"Das Fieber war scheiße"

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Kittel über Zweigleisigkeit, Medienberichte & Erfolge

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Im vergangenen Jahr war er DER Sprintstar der Tour de France: Marcel Kittel.

Vier Etappensiege - darunter der Sieg auf der ersten Etappe, daraus resultierend das Gelbe Trikot des Gesamtführenden, und der Triumph auf den prestigeträchtigenden Champs Elysées zum Abschluss - waren die sensationelle Bilanz.

In der aktuellen Saison konnte der 26-Jährige ebenfalls bereits einige Ausrufezeichen setzen und sorgte vor allem mit seinen beiden Etappensiegen beim Giro d'Italia für Aufsehen - er gehört nun zu der kleinen Gruppe jener Radsportler, die bei allen drei großen Landesrundfahrten Siege feiern konnten.

Trotz alledem ist der Deutsche am Boden geblieben ("Privat ist alles beim Alten") und geht mit einem, in Relation gesehen, relativ bescheidenen Ziel in die am Samstag beginnende Frankreich-Rundfahrt.

Im großen LAOLA1-Interview spricht der Topsprinter zudem über die schwierige Beziehung zwischen dem Radsport und den Medien sowie darüber, dass er bei der Zusammenstellung des Tour-Teams von Giant-Shimano kein Mitspracherecht hatte.

Er verrät auch, warum er sich vor den Kopfsteinpflasterpassagen nicht in die Hose macht und warum es laut jüngsten Erkenntnissen der Sportwissenschaft gut für ihn ist, Eis zu essen.

LAOLA1: Zunächst einmal ein Wort zu deiner aktuellen Form: Inwiefern hat dich der Infekt, den du dir in Irland zu Beginn des Giro eingefangen hast, zurückgeworfen und wo stehst du jetzt?

Marcel Kittel: Ich fühle mich gut und bin optimistisch, was die nächsten Wochen angeht. Das Fieber in Irland war - auf gut deutsch gesagt - scheiße. Das war nicht so gut, da habe ich mich richtig miserabel gefühlt und es hat mich eine Woche gekostet. Aber es ist nun mal so. Ich war nun im Höhentraining in Spanien und die Beine sind wieder gut. Ich fühle mich also bereit!

LAOLA1: Mit welchen Zielen gehst du in diesem Jahr in die Tour?

Kittel: Ich habe das gleiche Ziel wie im letzten Jahr, als ich in die Tour gegangen bin und gesagt habe, ich möchte gerne eine Etappe gewinnen und die Tour beenden. In diesem Jahr ist es das gleiche. Ein Etappensieg wäre sehr schön…

LAOLA1: Im letzten Jahr hat das ja sensationell gut geklappt mit deinen vier Etappen-Siegen. Denkst du manchmal, dass es gar nicht mehr besser werden kann?

Kittel: Naja, das war eine absolute Ausnahme-Tour für mich persönlich und die ganze Mannschaft. Mit dem Gelben Trikot, den vier Etappensiegen und dem Sieg auf den Champs Elysées - das ist schon sehr schwer zu toppen. Deshalb nehme ich mir in diesem Jahr dasselbe vor wie im letzten, auch mit dem Wissen, dass dieses so schwer zu überbieten ist. Ich will mir da auch nicht so viel Stress machen.

LAOLA1: Welcher Sprinter kann dir bei der Tour am gefährlichsten werden, beziehungsweise, wer ist am besten in Form?

Kittel: Es gibt viele gute Sprinter (lacht). Ich glaube, dass die alle gut in Form sind, deswegen würde ich auch mit Andre Greipel und Mark Cavendish die üblichen Verdächtigen nennen, weil sie, was die Sprintvorbereitungen angeht, einfach die stärksten Mannschaften haben. Auf die muss man auf jeden Fall ein Auge werfen. Ob jemand nicht ganz so fit ist, sieht man erst, wenn man da ist. Im Vorhinein so etwas zu behaupten, halte ich für gewagt.

LAOLA1: Du hast in deinem Team mit John Degenkolb einen weiteren Topsprinter dabei – gibt es eine klare Hierarchie?

Kittel: Die Hierarchie sieht so aus, dass wir uns vorher zusammensetzen und die Etappen genau besprechen. Dabei entscheiden wir, wann für wen gefahren wird und was wem liegt. Das macht Sinn, damit die Aufteilung klar ist. Das macht es auch während des Rennens einfacher.

LAOLA1: Euer Team ist komplett auf Sprints ausgelegt, obwohl ihr mit Warren Barguil auch ein großes Rundfahrer-Talent im Team hättet. Hattest du ein Mitspracherecht bei der Teamzusammenstellung?

Kittel: Um ehrlich zu sein, nein. Die Mannschaft hat entschieden, wer fahren wird. Letzten Endes ist es klar, dass wir unseren Fokus auf Sprints legen, aber die Entscheidung ging von der Mannschaft aus, nicht von John oder mir.

LAOLA1: Nun gibt es ja Teams wie Lotto-Belisol, die mit Greipel und Van den Broeck sowohl aufs Klassement als auch auf Sprints setzten. Glaubst du, dass man heutzutage noch ohne Qualitätsverlust wie zu T-Mobile-Zeiten zweigleisig fahren kann oder muss man sich als Team für eines entscheiden?

Kittel: Ich glaube, dass es schwer ist, auf beides zu setzen. Mit einer unheimlich starken Mannschaft wie 2012 mit Wiggins und Cavendish ist es schon irgendwie möglich. Aber wir würden uns daran übernehmen. Wir haben natürlich auch keinen Fahrer, der bei der Tour de France in die Top Ten fahren kann, deswegen stellt sich die Frage für uns gar nicht. Aber es ist auf jeden Fall schwer, sich auf beides zu konzentrieren und ich denke, es ist besser, sich für eines zu entscheiden.

LAOLA1: Bist du einige Etappen der diesjährigen Tour abgefahren?

Kittel: Ja, wir waren mit einer kleinen Mannschaft in England, sind die ersten zwei Etappen abgefahren und haben uns die Strecke angeguckt.

LAOLA1: Die fünfte Etappe führt über Kopfsteinpflaster-Passagen. Freust du dich darauf oder hast du Respekt davor?

Kittel: Es ist auf jeden Fall was Neues. Auch wenn es das schon gab, bin ich persönlich bei einer Rundfahrt noch keine solche Etappe gefahren. Ich freue mich darauf, weil mir Kopfsteinpflaster auch liegen und mit Johnny als zweiten bei Paris-Roubaix haben wir einen heißen Favoriten im Team.Wenn ich ein Klassement- oder Bergfahrer wäre, würde ich mir mehr in die Hosen machen. Es ist eine andere Situation, wenn man um den Gesamtsieg der Tour fährt und sich über solche Etappen quälen muss, die einem als leichten Bergfloh nicht so liegen. Es zeigt sich dann, wie allgemein stark ein Gesamtsieger ist.

LAOLA1: Gerade in der ersten Tour-Woche wirkt das Rennen meist sehr hektisch, ist es tatsächlich so oder kommt einem das nur so vor? Und wie schützt man sich am besten vor Stürzen?

Kittel: Es ist auf jeden Fall sehr hektisch. Gerade, wenn es auf der ersten Etappe ums Gelbe Trikot geht, möchte jeder seine Chance nutzen. In der Nervosität und Hektik beim Kampf um vordere Positionen im Feld knallt es schon mal. Wenn einer stürzt, werden die, die heil durchgekommen sind, noch nervöser. Diese Kettenreaktionen machen es dann auch nicht einfacher. Schützen kann man sich nicht wirklich.

LAOLA1: Dein Physio-Therapeut Kevin Pfeifer hat vor kurzem die Berichterstattung in den Medien kritisiert und erklärt, dass die Verbindung Radsport und Doping überholt sei. Hast du den Eindruck, dass sich die Berichterstattung inzwischen wieder mehr auf das Sportliche konzentriert

Kittel: Gerade in Deutschland spielt das Thema Doping und Doping-Prävention nach wie vor eine große Rolle. Mehr als uns zu positionieren und Rennen zu gewinnen, können wir nicht machen. Es hängt auch von den Medien ab, wie sie sich entscheiden, über Radsport zu berichten. Da haben wir als Rennfahrer nur sehr begrenzten Einfluss. Das Thema wird immer vorkommen, was berechtigt ist, man sollte da auch dran bleiben. Aber es ist logisch, dass wir uns als Rennfahrer wünschen, dass sich wieder mehr auf die Rennberichterstattung konzentriert wird.

LAOLA1: Bisher hast du also noch keinen Wandel feststellen können?

Kittel: Es tut sich schon etwas, zum Beispiel hat er der Hessische Rundfunk die Deutschen Meisterschaften übertragen, das ist auf jeden Fall ein Fortschritt. Deswegen sollte man da auch nicht zu kritisch sein. Die Schritte in der Medienberichterstattung wieder nach vorne sind viel kleiner als die Schritte, die wir gemacht haben, als es darum ging, den Radsport aus den Medien herauszubekommen.

LAOLA1: Beim Giro hast du die ersten beiden Etappen gewonnen und bist damit in den Kreis der Fahrer aufgestiegen, die bei allen drei Rundfahren Etappen gewinnen konnten. Was bedeutet dir das?

Kittel: Ich bin sehr, sehr stolz auf diesen Erfolg, weil das etwas Besonderes ist, was nicht jeder Rennfahrer von sich behaupten kann.

LAOLA1: Bei der Tour de Suisse wurden Kameras an den Rädern installiert, die eindrucksvolle Bilder aus Sicht des Radsportlers lieferten. Was hältst du davon?

Kittel: Ich finde das cool, weil es einen guten Einblick in das Renngeschehen gibt und man sehen und hören kann, was im Peloton passiert. Es macht es auf jeden Fall interessanter für die Zuschauer. Wirklich neu ist es nicht, die Idee gibt es ja schon lange.

LAOLA1: Du bist auf Facebook recht aktiv - wie wichtig sind dir deine Fans?

Kittel: Die sozialen Medien sind sehr wichtig, ich versuche da auch, so viel es geht selbst zu machen. Aber zum Beispiel bei der Tour de France ist schon jemand dabei, der mir hilft, weil ich das zeitlich gar nicht alles schaffe. Trotzdem ist es schön, den Kontakt zu den Leuten zu halten und die Reaktionen zu lesen, das macht Spaß.

LAOLA1: Du hast in letzter Zeit oft getwittert, dass du gerne Calippo-Eis isst. Wieviel Eis darf man als Radprofi eigentlich essen?

Kittel: So viel man will, wenn man nicht zunimmt. Das Thema Ernährung ist ein heikles, da versuche ich mich auch immer ein wenig rauszuhalten. Ich sag es mal so: Ich esse schon das, was mir schmeckt, ich passe aber in den entscheidenden Momenten auf. Wenn ich Hunger auf ein Eis habe, dann esse ich auch ein Eis. Da kommt mir natürlich diese neue Sporttheorie sehr entgegen, die besagt, dass das Eis den Körper kühlt und somit auch die sportliche Leistung fördert [lacht]. Aber ich esse jetzt nicht jeden Abend eine dicke Lasagne.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Henriette Werner

LAOLA1: Für die ASO hast du ein Video aufgenommen, in dem du an die Fans appellierst, sich selbst, ihre Kinder und die Rennfahrer zu schützen – wie gefährlich empfindest du die Unterstützung einiger Fans, hast du manchmal Angst?

Kittel: Angst habe ich nicht. Sollte man auch nicht. In der Euphorie vergessen viele Leute, wie sie sich sicher verhalten. Der Klassiker ist, dass die ganze Familie am Straßenrand ist steht, guckt, wann das Feld kommt, einen Schritt zu viel auf die Straße macht und zack – sind die Rennfahrer da. Man unterschätzt die Geschwindigkeit, alle springen zurück, nur Opa im Rollstuhl schafft es nicht mehr und dann wird es eben wirklich eng, auch für die Rennfahrer. Da ist keinem geholfen, wenn das passiert, deswegen ist es wichtig, dass die Zuschauer wissen, wie man sich verhalten soll.

LAOLA1: Was hat sich nach deinen vier Etappensiegen privat und auch vom Medieninteresse her für dich verändert?

Kittel: Privat ist alles beim Alten, mir geht es gut. Das Medieninteresse ist natürlich anders als vorher, da die vier Siege bei der Tour de France eine andere Aufmerksamkeit erzeugt haben als die Erfolge zuvor.

LAOLA1: Auch von den deutschen Medien?

Kittel: Ja, auch, aber es ist nicht so, dass mir die Fernsehstationen die Tür einrennen. (lacht). Klar, die Zeitungen schon, aber nach wie vor versuchen wir, die Beziehung zu verbessern.

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