Vom Feier- zum Trauertag

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Froome überlegen: Ist die Tour schon entschieden?

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Die Hände waren gen Himmel gestreckt, nachdem seine Beine ihm einen wahren Höhenflug bescherten.

„Ich finde gerade keine Worte. Das war unglaublich“, beschrieb Chris Froome seine Gefühle, nachdem er die versammelte Konkurrenz während der ersten Bergankunft der 102. Tour de France in überragender Manier in die Schranken wies.

Der Brite aus dem Sky-Rennstall trat wenige Kilometer vor dem Ziel in La Pierre-Saint-Martin unwiderstehlich an und ließ sämtliche Rivalen deutlich hinter sich.

Bezeichnend, dass ausgerechnet Teamkollege Richie Porte (AUS) mit rund einer Minute Rückstand Zweiter wurde.

Breites Grinsen

Ein Blick auf die Gesamtwertung treibt dem 30-Jährigen ein breites Grinsen ins Gesicht, liegen Tejay van Garderen (USA/BMC Racing/+2:52 Minuten) und Nairo Quintana (COL/Movistar/+3:09) doch jeweils rund drei Minuten zurück – als schärfste Verfolger.

Noch schlimmer sieht es für Giro-Triumphator Alberto Contador (ESP/Tinkoff) aus, der eine Packung von 4:04 Minuten mit auf die nächste Etappe nimmt. Titelverteidiger Vincenzo Nibali (ITA/Astana), der schon in der ersten Woche des Öfteren schwächelte, liegt gar 6:57 Minuten zurück.

Höchst ernüchternd verlief der französische Nationalfeiertag zudem für drei große Hoffnungen der „Grande Nation“. Jean-Christophe Peraud (AG2R/Vorjahres-Zweiter), Thibaut Pinot (FDJ/Vorjahres-Dritter) und Romain Bardet (AG2R/Vorjahres-Sechster) konnten dem Tempo der Spitzengruppe bereits vor dem Angriff Froomes nicht mehr folgen und mussten ihre Hoffnungen auf eine ähnlich erfolgreiche Tour wie 2014 frühzeitig begraben.

Trauer- statt Feiertag

Der Feiertag wurde zum Trauertag. Zumindest für sämtliche Konkurrenten Froomes. Der Tour-Sieger von 2013 leistete sich bislang nicht den Hauch einer Schwäche und dominiert nach Belieben. Die Tour scheint entschieden. Doch ist sie das tatsächlich oder können sich Quintana, Contador und Co. durchaus noch Hoffnungen auf eine Wende machen?

„Die Tour ist noch lang. Ich war schon öfter in einer solchen Position (wie Froome) und du kannst nie davon ausgehen, dass du gewonnen hast“, übte sich Contador in Durchhalteparolen, um dennoch die Überlegenheit des Sky-Kapitäns anzuerkennen.

„Es war für mich unmöglich, mit Froome mitzugehen, aber das war es auch für viele andere. Wir müssen ihm gratulieren. Er ist drei Stufen besser als wir, hat gemacht, was er wollte und das Gesamtklassement ordentlich über den Haufen geworfen“, erklärte der 32-Jährige, der als erster Profi seit Marco Pantani 1998 das Double aus Giro und Tour verwirklichen wollte.

Der Tinkoff-Leader hatte im Schlussanstieg große Probleme mit der Atmung und konnte sein Potenzial nie abrufen. „Ich musste meinen eigenen Rhythmus finden, denn ich habe mich nicht gut gefühlt“, meinte „El Pistolero“, der die „Ruhe bewahren“ und sich „taktisch neu ausrichten“ will.

Während Contador trotz des großen Zeitverlusts an ein Wunder glaubt, scheint das Team Astana jeden Funken Hoffnung verloren zu haben. „Es steht fest, dass wir dieses Jahr die Tour nicht gewinnen werden“, zeigte sich Teammanager Alexander Vinokourov geschockt.

Astana gibt auf

Sein Aushängeschild Nibali leistete sich einen weiteren schlechten Tag. Wie Contador sprach auch der „Hai von Messina“ von Atemproblemen. „Ich hatte überhaupt keine Power und konnte kaum meinen Teamkollegen folgen.“

Der Italiener scheint weit entfernt zu sein von der Form, die ihm im Vorjahr den größten Erfolg seiner Karriere inklusive vier Etappensiegen einbrachte. „Ich bin nicht einmal der kleine Bruder von jenem Nibali, der im letzten Jahr gewonnen hat“, resümierte er ernüchtert.

„Ich will nicht, dass auch nur einer denkt, Vincenzo sei nicht in guter Form zur Tour gekommen“, hielt sein Sportdirektor und Mentor Giuseppe Martinelli dagegen, ohne dafür fundierte Argumente vorbringen zu können.

Stattdessen tröstete er sich mit dem Leid zahlreicher hochgehandelter Akteure. „Wir haben zahlreiche Kollapse gesehen: Contador, (Joaquim) Rodriguez und viele andere.“

Quintana hofft

Der Einzige, der nicht für den Sky-Rennstall pedaliert und dennoch annähernd mit selbigem mithalten konnte, war der Etappen-Dritte Quintana. Der 24-jährige Kolumbianer musste sich jedoch ebenfalls eingestehen, einen scheinbar übermächtigen Gegner im Kampf um Gelb zu haben.

„Meine Beine waren gut, ich habe mich insgesamt sehr gut gefühlt. Dennoch war klar, dass einer unserer großen Rivalen auf einem deutlich höheren Level war, als wir alle dachten.“ Quintana sprach von der „Übermacht“ Froomes und davon, dass man den Status quo zu akzeptieren habe.

Aufgeben kommt für die Berggemse aus Südamerika trotzdem nicht in Frage. Die enorme Hitze scheint Froome nichts auszumachen, doch es könnte auch regnerische Tage geben. Der 30-Jährige gilt nicht als der beste Abfahrer und bietet seinen Rivalen hier durchaus Angriffsfläche.

Quintana kommt mit Fortdauer einer Grand Tour tendenziell immer besser in Schwung, zudem zeigte Froome vor zwei Jahren bei Seitenwind Schwächen und verlor Zeit auf Contador.

„Ich träume schon so lange davon, die Tour de France zu gewinnen und ich will diesen Traum am Leben halten. Meine Chancen haben einen herben Dämpfer bekommen, aber ich werde kämpfen bis zum Ende“, kündigte Quintana an und gab damit die Marschrichtung vor: Nur, wer an sich glaubt, hat auch eine Chance.

Selbst gegen den überragenden Chris Froome.


Christoph Nister

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