Der Road-Captain und die Kopfstein-Bestien

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Die beiden Rad-Monumente Flandernrundfahrt und Paris-Roubaix stehen vor der Tür. Bernhard Eisel fährt seine 15. Saison als Rad-Profi, hat 66 Kopfstein-Klassiker in den Beinen, davon einen (Gent-Wevelgem) gewonnen und ist bereits 12 Mal hintereinander bei Flandern und Roubaix angetreten. Wenn es brenzlig wird, ist er als Team Sky-Road Captain zur Stelle. Im Interview spricht der 34-jährige  Klassiker-Experte darüber, wie diese Kopfstein-Bestien zu zähmen sind.

Frage: Du sitzt im Bus vor einem großen Tages-Klassiker wie Flandern oder Roubaix. Vielleicht ist das Wetter draußen nicht gerade das Beste. Wie fühlt man sich da als Fahrer?

Bernhard Eisel: Wenn du vor einem großen Klassiker im Bus sitzt und es ist gerade früher Morgen und du weißt, 6 Stunden Qualen liegen vor dir, dann ist die Stimmung – wie soll ich sagen – nicht gerade die beste. Jeder versucht sich zu konzentrieren und es ist manchmal ziemlich still. Du kannst probieren den einen oder anderen Witz zu machen, doch du merkst ziemlich schnell, dass sie plötzlich nicht mehr lustig sind. Es ist meine 15. Profi-Saison und trotzdem frag‘ ich mich noch immer, was ich anziehen soll. Ich gehe immer mit zu viel Wäsche ins Rennen, die ich dann versuche, so schnell als möglich los zu werden. Und dann gehst du raus und ziemlich bald bist du voller Dreck. Und das einzige, was du noch versuchen kannst, ist den Dreck nicht zu fressen.

Frage: Wie gehst du mental an so ein Rennen heran – kann man es mit einem Kampf vergleichen?

Eisel: Es ist mehr wie ein Kampf gegen dich selbst, um die Motivation und die Konzentration zu erhalten. Und dieser Kampf beginnt genau mit dem Ende der Klassiker im Vorjahr. Dann hast du 12 lange Monate, in denen du weißt, du kommst wieder hierher. Im Winter-Trainingslager sprechen wir oft davon, wie wir uns am besten für die Klassiker vorbereiten. Mental. Physisch. Und wenn du dann wieder dort bist, musst du imstande sein zu denken, ich habe alles getan, was möglich war. Ich weiß genau, was ich zu tun habe und bin ganz darauf konzentriert. Während des Rennens muss davon noch etwas übrig sein, nicht nur physisch, sondern vor allem mental. Und dann geht’s darum, vor jeder Kurve in die beste Position zu sprinten – dort zu sein, wo du zu sein hast, um nach deinen Team-Kollegen zu schauen und sie ganz nach vorne zu bringen. Und das ist es so ziemlich, wie man seine 6 Stunden auf dem Rad so verbringt.

Frage: Kann man ein so hartes Rennen überhaupt genießen?

Eisel: Vielleicht nachdem es vorbei ist (lacht). Manchmal glaubst du, dass du es gerade genießt, aber zwei Minuten später sieht das meist ganz anders aus.

Frage: Wenn du ganz am Ende des Feldes bist, wie schwer ist es bei einem Klassiker wieder ganz nach vorne zu kommen?

Eisel: Es kommt ganz aufs Timing an. Wenn es ein geplanter Boxenstopp ist und die Dinge nicht so schlecht stehen, lässt du dich einfach treiben und erarbeitest dir deinen Weg an die Spitze. Aber wenn du in einen Sturz verwickelt bist und die da vorne gerade richtig Tempo machen, dann stehst du vor einer schweren Entscheidung. Du versuchst alles, um an wieder an die Spitze heranzukommen und bringst dich dabei um. Denn, wenn sie am Ende wieder aufs Tempo drücken, bist du weg. Oder du machst das Pokerspiel mit, sparst Energie und hoffst darauf, dass die da vorne auch irgendwann einmal wieder langsamer werden. Manchmal ist das die bessere Entscheidung. Außer es gibt wieder einen Crash und dann ist das Rennen für dich sowieso vorbei.

Frage: Muss man bei einem Klassiker wenn es zum Massensprint kommt, rücksichtslos sein?

Eisel: Ja, muss man. Man sollte nicht, aber manchmal hat man eben keine Wahl. Speziell, wenn du um dich schaust und jeder kennt dich und du kennst jeden. Es gibt immer ein paar Fahrer, die rücksichtsloser sind als du selbst. Das wichtigste ist, nicht völlig vertrottelt zu sein und jemanden absichtlich zu Sturz zu bringen.

Frage: Wenn so viel los ist, ist es da nicht schwierig, Essen und Trinken zu sich zu nehmen?

Eisel: Auf jeden Fall. Manchmal vergisst man darauf. Manchmal geht es die ganze Zeit im Vollgas dahin. Da musst du nicht einmal auf Essen und Trinken vergessen, du hast schlicht keine Zeit dafür. Vielleicht trinkt man zu wenig, weil es zu kalt ist und dann kommen 40 Kilometer vor Schluss die Krämpfe. Dann fährst du um die Ecke und kannst nicht mehr und weißt plötzlich: Großer Fehler! Aber das ist alles Teil des Lernprozesses bei den Klassikern. Du kannst dich eben auch wochenlang davor mit einem Ernährungsplan mit vielen Kohlehydraten, also einem ordentlichen Carbo-Load, vorbereiten. Dann fühlst du dich vielleicht am Anfang ein bisschen voll, aber am Ende kann es dir helfen.

Frage: Es heißt oft, dass es gar nicht die Steigungen und die Kopfsteinpflaster-Sektoren die härtesten Abschnitte sind, sondern die Straßen dorthin. Stimmt das?

Eisel: Die Abschnitte davor sind immer hart. Und dann im Finale geht überhaupt die Post ab. Die ersten zehn Steigungen in Flandern sind einfach ein verrückter Kampf. Im Fernsehen sieht es vielleicht nicht so aus, und viele denken, dass das Tempo easy ist. Das kommt meistens daher, dass wir die Flachpassage davor mit Hochdruck gefahren sind. Wenn du einmal im Anstieg bist, kannst du nicht mehr volle Power geben, weil du ja versuchen musst, mit deinen Kräften hauszuhalten. Der Unterschied ist, wenn du an der Spitze bist, bleibst du auch dort. Du musst dort nicht mehr um die Position kämpfen, sondern es geht nur darum, Kraft für den nächsten Anstieg zu sparen.

Frage: Paris-Roubaix, wie ist das wirklich wenn man bei diesem Rennen zum berüchtigten Arenberg kommt?

Eisel: Der Arenberg ist immer etwas Besonderes. Wenn du ganz vorne im Pulk am Hinterrad eines Kollegen klebst, hast du Angst, dass der auf den ersten Pflastersteinen ausrutscht und du mit ihm vom Rad musst. Da gibt es nichts, was du dagegen tun kannst, so schnell kann dort niemand reagieren. Aber ich hab den Arenberg auch schon von ganz hinten im Feld erlebt, vor den Team-Autos, nachdem ich eine Reifenpanne hatte. Ich kam dort nicht mehr an die Spitze heran. Aber es ist einfach beeindruckend, dort drüberzufahren. Selbst wenn du ganz alleine bist.

Frage: Wenn du dich an deine ersten Starts bei diesen Rennen erinnerst, warst du nervös?

Eisel: Ich war nervös, ganz bestimmt. Man hat einfach großen Respekt vor diesen Klassikern. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was tatsächlich in mir vorgegangen ist. Aber ich weiß noch, dass ich mit Frederic Guesdon und den Jungs von FDJ gefahren bin. Ich hab einfach versucht, bei ihm zu bleiben. Manchmal war ich dort, um ihn zu unterstützen, aber meistens war ich einfach dabei, um etwas zu lernen.

Frage: Wenn du an Roubaix denkst, was sind die perfekten Bedingungen für ein Rennen?

Eisel: Gutes Wetter. Und warm soll es auch sein. Da nehme ich gerne den Staub in Kauf.

Frage: Wie fühlt man sich nach Paris-Roubaix? Einem solchen Rennen muss man doch irgendeinen Tribut zollen, zum Beispiel Blasen an den Händen?

Eisel: Blasen bekommt man in der Regel nur mit schlechten Handschuhen. Am Tag nach Roubaix fühlt man sich meistens ganz gut. Aber Tag 2 fühlt sich für den Körper so an, als wäre man schwer gestürzt, selbst wenn man es nicht ist. Aber am Ende ist es für uns einfach das letzte Klassik-Rennen der Saison und jeder weiß, dass man jetzt eine ordentliche Pause vor sich hat.

Frage: Unter Rad-Profis haben das Beenden des Rennens und eine Platzierung bei Paris-Roubaix offensichtlich einen besonderen Stellenwert. Fast so wie bei einer großen Rundfahrt.

Eisel: Es ist so ein hartes Rennen, das sagen zumindest wir, die wir es nie gewonnen haben (lacht). Servais Knaven ist der einzige von uns, der sagen kann: Ich hab das Ding gewonnen, bin es 17 Mal gefahren und habe es 17 Mal beendet. Ich bin 12 Mal gefahren und bin 12 Mal im Ziel angekommen. Wenn ich es einmal gewinnen könnte, wäre das genug.

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