"Leg los, mach was Verrücktes"

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Deutscher Tour-Traumstart: Gepunktetes, Gelb & Sieg

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Er ist der Älteste des Fahrerfeldes: Jens Voigt.

Diese unbestreitbare Tatsache hinderte den 42-Jährigen jedoch noch lange nicht daran, direkt zu Beginn - genauer gesagt, bei Kilometer Null - der 1. Etappe der 101. Tour de France über 190,5 Kilometer von Leeds nach Harrogate zu attackieren.

Der Altmeister, der bereits mit seiner Teilnahme an dieser Frankreich-Rundfahrt – seiner 17. – den Teilnahmerekord einstellte, glänzte also direkt auf der ersten Etappe mit einer seiner legendären Jens-Voigt-Vorstellungen.

Angriffslust wird belohnt

Gemeinsam mit dem Franzosen Benoit Jarrier (BSE) und Nicolas Edet (COF) setzte er sich vom Feld ab.

Bei der Sprintwertung nach 77km ließ der Trek-Profi seine Mitstreiter hinter sich und führte die Flucht alleine fort.

"Als ich in der Ausreißergruppe war, habe ich mir gesagt, dass ich mich erst einmal auf dem ersten Anstieg testen würde, um zu sehen, ob ich es mit den beiden anderen Fahrern aufnehmen kann. Und mir ist klar geworden, dass ich nicht die Frische für einen Sprint hatte. Also habe ich mich entschieden, alleine davonzuziehen, weil dies die einzige Möglichkeit war, um das Gepunktete Trikot zu bekommen", so der gebürtige Mecklenburger.

Cancellara schafft es beinahe

Dann schlug die Stunde des zweiten herausragenden Deutschen auf der heutigen Etappe: Marcel Kittel (Hier gehts zum großen LAOLA1-Interview).

Doch bevor der 26-Jährige seinen sensationellen Coup - Etappensieg und Gelbes Trikot - aus dem Vorjahr wiederholen konnte, versuchte Zeitfahrspezialist Fabian Cancellara (TFR), dem rasenden Sprinterzug zu entkommen.

Dies gelang dem Schweizer auch für kurze Zeit, doch einige hundert Meter vor dem Ziel war seine Attacke vorüber.

Schock für Briten

Dann stockte den vielen Zuschauern in Harrogate der Atem: Der britische Sprintstar Mark Cavendish, der sich in seiner Heimat wohl zu viel vorgenommen hat, stürzte nach einer Kollision mit Simon Gerrans wenige Meter vor der Ziellinie schwer. Der Lokalmatador wurde mit Verdacht auf Schlüsselbeinbruch ins Krankenhaus gebracht.

Dieser bestätigte sich glücklicherweise nicht, er erlitt jedoch eine Luxation des Schlüsselbeins. Ob er weiterfahren kann, wird erst am Sonntag entschieden.

"Ich bin untröstlich, der Crash war meine Schuld. Ich werde mich persönlich so schnell es geht bei Simon Gerrans entschuldigen. Ich habe versucht, eine Lücke zu finden, die es nicht gab. Ich wollte heute gewinnen und mein Team hat mich in eine tolle Position gefahren. Ich entschuldige mich bei allen Fans, ihr ward heute unglaublich", so ein am Boden zerstörter Cavendish.

"Es ist meine Episode"

"Voigte" gewann als Solist zwei Bergwertungen an der Côte de Buttertubs und der Côte de Grinton Moor - die aufgrund der unglaublich vielen Fans in England an Bergankünfte in den Alpen- oder Pyrenäen erinnerten - und sicherte sich somit das Punktetrikot des Bergbesten. Zudem wurde ihm die Ehre des kämpferischsten Fahrers der Etappe zuteil.

"Mein Körper hat unablässig weh getan, aber ich habe natürlich an das gedacht, was am Ende auf mich wartete, und dadurch habe ich durchhalten können. Ich habe vielleicht nicht mehr die erforderliche Spritzigkeit, aber sehr wohl noch einen enormen Willen, Dinge zu schaffen. Da habe ich mir gesagt: ‚Leg los, mach die Show, mach was Verrücktes‘. Letzten Endes wird dies über die drei Wochen der Tour hinweg nur eine kleine Episode bleiben, aber es ist meine Episode."

Ein Kreis schließt sich

Für Voigt, der diese Tour als seine endgültig letzte ankündigte, schließt sich damit ein Kreis: Bereits bei seinem Tour-Debüt im Jahr 1998 trug er als erster Deutscher das Trikot des besten Kletterers.

60 Kilometer vor dem Ziel wurde der unverwüstliche Ausreißer dann vom Peloton geschluckt und die Sprinterzüge formierten sich.

Doppelschlag wiederholt

Kittel entschied den Schlusssprint schließlich souverän vor dem Slowaken Peter Sagan (CAN) und Ramunas Navardauskas (GRS) für sich.

"Ich bin so stolz. Das ist sehr emotional. Ich wusste, wie es sich anfühlt, da oben auf dem Podest zu stehen", sagte Kittel nach der Siegerehrung, bei der er nicht nur für den Tagessieg geehrt wurde, sondern sich auch das Gelbe und Grüne Trikot überstreifen durfte.

"Die Siegerehrung war ganz besonders. Ich bin die Treppe zum Podium hochgekommen und war noch wie in Gedanken versunken, habe auf den Boden geschaut und über das Rennen nachgedacht. Dann schaute ich zur Seite und da standen Harry, Kate und William. Die haben schon gelacht, weil ich sie nicht gesehen habe. Sie waren aber sehr locker und angenehm. Kate hat heute mit ihrem grünen Outfit auch ein Statement gesetzt, dass ihr die Sprinter am besten gefallen", beschreibt Kittel auf "facebook" mit einem Augenzwinkern seine Begegnung mit der Königsfamilie.

"Etwas ganz besonderes"

Teamkollege John Degenkolb freute sich sehr für seinen Landsmann: "Mir fehlen die Worte. Sieg und Gelbes Trikot zum zweiten Mal in Serie für uns - das ist etwas ganz Besonderes."

Der nun fünffache Tour-de-France-Etappensieger selbst vergaß auch nicht, seinem gestürzten Konkurrenten alles Gute zu wünschen.

"Ich hoffe, es ist bei 'Cav' nicht so schlimm und er kann morgen weiterfahren".

 

Henriette Werner

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