Der Stockletzte wird zum Helden

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Talanskys einsamer Kampf gegen die Zeit

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Die Siegerehrung war längst abgehalten.

Die großen Stars hatten sich in die Teambusse zurückgezogen.

Doch die Fans waren geblieben.

Tausende Tour-de-France-Liebhaber blieben im Ziel in Oyonnax stehen, um ihn zu empfangen.

Ein einsamer Kampf

Andrew Talansky führte einen einsamen Kampf, fernab der Besten. Nur gegen den inneren Schweinehund und die Zeit.

Der US-Amerikaner aus dem Team Garmin-Sharp sollte ihn gewinnen. Auch wenn es knapp war.

Mit 32:05 Minuten Rückstand kam der 25-Jährige ins Ziel und blieb damit im Zeitfenster, das ihm die Tour-Organisatoren gestatteten.

Gezeichnet von Schmerzen rollte er über die Ziellinie und ließ seinen Gefühlen freien Lauf.

"Für meine Teamkollegen"

"Ich wollte die Etappe für meine Teamkollegen beenden", stammelte er den Reportern ins Mikrofon und vergoss dabei Tränen.

"Ich wollte nicht aufgeben nach all der Arbeit, die sie für mich geleistet haben."

Talansky war als Mitfavorit auf einen Podestplatz zur 101. Frankreich-Rundfahrt gereist, nachdem er sich in beeindruckender Manier am letzten Tag den Gesamtsieg beim Criterium du Dauphine sicherte und dabei Alberto Contador alt aussehen ließ.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen an den US-Boy, der zum ersten Mal als Leader in die "Grande Boucle" gestartet war.

Der Verletzungsteufel meinte es allerdings auch mit ihm nicht gut und so war er - wie u.a. die ehemaligen Tour-Sieger Andy Schleck (Trek), Chris Froome (Sky) und Alberto Contador (Tinkoff-Saxo) - gleich mehrfach in Stürze verwickelt.

Heftige Rückenschmerzen

Zwar blieb er zunächst im Rennen, doch Angaben von Garmin-Mitarbeitern zufolge wachte er am Mittwochmorgen mit heftigen Rückenschmerzen auf.

Das Ende schien nah, er wollte es jedoch unbedingt probieren und begab sich mit seinen Teamkollegen zum Start der elften Etappe.

Die Schmerzen wurden während der Fahrt immer stärker, Talansky verlor den Anschluss an das Hauptfeld und spulte solo Kilometer um Kilometer ab.

Rund 60 vor dem Ziel in Oyonnax stieg er vom Rad ab. Hinter ihm waren nur noch ein Begleitauto sowie der obligatorische "Besenwagen", der früher jene Fahrer aufsammelte, die aufgaben.

Bereits abgeschrieben

Auf dem offiziellen Tour-Twitter-Account wurde bereits seine Aufgabe vermeldete, doch das war verfrüht.

Sportdirektor Robbie Hunter sprach zu seinem Schützling, um ihn ein letztes Mal zu motivieren. Mehrere Minuten vergingen, dann setzte er sich wieder auf seinen Drahtesel.

Talansky kurbelte und kurbelte, doch das Zeitlimit wurde plötzlich zu seinem größten Rivalen. Für den 25-Jährigen war unklar, wo sich dieses genau befindet, daher durfte er sich keine Sekunde ausruhen. (Anm.: Nach Etappenende war klar, dass er sich 37:12 Minuten Rückstand erlauben hätte dürfen.)

Tour-Bosse gnadenlos

Wäre er zu spät gekommen, hätte es sein Aus bedeutet. Die Tour-Bosse kennen hierbei keine Gnade, wie Ted King im letzten Jahr leidvoll zu spüren bekam.

Während Tony Gallopin sich für seinen Etappensieg feiern ließ und Vincenzo Nibali das Gelbe Trikot des Gesamtführenden scheinbar mühelos verteidigte, holte Talansky die letzten Kraftreserven aus seinem Körper raus.

Es sollte reichen. 32:05 Minuten Verspätung zeigte die Uhr an, als er das Ziel passierte. Er wurde gefeiert, als hätte er die Etappe gewonnen.

Ein Radsport-Held

"Unglaubliche Leistung von Andrew Talansky. Wir sind stolz auf dich", twitterte sein Team.

Auch ESPN-Nachrichtensprecher Lon McEachern zog seinen Hut: "Er war meilenweit vom Tagessieger entfernt, aber Andrew Talanskys Mut macht zum nächsten amerikanischen Radsport-Helden."

Talanskys Teamkollege Ben King war ebenfalls voll des Lobes. "Andrew hat uns heute alle Ehre gemacht, wie er gekämpft hat."

Wie lange er noch durchhält, ist schwer vorherzusagen. Einfach so aufgeben kommt für den Kletterspezialisten aber nicht in Frage.

Die Tour de France zeigt sich wieder einmal gnadenlos und avanciert zur Tour der Leiden. Doch wie jedes Jahr werden dort Helden geboren. Spätestens seit seinem unvergleichlichen Kampf gegen die Uhr gehört auch Talansky zu ihnen.


Christoph Nister

 

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