Oh captain, my captain

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"Wenn Cadel Probleme hat, bin ich bereit"

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Der US-amerikanische Radsport hat es derzeit nicht einfach.

Nach Bekanntwerden jahrelanger Dopingmachenschaften im US Postal Team samt Geständnissen zahlreicher Fahrer genießt die Sportart längst nicht mehr den guten Ruf, den sie noch vor wenigen Jahren hatte.

Hinzu kommt, dass die „goldene Generation“ um Lance Armstrong, George Hincapie oder Levi Leipheimer – allesamt geständige Sünder – das Rad inzwischen ins Eck gestellt und die Karriere beendet hat.

Anführer einer neuen Generation

Mit Tejay van Garderen gibt es jedoch einen jungen Mann, dem unglaubliches Potenzial bescheinigt wird. Er soll eine neue Generation anführen und zu neuen Höhenflügen treiben.

Einen Grundstein dafür hat der 24-Jährige bereits im letzten Jahr gelegt, als er bei der Tour de France seinem Kapitän, Titelverteidiger Cadel Evans, die Show stahl. Nach drei Wochen kam er als Gesamtfünfter in Paris an und streifte sich das „Weiße Trikot“ des besten Jungprofis über.

Wenngleich die Ansprüche und Erwartungen an den BMC-Profi deutlich stiegen, wiegelt er ab. „Ich fahre für Cadel“, beteuert Tejay van Garderen im Interview mit LAOLA1.

LAOLA1: Tejay, die 100. Tour de France steht in den Startlöchern. Steigt die Nervosität?

Tejay van Garderen: Ich bin froh, dass ich hier sein darf und freue mich auf den Start.

LAOLA1: Nach deinem Sieg bei der Tour of California hast du zuletzt bei der Tour de Suisse Rang sieben belegt. Welche Schlüsse konntest du daraus ziehen?

Kapitän Evans (l.) mit Edelhelfer van Garderen

LAOLA1: Bereits am vierten Tag findet in Nizza ein Teamzeitfahren statt, das euch entgegenkommen sollte. Habt ihr dafür ein Spezialtraining absolviert?

Van Garderen: Eine Woche vor der Tour de Suisse haben sich alle zwölf Jungs, die im erweiterten Kader standen, in Frankreich getroffen, um zu trainieren. Es war eine gute Möglichkeit, Routine in das ganze System zu bringen und zugleich als Gruppe zusammenzuwachsen. Wir sind uns darüber im Klaren, dass das Teamzeitfahren ausschlaggebend sein kann für die Gesamtwertung, daher wollten wir auf Nummer sicher gehen, dass wir gut vorbereitet sind.

LAOLA1: Die Tour ist das wichtigste Radrennen der Welt. Welche Schlüsselfaktoren sind entscheidend, um dabei erfolgreich zu sein?

Van Garderen: Du musst ganz einfach auf den Punkt in Form sein und dein Bestes abrufen können, wenn die Tour beginnt. Für mich bedeutet das, im Zeitfahren und in den Bergen stark zu sein. Wichtig ist auch, dass man sich aus allen Schwierigkeiten raushält und auf alle Eventualitäten vorbereitet ist. Wir haben ein sehr starkes Team, was natürlich auch immer hilfreich ist.

LAOLA1: „Le Tour“ feiert ihre 100. Ausgabe. Was macht sie aus deiner Sicht so besonders?

Van Garderen: Sie ist ganz einfach die Tour de France, das größte Radrennen der Welt. Das Rennen, das die meiste Aufmerksamkeit bekommt. Sie ist der Grund, warum viele Jugendliche Radprofis werden wollen. Sie träumen davon, eines Tages das Gelbe Trikot zu tragen oder in Paris zu siegen. Es ist schon etwas Besonderes, überhaupt dabei zu sein. In diesem Jahr freue ich mich ganz besonders auf die letzte Etappe bei Nacht in Paris. Das wird speziell!

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Christoph Nister

Van Garderen: Ich denke, dass wir einmal mehr gezeigt haben, welch starkes Team wir haben und dass wir wirklich gut für einen Leader zu arbeiten im Stande sind. In Kalifornien hatte ich Mathias Frank, der hart für mich gearbeitet hat. Bei seinem Heimrennen in der Schweiz haben wir den Spieß umgedreht. Ich fühlte mich – mit Ausnahme des letzten Einzelzeitfahrens – von Tag zu Tag stärker. Daher kann ich sagen, dass ich mit meiner Kletterform sehr zufrieden bin.

LAOLA1: BMC Racing hat Cadel Evans zum Kapitän bestimmt. Du warst im letzten Jahr Gesamtfünfter und damit besser klassiert als er (Rang sieben). Wäre es nicht sinnvoller, mit einer Doppelspitze zu starten? Worin liegen die Vor- und Nachteile?

Van Garderen: Es ist immer besser, über mehrere Optionen zu verfügen. Während Cadel der klare Leader im Team ist, habe ich dennoch genügend Freiheiten, um gewisse Versuche zu starten, andere Teams in Bedrängnis zu bringen. Wir fahren aber klar für Cadel. Er hat gezeigt, dass er in jeder Rundfahrt, in die er geht, auch gewinnen kann. Bei der diesjährigen Tour ist das nicht anders.

LAOLA1: Während Evans den Giro bestritten hat, bist du in Kalifornien gestartet. Denkst du, dass dies die bessere Vorbereitung ist?

Van Garderen: Bezüglich des Giro als Vorbereitung kann ich wenig sagen, weil ich ihn noch nie gefahren bin. Ich weiß aber, dass die Tour of California für unser Team und für unseren Sponsor sehr wichtig ist. Wir sind ein amerikanisches Team und unser Hauptquartier ist in jener Stadt (Santa Rosa, Anm.), in der die Rundfahrt in diesem Jahr endete. Außerdem war es immer ein großes Saisonziel von mir. Aus diesem Grund war es auch sehr speziell für mich, heuer ausgerechnet dort meine erste Rundfahrt zu gewinnen. Zudem weiß ich aus der Vergangenheit, dass sich diese Art von Vorbereitung bei der Tour sehr positiv bemerkbar gemacht hat.

LAOLA1: Neben Gesamtrang fünf hast du 2012 das Nachwuchstrikot gewonnen. Du giltst auch dieses Mal als Favorit. Ist das ein Ziel für dich?

Van Garderen:  Um ehrlich zu sein, war das „Weiße Trikot“ schon letztes Jahr kein Ziel von mir. Bei meinem Versuch, Cadel zu helfen, hat sich das dann einfach ergeben und am Ende habe ich es gewonnen. Mein Ziel ist es, Cadel dabei zu unterstützen, die Tour ein zweites Mal zu gewinnen. Das bedeutet, dass ich mich in Top-Form bringe, um alle drei Wochen gut zu überstehen. Sollte es so sein, dass ich in die Leader-Rolle schlüpfe, weil bei Evans etwas nicht nach Wunsch verläuft und er Probleme hat, bin ich allerdings bereit. Ich will aber noch einmal unterstreichen, dass mein vorrangiges Ziel – und das des gesamten Teams – es ist, Cadel auf einem Podestplatz nach Paris zu bringen.

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