Der "Pistolero" schießt scharf

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Das Formbarometer der Tour-Favoriten

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Da war es nur noch ein Monat.

Wir schreiben den 5. Juni und die 101. Tour de France nähert sich mit großen Schritten.

Nachdem zuletzt Nairo Quintana mit dem ersten kolumbianischen Sieg beim Giro d'Italia für Furore sorgte, richtet sich die Aufmerksamkeit im Radsport voll und ganz dem Saisonhöhepunkt im Juli.

Am 5. Juli fällt im englischen Leeds der Startschuss, nach drei Tagen auf der Insel geht es aufs französische Festland.

Froome erklärter Favorit

Insgesamt stehen 21 Etappen mit einer Gesamtlänge jenseits der 3.600 Kilometer auf dem Programm.

Titelverteidiger und laut zahlreichen Experten erneut Topfavorit ist Chris Froome aus dem Sky-Rennstall. Der 29-jährige Brite dominierte 2013 scheinbar nach Belieben und gewann am Ende souverän.

Dass mit Quintana der Zweite der Jubiläums-Tour nicht am Start steht, scheint die Position des gebürtigen Kenianers weiter einzuzementieren.

Doch weit gefehlt: Alberto Contador sinnt nach einem Debakel bei der letzten Ausgabe auf Revanche und präsentierte sich in den vergangenen Monaten stark wie lange nicht.

Zudem glauben die Italiener, mit Vincenzo Nibali ein Ass im Ärmel zu haben. Der 29-Jährige reüssierte 2013 beim Giro und konzentriert sich in diesem Jahr voll und ganz auf die "Grande Boucle".

Wir nehmen die drei Siegkandidaten einen Monat vor Tour-Start genau unter die Lupe und zeigen auf, wer bislang den stärksten Eindruck hinterließ:

CHRIS FROOME

Zu überlegen war er im Vorjahr, als dass man ihm die Rolle des "Man to beat" abspenstig machen könnte. Chris Froome hat aber auch 2014 bereits den einen oder anderen Prestigeerfolg in der Tasche. Gleich zum Saisonstart sackte er den ersten Sieg ein - im Februar entschied der Sky-Kapitän die Tour of Oman für sich und gewann zudem eine schwere Bergankunft.

In Katalonien blieb der 29-Jährige zur Überraschung vieler u.a. hinter Joaquim Rodriguez und Alberto Contador zurück und kam nicht über Rang sechs hinaus. Sein Rückstand von 17 Sekunden auf Gesamtsieger Rodriguez war allerdings marginal. Eindrucksvoll hingegen seine Vorstellung in der Schweiz. Im Rahmen der Tour de Romandie war "Froomie" erneut nicht zu schlagen und wiederholte seinen Vorjahressieg.

Selbiges plant er bei der Dauphine, bei der es zu einem Stelldichein mit Contador und Nibali kommt, das als Vorgeschmack für die Tour dient. Froome genießt die volle Unterstützung des Sky-Rennstalls und inspizierte zuletzt die England-Etappen sowie das Kopfsteinpflaster-Teilstück in Frankreich. Mit Richie Porte, Mikel Nieve und David Lopez Garcia hat er drei ausgewiesene Kletterspezialisten im Team, die für die Tour gesetzt sind. Ein Fragezeichen steht hinter Ex-Tour-Sieger Bradley Wiggins.

Der 34-Jährige, bei der Tour of California siegreich, bestreitet die Tour de Suisse und kündigte an, für Froome fahren zu wollen. Zwar haben die beiden ihre Streitigkeiten inzwischen ausgeräumt, doch Freunde werden die beiden keine mehr. Ob Froome "Wiggo" tatsächlich in "seinem" Tour-Team haben will, ist unklar. Sky dürfte jedenfalls großes Interesse daran haben, den britischen Nationalhelden beim Tour-Auftakt auf der Insel mit an Bord zu haben.

ALBERTO CONTADOR

Wiedererstarkt, überzeugend, beeindruckend. Drei Worte, die die bisherige Saison des Spaniers treffend zusammenfassen. Alberto Contador ist wieder der Alte. Jener Radprofi, der bei Rundfahrten stets zum engsten Favoritenkreis zählte und über den der Sieg führte.

Nach einer verkorksten Saison 2013, die in einem enttäuschenden vierten Platz bei der Tour de France ihren Tiefpunkt fand, hat der 31-Jährige im Winter härter denn je gearbeitet. Bereits im Februar bei der Algarve-Rundfahrt ließ er seine Klasse aufblitzen, indem er hinter Michal Kwiatkowski Zweiter wurde.

Wenige Wochen später wurde die 49. Ausgabe von Tirreno-Adriatico zur Beute des "Pistolero". Mit zwei Siegen auf zwei aufeinanderfolgenden, schweren Bergetappen untermauerte er seine Ambitionen für dieses Jahr. In Katalonien reichte es knapp nicht zum Sieg, hinter Joaquim Rodriguez - und vor Froome - wurde der Tinkoff-Star allerdings erneut Zweiter.

Eiskalt schlug er bei der Baskenland-Rundfahrt zurück. Diesmal hielt er Algarve-Triumphator Kwiatkowski in Schach und besiegelte Rundfahrt-Erfolg Nummer zwei. Auch 2008 und 2009 war er dort siegreich. Ein gutes Omen, gewann er in diesen Jahren doch auch sämtliche große Rundfahrten.

Zuletzt legte "AC" ein Trainingslager in Teneriffa ein, ab Sonntag steht die Tour-Generalprobe namens Dauphine auf dem Programm. Dort will er Froome zeigen, dass er es ihm in diesem Jahr nicht so leicht machen wird wie im Vorjahr.

VINCENZO NIBALI

Die Giro-Bossen hatten alles versucht, doch es war vergebens. Der Italiener, im Vorjahr bei seiner Heimat-Landesrundfahrt die dominante Figur, hatte keine Lust, seinen Titel zu verteidigen. Stattdessen stand der Grand Slam auf seinem Fahrplan.

Nach der Vuelta (Gesamtsieg 2010) und dem Giro (2013) soll in diesem Jahr die Tour de France fällig sein. Sein erster Auftritt verlief allerdings mehr als holprig. Mehr als der bedeutungslose 44. Platz bei der Tour de San Luis sprang für den 29-Jährigen nicht heraus.

Im Februar stellte sich ein leichter Aufwärtstrend ein, eine echte Formexplosion war allerdings nicht zu erkenne. In Dubai schloss er die hiesige Rundfahrt an 17. Position ab, im Oman wurde er Zwölfter. Die Fernfahrt Paris-Nizza sollte keine Erlösung bringen - im Gegenteil, Nibali kam nicht über Rang 21 hinaus.

Nachdem auch die Ardennenklassiker misslangen - Platz 14 beim Flèche Walonne war das Höchste der Gefühle -, wuchsen die Sorgenfalten auf der Stirn der Astana-Bosse. Erleichterung machte sich erst bei der Tour de Romandie breit. Wenngleich Froome für ihn außer Reichweite war, gingen die Mundwinkel bei den Verantwortlichen aufgrund des fünften Platzes des "Haies" deutlich nach oben.

Was folgte, war ein langer und intensiver Trainingsblock, den Nibali wie seine Kontrahenten zu einem Abstecher auf die Kanaren-Insel Teneriffa nutzte. Bei der Tour kann er auf prominente und kletterstarke Hilfe bauen, so wird die Riege der Edeladjutanten von Jakob Fuglsang angeführt.

FAZIT

Den bislang besten Eindruck hinterließ Contador, der bei jedem einzelnen seiner Rennen einen bleibenden Eindruck hinterließ. Er wird eine deutlich bedeutendere Rolle spielen als vor einem Jahr.

Die Hauptrolle steht dennoch weiterhin Froome zu. Der Brite hat nicht nur das etwas stärkere Team an seiner Seite, er verfügt auch über die größere individuelle Qualität in puncto Einzelzeitfahren.

Nibali wird rechtzeitig bis Tour-Start in Form kommen und schon bei der Dauphine ein gewichtige(re)s Wörtchen mitreden. Über drei Wochen gesehen wird es allerdings extrem schwierig, seinen beiden Hauptkonkurrenten Paroli bieten zu können.


Christoph Nister

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