht, die passenderweise über mittelalterliche Pflastersteinwege führt.

Mit dem Rummel um seine Person sei er "nicht klargekommen". Die Monate nach seinen größten Triumphen verliefen so gar nicht nach seinem Geschmack, das Rampenlicht behagte ihm nicht.

"Ich war hier, dort, einfach überall. Ich hatte vergessen, was ich einmal geliebt habe".

"Habe es gehasst"

Doch die Probleme betrafen nicht nur Wiggins selbst, der sich ständig zu Dopingfragen ("Ich würde niemals dopen") äußern musste, sondern auch seine Familie: Die Kinder wurden in der Schule derart gemobbt, dass sie schließlich die Schule wechselten.

"Ich habe es gehasst, der Sieger der Tour de France zu sein, ich habe das Radfahren gehasst und die Medien, weil sie mir Fragen zu Lance Armstrong stellten. Ich habe Armstrong dafür gehasst, dass er Oprah Winfrey dieses Interview gegeben hat", erzählt Wiggins, der seit seinem Triumph nie zur Frankreich-Rundfahrt zurückkehrte.

Zurück in die Zukunft

Ein andere Rückkehr soll hingegen den Kreis für den gebürtigen Belgier schließen.

Wiggins plant nicht nur einen Angriff auf den Stundenweltrekord, sondern will bei seinem Comeback im Bahnradsport in Rio 2016 weitere olympische Medaillen sammeln. Vier Goldene, eine Silberne und zwei Bronzene hat er bereits.

Allerdings: Erfolg scheint dem eigenwilligen Briten nicht gut zu bekommen, auch nach seinem ersten Olympia-Sieg stürzte er in ein tiefes Loch und verfiel dem Alkohol. Damals gab ihm die Geburt seines Sohnes wieder einen Lebenssinn.

Ein eigenes Team

Wiggins, dessen Vater (ein Ex-Radprofi) die Familie verließ, als er zwei Jahre alt war, hat weder einen einfachen Charakter, noch gilt er als besonders umgänglich (fragt Chris Froome), dennoch ist er sich immer selbst treu geblieben und konnte sich bei Bedarf auch leidenschaftlich der Mannschaft unterordnen, wie etwa im Straßenrennen der Olympischen Spiele 2012.

Zusätzlich zu seinem Bahn-Comeback hat "Wiggo" nun ein weiteres Projekt auf die Beine gestellt: Er gründete seine eigene Equipe namens "Wiggins", welche ab Mai als Continental-Team sowohl auf der Bahn als auch auf der Straße an den Start gehen wird.

Der Druck ist weg

"Ich möchte in den nächsten Jahren nicht vergessen werden und als geschlagener Ex-Toursieger durchs Leben gehen", sagt Wiggins, doch darum braucht er sich wohl keine Sorgen machen.

Seine Karriere hat tiefe Spuren hinterlassen - im Radsport, in der Geschichte der Olympischen Spiele und in seiner Heimat.

Im Herbst 2014 entthronte er etwa den Deutschen Tony Martin als Zeitfahr-Weltmeister. Der Spaß am Radfahren ist nach und nach zurückgekehrt, der Erfolgs-"Kater" vorüber. "Niemand fragt mich heute mehr nach der Tour, das ist toll", wirkt "Sir Wiggo", der inzwischen Bart anstelle seiner charakteristischen Koteletten trägt, erleichtert.

Kindheitstraum

"Das Rennen ist ein Kindheitstraum von mir", erklärt der 34-Jährige, warum er ausgerechnet bei Paris-Roubaix seine Karriere beenden will.

"Ich glaube nicht, dass ich es mir schuldig war, ich wäre auch glücklich gewesen, wenn ich nach der WM aufgehört hätte. Ich habe lange überlegt und hatte einige Drinks. Ich hab mich gefragt, ob ich wirklich all diese Scheiß-Rennen fahren will", spielt er auf die Schwierigkeit der Klassiker, wie der Flandern-Rundfahrt oder Gent-Welvegem, die er heuer noch gefahren ist, an.

"Ich habe gesagt, dass ich meine Karriere in Roubaix beenden will und auf einmal hat jeder gesagt, oh, da kannst du gewinnen. Wie ein Happy End in einem Märchen, aber so einfach ist das nicht", weiß der Sky-Profi, der die 27 Paves-Passagen der "Hölle des Nordens" aus seinen sieben bisherigen Teilnahmen nur zu gut kennt.

Geht das Märchen weiter?

Im letzten Jahr wurde der Teamkollege von Bernhard Eisel in Roubaix Neunter, diesmal soll es bestenfalls für den großen Pflasterstein, der legendären Sieges-Trophäe, reichen.

"Ich würde alles geben, um in einer ähnlichen Situation wie im Vorjahr den Arenberg zu erreichen. Versteht mich nicht falsch, natürlich würde ich gerne gewinnen, aber ich muss auch erst einmal ohne Stürze durch das Rennen kommen", bleibt er zurückhaltend

Neben Eisel und Wiggins werden Andrew Fenn, Christian Knees, Ian Stannard, Gerraint Thomas, Luke Rowe und Salvatore Puccio für die britische Equipe an den Start gehen.

Größer als alles andere

"Ich würde auch mit einem gebrochenem Schlüsselbein fahren, um das Velodrom in Roubaix zu erreichen, schließlich ist es mein letztes Rennen", zeigt sich noch einmal Wiggins' Kampfgeist und Durchhaltevermögen.

"In meinen Augen wäre ein Sieg bei Paris-Roubaix größer als jeder andere", träumt er von einem Erfolg im ehrwürdigen Velodrom, in dem jeder Fahrer - egal, an welcher Stelle er liegt - noch eine Ehrenrunde drehen muss, ehe er das Ziel erreicht.

"Das heißt nicht, dass die Tour nicht groß war - sie war es. Aber es würde wohl mehr Spaß machen, in Roubaix zu gewinnen, weil das Rennen an einem einzigen Tag stattfindet und nach sechs Stunden vorbei ist."

Und nicht nur das Rennen, auch die einzigartige Straßenrad-Karriere des Ritters ist dann Geschichte.

 

Henriette Werner

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