Die Award-Gewinner der Tour de France 2015

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Es ist vollbracht.

Nach drei Wochen des Leidens und Kämpfens ist Paris erreicht.

Die 102. Tour de France ist Geschichte, jetzt darf gefeiert werden. 160 von 198 Fahrern haben am Sonntagabend das Ziel auf der Avenue des Champs-Élysées erreicht.

Für die einen, wie Chris Froome oder Andre Greipel, war sie ein voller Erfolg. Für manch andere, etwa Alberto Contador oder Alexander Kristoff, blieben die Jubelmomente aus.

Für LAOLA1 ist indes Zeit, die Highlights der diesjährigen "Großen Schleife" noch einmal entsprechend zu würdige. Wer war bester Hauptdarsteller? Wer lieferte die beste Show? Und wer zeichnete für den unnötigsten Auftritt verantwortlich?

Das sind die Awards zur Tour de France 2015:

 

Bester Hauptdarsteller – Chris FROOME

Ebenfalls nominiert: Nairo Quintana, Andre Greipel, Peter Sagan, Joaquim Rodriguez

Wachsam auf der Windkante, überraschend stark auf Pavés, exzellent auf Klassiker-Terrain und eine Klasse für sich in den Pyrenäen – all diese Zutaten haben gereicht, um am Ende die Tour de France ein zweites Mal nach 2013 zu gewinnen. Chris Froome, ein 30-jähriger in Kenia geborener Brite, konnte sich letztendlich sogar eine kleine Schwäche in den Alpen leisten, ohne dass ihm Nairo Quintana noch die Suppe versalzt. Der Sky-Kapitän war über die vergangenen drei Wochen hinweg der stärkste und ausgeglichenste Fahrer und hat nicht von ungefähr auch die Bergwertung für sich entschieden.

 

Bester Nebendarsteller – Geraint THOMAS

Ebenfalls nominiert: Marcel Sieberg, Rafal Majka, Woet Poels, Richie Porte

Für viele eine Überraschung, war Experten schon länger klar, welche großes Rundfahrtpotenzial in ihm steckt. Auch wenn Thomas am Ende in den Alpen der Saft ausging, wusste er über zweieinhalb Wochen mehr als nur zu überzeugen. Er opferte sich für seinen Kapitän Chris Froome auf und lag selbst lange Zeit auf Top-5-Kurs in der Gesamtwertung. Der 29-Jährige ist ein Allrounder und auf jedem Terrain nur schwer abzuhängen. Darüber hinaus gebührt ihm der Titel für den spektakulärsten Crash, als er auf der Abfahrt nach Gap mit dem Kopf einen Telefonmasten rammte, eine Böschung runterstürzte und dennoch wieder aufs Rad stieg, um die Etappe sowie Rundfahrt fortzusetzen.
 

 

Bestes Drehbuch – 14. ETAPPE (SIEGER: STEVE CUMMINGS)

Ebenfalls nominiert: 2. Etappe (Andre Greipel), 4. Etappe (Tony Martin), 10. Etappe (Chris Froome), 20. Etappe (Thibaut Pinot)

Bis dahin enttäuschend, wollten Romain Bardet und Thibaut Pinot die französischen Fans mit einem Etappensieg entschädigen. Am letzten Anstieg nach Mende setzten sich die beiden von ihren Fluchtgefährten ab, waren sich jedoch nicht über die Führungsarbeit einig. So kam es, wie es kommen musste. Steve Cummings aus dem südafrikanischen MTN-Qhubeka-Team saugte sich Meter für Meter an die beiden heran, zog vorbei und raste zum ersten Tour-Etappensieg der Team-Geschichte. Als wäre die Dramatik nicht Grund genug für die Auszeichnung, geschah dies auch noch – ausgerechnet – am „Mandela Day“. Selbst Hitchcock hätte es kaum besser hinbekommen …

 

Beste Show – Peter SAGAN

Ebenfalls nominiert: Daniel Teklehaimanot, Chris Froome, Nairo Quintana

Wer wird Etappen-Zweiter? „Peter Sagan!“ Es wurde zum Running Gag während der Tour, denn der Slowake schrammte nicht weniger als fünf Mal als Zweiter hauchdünn am Tagessieg vorbei. Sich über den Tinkoff-Star lustig zu machen, wird seiner Leistung jedoch nicht gerecht. Dem wohl besten Techniker im Feld gelang es, sich vier Mal in Folge (!) in der Ausreißergruppe des Tages zu positionieren, er glänzte auf hügeligem Terrain, in Massensprints, in Abfahrten, auf Kopfsteinpflaster – und als Helfer von Alberto Contador. Als Belohnung darf der 25-Jährige zum vierten Mal in Folge das Grüne Trikot des punktbesten Pedalritters mit nach Hause nehmen.

 

Ehren-Award – Greg LEMOND

Drei Mal (1986, 1989 und 1990) gewann der US-Amerikaner die Tour de France. Hätte ihn sein Schwager nicht 1987 bei einem Jagdunfall mit einer Schrotflinte getroffen, hätte er sie wohl noch öfter gewonnen. Der heute 54-Jährige war einer der Ersten, die Lance Armstrongs Leistungen kritisch hinterfragten und gab auch nicht klein bei, als dieser versuchte, ihn fertig zu machen. Sein langer Atem zahlte sich aus, denn während Armstrong im Radsport inzwischen die Rolle der persona non grata ausfüllt, spricht LeMond Tag für Tag als „Eurosport“-Botschafter zu einem Millionenpublikum. Dort gibt er seine Expertisen zum Besten und besticht mit Fachwissen, Eloquenz und Charisma.

 

Beste Regie – EUROSPORT

Ebenfalls nominiert: ARD, SRF 2

Wir konzentrieren uns in dieser Wertung ausschließlich auf den deutschsprachigen Raum und wollen den Kollegen von „Eurosport“ ein Kompliment aussprechen. Allen voran Jean-Claude Leclerq und Karsten Migels schafften es drei Wochen lang, das Publikum mit Anekdoten, Insidergeschichten und Sachverstand bei Laune zu halten. Da sei es Leclerq auch verziehen, dass wir froh sind, die Begriffe „Relaisstation“ und „exponieren“ eine Zeit lang nicht mehr zu hören. An dieser Stelle muss auch Kritik angebracht werden – in Richtung ORF. Der Staatsfunk glänzte einmal mehr mit Abwesenheit und übertrug keine einzige Sekunde der Rundfahrt live.
 

 

Bestes Kostümdesign – TINKOFF-SAXO

In dieser Kategorie gibt es nur einen Nominierten. Während alle anderen Teams auf das längst bekannte Trikot setzten und etwa LottoNL-Jumbo trotz starken Gelb-Anteils keine Änderungen vornehmen musste – zu ONCE-Zeiten war die Veranstalter-Organisation ASO noch deutlich strenger –, präsentierte die russische Equipe Tinkoff-Saxo um seinen exzentrischen Eigentümer Oleg Tinkov ein neues Jersey im Camouflage-Style. Keine Frage, das Design ist Geschmackssache, der Mut der Truppe gehört jedoch belohnt.

 

Größter Fauxpas – Eduardo SEPULVEDA

Ebenfalls nominiert: Steve de Jongh und ein Tinkoff-Mechaniker, Davide Bramati

Bereits im Jahre 1904 gab es den ersten Tour-Skandal, als zahlreiche Teilnehmer Teile der Strecke mithilfe der Bahn zurücklegten. Bei Eduardo Sepulveda waren es zwar „nur“ 100 Meter im Auto, sein Blackout kostete ihn jedoch ein Top-15-Ergebnis. Die ASO disqualifizierte den 24-jährigen Argentinier, der als Kapitän des Bretagne-Teams fungierte. Diesem Riss die Kette an seinem Rad, woraufhin er sich von einem Ag2r-Auto zu seinem Betreuer kutschieren ließ.

 

Unnötigster Auftritt – Laurent JALABERT

Ebenfalls nominiert: Lance Armstrong, Luca Paolini

Es war ein Kopf-an-Kopf-Duell, denn in Wahrheit hätte die Tour de France keinen der drei Nominierten gebraucht. In Frankreich sehen das viele jedoch anders, sodass sich Laurent Jalabert als TV-Kommentator größter Beliebtheit erfreut. Dabei erdreistete sich der überführte – und dennoch bis heute nicht geständige – EPO-Sünder, die Leistungen Chris Froomes on air in Frage zu stellen. Als „Jaja“ von nicht-französischen Medien damit konfrontiert wurde, leugnete er trotz Audio-Beweisen – wieder einmal – alles. Solange der Radsport solche Lügner und Betrüger nicht loswird, wird wohl auch das zweifelhafte Image an ihm haften bleiben.

 

Größter Pechvogel – Ivan BASSO

Plötzlich geriet der Sport in den Hintergrund. Ivan Basso stellte sich am ersten Ruhetag der „Grande Boucle“ der Weltöffentlichkeit und erklärte, wenige Minuten zuvor die Schock-Diagnose Hodenkrebs übermittelt bekommen zu haben. Der Italiener stürzte zu Beginn der Rundfahrt und quetschte sich seinen Testikel. Der zweifache Giro-Sieger (2006 und 2010) verließ die Tour, um sich umgehend in einer Operation das Krebsgeschwür entfernen zu lassen. Die Behandlung zeigte Wirkung, der 37-Jährige muss sich vorerst keinen weiteren Behandlungen unterziehen. „Ich bin außerordentlich glücklich mit der Behandlung und möchte den Ärzten danken“, erklärte der Tinkoff-Profi, der in Paris mit seinen Kollegen feierte.
 

 

Größter Glückspilz – Greg VAN AVERMAET

Ebenfalls nominiert: Geraint Thomas

Während Thomas, wie eingangs erwähnt, einen wahren Horror-Sturz schadlos überstand, hatte der Belgier Greg van Avermaet gleich aus zweierlei Hinsicht Glück. Zum einen triumphierte der BMC-Profi auf der 13. Etappe mit Ziel in Rodez und profitierte von einem taktischen Fehler Peter Sagans. Zum anderen wurden ihm wenige Tage später Vaterfreuden zuteil. Van Avermaet, zu diesem Zeitpunkt bereits ausgestiegen, um bei der Geburt dabei zu sein, und seine Freundin Ellen sind inzwischen stolze Eltern der 48 Zentimeter kleinen und 3,3 Kilogramm schweren Fleur.

 

Härtester Hund – Jean-Christophe PÉRAUD

Ebenfalls nominiert: Adam Hansen, Michael Matthews

Es sah fürchterlich aus, als Péraud auf dem 14. Teilstück auf flachem Terrain bei Tempo 60 zu Fall kam. Hautabschürfungen am ganzen Körper, blutende Wunden und ein komplett zerfetztes Rad-Outfit trug der 38-jährige Franzose davon. „Die Tour frisst mich auf“, erklärte der Vorjahres-Zweite, wollte jedoch partout nicht aussteigen. Péraud gehört – wie die Mitnominierten Hansen (zwölfte Grand Tour in Folge beendet) und Matthews (prellte sich auf der 3. Etappe mehrere Rippen, kämpfte mehrere Tage gegen das Zeitlimit) – zu einer besonders hart gesottenen Spezies und erreichte wie 159 weitere Velo-Profis am Sonntagabend die Avenue des Champs-Élysées.

 

Dümmste Aktion – UNBEKANNT

Zwölf bis 14 Millionen Fans stehen an der Strecke einer Tour. Irgendwie logisch, dass manche nicht die hellsten Köpfe sind. Einige dieser Idioten – bislang blieben allesamt anonym – fallen leider in die Kategorie „Vollidioten“. Chris Froome wurde zweimal bespuckt und mit Urin beworfen, sein Sky-Teamkollege Richie Porte bespuckt und in die Rippen geschlagen. Es ist traurig, dass ein Gros der Fans aufgrund solcher Deppen in Verruf gebracht werden. Noch trauriger ist, dass sie mit ihren Dummheiten auch noch davon kommen. Vorerst unbekannt ist auch der Verrückte, der in Paris Absperrungen durchbrechen wollte, woraufhin sich die Polizei genötigt fühlte, Schüsse abzugeben

 

Bester heimischer Profi – Marco HALLER, Georg PREIDLER, Matthias BRÄNDLE

Keine Frage, allen drei Debütanten – Georg Preidler, Marco Haller und Matthias Brändle – gebührt unser größter Respekt. Drei Wochen gekämpft, gerackert und gelitten, doch alle drei haben es bis nach Paris geschafft. Brändle zeigte zu Beginn auf und wurde Siebenter im Prolog, danach machte ihm die enorme Hitze schwer zu schaffen. Preidler riss zweimal aus und ließ sich auch von einer Verkühlung nicht stoppen. Haller verursachte zwar einen Massensturz, machte jedoch vor allem als exzellenter Helfer des glücklosen Alexander Kristoff auf sich aufmerksam und riss auf der ersten Alpen-Etappe nach Gap aus. Alle drei haben sich diesen Award mehr als verdient. Glückwunsch an dieser Stelle auch an Christian Pömer, der als erster sportlicher Leiter Österreichs (für Bora-Argon 18) die „Große Schleife“ meisterte. 

 

Bester Tweet – Adam HANSEN

Ebenfalls nominiert: Luke Rowe, Mark Cavendish

 

Der Australier ist bekannt für seinen Zynismus und nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Als Grand-Tour-Dauergast, der das Dutzend vollmachte und bei der Vuelta mit seiner 13. dreiwöchigen Landesrundfahrt in Folge einen neuen Alltime-Rekord aufstellen will, pflegt aber auch Traditionen. So genehmigte er sich, wie schon vor zwei Jahren, ein Bier auf dem Anstieg hoch nach Alpe d’Huez.

 

Größte Errungenschaft – MTN-Qhubeka

Wildcard-Teams bei der Tour sind ein streitbares Thema. Nicht selten wollen Insider sie loswerden, im Falle von MTN-Qhubeka muss man jedoch von einem Glücksfall für den Radsport sprechen. Erstmals wurde bei der Tour ein in Afrika lizensiertes Team zugelassen, das auf Anhieb eine tragende Rolle spielte. Daniel Teklehaimanot avancierte in Eritrea zum Nationalhelden und trug fünf Tage lang das Bergtrikot, Steve Cummings bescherte dem Rennstall den ersten Etappensieg, zudem war die Equipe fast täglich in Ausreißergruppen vertreten. Aller Ehren wert ist auch die Message, die Co-Sponsor Qhubeka (dt.: „voranbringen“) verbreiten will. Ziel ist es, Fahrräder an afrikanische Kinder in ländlichen Regionen zu verteilen. Allein bei der Tour soll Geld für rund 5.000 Bikes gesammelt worden sein. Das Ziel wurde mehr als erfüllt, zumal man den Eindruck gewinnt, dass man damit einen schlafenden Riesen geweckt hat und dabei ist, einen Kontinent für den Radsport zu gewinnen.

 

Award-Sonderpreis - Christian PRUDHOMME

Braucht es das Kopfsteinpflaster bei der Tour? Warum gibt es kein langes Einzelzeitfahren? Die Kritik am Kurs der Tour war bereits bei der Präsentation im Herbst des letzten Jahres groß, Chris Froome erwägte öffentlich sogar einen Startverzicht. Letztendlich muss man Tour-Direktor Christian Prudhomme für seinen Mut loben und zu seiner Route beglückwünschen. Speziell die erste Woche war gespickt mit unterschiedlichsten Herausforderungen auf diversen Terrains. Die Frankreich-Rundfahrt war ein dreiwöchiges Spektakel mit unzähligen Highlights. Nichtsdestotrotz gibt es weiter Stellschrauben, an denen gedreht werden muss. Umso gespannter darf man der Präsentation der Route für 2016 entgegen blicken.


Christoph Nister

 

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