Krizek: "Rennen hätte neutralisiert werden müssen"

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Windböen, Gewitter, Hagel und eine Straße glatt wie Schmierseife. So präsentierte sich das Wetter auf der ersten Etappe der diesjährigen Polen-Rundfahrt.

Leidtragender dieses Wetters war unter anderem Matthias Krizek. Der Österreicher befand sich in einer fünfköpfigen Spitzengruppe, die bereits einen großen Vorsprung herausgefahren hatte, als das Unwetter sie aller Chancen auf den Etappensieg beraubte.

Ein in dieser Form wohl einzigartiger Synchronsturz, der die gesamte Fluchtgruppe beinahe unter einen Sattelschlepper rutschen ließ, verkürzte den Vorsprung auf das Peloton derart, dass die Gruppe 1,5 Kilometer vor dem Ziel eingeholt wurden.

Belohnt

Etwas aber blieb dem Cannondale-Profi von seinem Ausreißversuch: Er sammelte Zeitbonifikationen, die ihn in die Top Ten des Gesamtklassements brachten.

Auf der vierten Etappe versuchte der 25-Jährige am Mittwoch erneut sein Glück. Doch auch dieses Mal wurde die Gruppe zehn Kilometer vor dem Ziel eingeholt.

Allerdings: Krizek gewann alle drei Sprintwertungen und schob sich dank der damit einhergehenden Zeitbonifikationen auf den zweiten Gesamtplatz des WorldTour-Rennens. Zudem darf er auf der fünften Etappe das Trikot des Sprintbesten tragen.

Wie er das Unwetter erlebt hat, was er sich für den Rest der Rundfahrt vorgenommen hat und welches große Highlight ihn heuer noch erwartet, erzählt er im Gespräch mit LAOLA1.

LAOLA1: Du warst auf der vierten Etappe bereits zum zweiten Mal in einer Ausreißergruppe. Die Form stimmt, oder?

Matthias Krizek: Die Form passt sehr gut. Die Gruppe ist gut gelaufen, ich habe alle Wertungen geholt und nun habe ich das Sprinttrikot sowie den zweiten Gesamtplatz. Das ist eine coole Sache, denn es ist ein WorldTour-Rennen, da fahren nur die Besten der Besten. Allerdings werden die nächsten zwei Tage sehr hart. Wahrscheinlich werde ich auch für andere Fahrer aus meinem Team arbeiten müssen. Ich werde aber mein Bestes geben und so lange wie möglich versuchen, meinen Platz zu halten.

LAOLA1: Welche Freiheiten hast du von deinem Team Cannondale aus?

Krizek: Wir haben Davide Formolo, der sehr gut drauf ist und bei der Tour de Suisse Siebenter geworden ist. Er ist unser Kapitän und für ihn wird in der Gesamtwertung gefahren. Wenn ich aber merke, dass ich genauso gute Beine habe, werde ich versuchen, ihm zu helfen und dennoch bei ihm zu bleiben.

LAOLA1: Was traust du dir auf den nächsten Teilstücken – speziell in den Bergen auf der fünften und sechsten Etappe – zu?

Krizek: Das Sprinttrikot ist auf jeden Fall ein Ziel. Wenn in der Gesamtwertung auch noch etwas Gutes herauskommt, ist das eine Draufgabe und wäre richtig gut. Gerade jetzt, wo es um einen neuen Vertrag geht. Ich habe allerdings ziemlich viel Kraft auf den letzten Etappen gelassen. Am ersten Tag war ich fast 220 km in der Spitzengruppe. Zudem bin ich kein richtiger Bergfahrer und auf der fünften Etappe gibt es eine Bergankunft, auf der sechsten fahren wir zehnmal einen Rundkurs mit insgesamt über 3.500 Höhenmetern...

LAOLA1: Kommen wir noch einmal auf die erste Etappe zu sprechen. Da warst du auch in einer Spitzengruppe und es sah lange Zeit richtig gut aus. Dann kam dieses furchtbare Unwetter. Wie hast du das erlebt?

Krizek: Normalerweise hätte das Rennen neutralisiert werden müssen! Zuerst herrschte ein extremer Sturm, dann begann es zu hageln – die Körner waren größer als Golfbälle –, und vor uns ist ein über zehn Meter hoher Baum umgefallen und lag mitten auf der Straße. Die Rennleitung sollte in einem solchen Fall das Rennen neutralisieren und mit den bis dahin herausgefahrenen Abständen neugestarten. Ich frage mich, wer die Verantwortung übernimmt, wenn den Fahrern etwas passiert. Wenn zum Beispiel ein Baum umstürzt und ein Fahrer getroffen wird... Es hätte um einiges schlimmer ausgehen können.

Ein vom Blitz getroffener Baum lag mitten auf der Straße

LAOLA1: Hattest du Angst?

Krizek: Ja, schon. Ich habe noch immer rote Flecken auf den Armen von den Hagelkörnen. Es war nicht so ohne. Von der Sicht braucht man gar nicht erst sprechen, die war gleich null. Dazu waren lauter Äste und Blätter auf der Straße, es war sehr rutschig und hinten im Hauptfeld gab es auch einen riesigen Massensturz. Jetzt reden alle drüber und für die Zuschauer ist es ein tolles Spektakel. Aber das dürfte im Grunde nicht auf unseren Schultern ausgetragen werden.

LAOLA1: Welche Reaktionen gab es hinterher von den Fahrern?

Krizek: Einige Fahrer, darunter auch größere Namen, haben sich an die Rennleitung gewandt, aber in einer solcher Situation trifft der Rennleiter die Entscheidung und die lautete: Weiterfahren. Im Nachhinein gab es auch keine Reaktion von den Organisatoren. Im Gegenteil, übertrieben gesagt, waren sie stolz drauf, dass das Video vom Hagel, in dem alle stürzen, so oft geteilt wurde.

LAOLA1: Du bist auch gestürzt, beziehungsweise ist die ganze Spitzengruppe zu Boden gegangen, was war da los?

Krizek: Die Straße war wie Glatteis, speziell in dieser Kurve standen Laken, die aussahen wie Seife. Wir sind alle gleichzeitig gestürzt. Zwei Tage zuvor bin ich im Training auf dieselbe Stelle gefallen, das hat richtig wehgetan. Aber in dem Moment denkt man da nicht dran, man will nur seine Chance nutzen und zurück aufs Rad. Am Ende wurden wir einen Kilometer vor dem Ziel eingeholt. Ohne den Sturz hätte das richtig knapp werden können.

LAOLA1: Hat dich das Unwetter um die Chance auf den Etappensieg gebracht?

Krizek: Wir haben dadurch sicher viel Zeit verloren, da die hinten keinen Hagel hatten und auch nicht den extremen Sturm. Aber es ist schwer zu sagen. Das Feld reagiert ja auch auf den Abstand. Unser Vorsprung ist allerdings innerhalb kürzester Zeit von sieben auf unter vier Minuten geschmolzen. Am Ende hätten uns 20 oder 30 Sekunden mehr gereicht, damit unsere Gruppe durchkommt.

LAOLA1: Wie empfindest du allgemein die Organisation? Im Fernsehen wirkt es manchmal etwas chaotisch, die Zeiten oder Streckenangaben stimmen nicht immer mit der Realität überein etc.

Krizek: Die Organisation ist sehr gut. Es kann aber sein, dass die Zeitabstände, wie auf der zweiten Etappe, als der Tscheche (Petr Vakoc, Anmerk.) gewonnen hat, nicht immer stimmen. Uns wurde zunächst ein um einiges geringer Zeitabstand genannt und als wir vor den drei Schlussrunden zum ersten Mal durchs Ziel fuhren, hatte er 15 Kilometer vor Schluss noch 2:40 Minuten. Das war dann zu viel. Die von Orica haben sich überhaupt vertan und gar nicht mitbekommen, dass noch einer vorne war. Auf den letzten Runden ging der Funk nicht mehr, deshalb hat Matthews auch die Arme in die Höhe gerissen, weil er dachte, gewonnen zu haben. Ich habe auf der Anzeige bei jeder Zieldurchfahrt den Abstand gesehen, aber ich fuhr auch in der Mitte des Feldes.

LAOLA1: Wie lautet dein Zwischenfazit von der Polen-Rundfahrt?

Krizek: Im Prinzip war es bisher sehr gut, das Wetter kann man nie beeinflussen, dem ist man immer ausgesetzt. Aber ich habe tolle Eindrücke gesammelt. Es sind echt viele Zuschauer da, auch im Ziel, als ich auf dem Podium stand, war eine riesige Zuschauermasse da. Das war toll. Die Hotels sind ebenfalls sehr schön. Es fehlt eigentlich nichts, alles in allem eine tolle Rundfahrt.

LAOLA1: Die Ereignisse auf der ersten Etappe haben dich also nicht runtergezogen?

Krizek: Auf keinen Fall. Aus unserem Team sind alle bis auf einen gestürzt. Es hat wohl jeder etwas mitgenommen von dieser Etappe, aber wir sind einiges gewohnt. So extrem vielleicht nicht, Gott sei Dank, aber der Tag wird schnell abgehakt, wir sind hart im Nehmen.

LAOLA1: Wie sieht deine weitere Saisonplanung nach der Polen-Rundfahrt aus?

Krizek: Montag geht es schon weiter mit dem Artic Race in Norwegen. Dann bin ich zwei Tage in meiner Wohnung in Italien, bevor es nach Spanien zur Vuelta geht. Wenn alles passt, bin ich da dabei, es ist zu neunzig Prozent fix. Das wird meine erste dreiwöchige Rundfahrt, das ist ein ganz großes Ding für mich. Seitdem ich mit dem Radsport begonnen habe, wollte ich an einer der großen Rundfahrten teilnehmen. Ich freue mich schon total, es wird sicher nicht leicht, aber eine spannende Herausforderung.

LAOLA1: Gibt es schon Neuigkeiten bezüglich einer Vertragsverlängerung oder Angebote von anderen Teams?

Krizek: Unser Team wird sich mit einem anderen Team zusammenschließen. Wir wissen es auch nur aus der Presse, dass es eine Fusion geben wird. Cannondale selbst hat noch keine Meldung herausgeben, das ist für uns Fahrer nicht so lustig. Wir tappen alle ein wenig im Dunklen. Ich hoffe, dass wir sobald wir möglichst bald eine Entscheidung mitgeteilt bekommen. Auch wenn es ein Nein ist, dann kann man sich wenigstens anderweitig umschauen. Es gibt schon einige Gespräche mit anderen Teams und ich hoffe, dass in den nächsten Wochen etwas Fixes herauskommt. Umso später es wird, umso schwieriger wird es.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Henriette Werner

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