Mit Nasenbluten auf den Ventoux

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Der Mann, der mit dem Rad zur Schule fahren musste

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Er ist klein, schnell und jung. Und er lässt sich nur ungern abschütteln – selbst Chris Froome (SKY) hat seine Probleme mit dem kolumbianischen Bergfloh Nairo Alexander Quintana (MOV).

Quintana bezwang den Mont Ventoux als Zweiter nur 29 Sekunden hinter Mont-Ventoux-König Froome, der mehrfach attackierte und den 23-Jährigen erst kurz vor dem roten Lappen los wurde.

„Ich dachte, er würde weniger stark sein, aber er hat eine gewaltige Anstrengung unternommen, bei der ich nicht mithalten konnte“, beschrieb dieser die letzten Meter der längsten Tour-Etappe 2013.

Am Ende

Quintana verbesserte sich in der Gesamtwertung auf den sechsten Platz und liegt nur noch 1:22 Minuten hinter dem drittplatzierten Alberto Contador. Zudem holte er sich das Weiße Trikot des besten Jungprofis von Michael Kwiatkowski (OPQ) zurück.

Chris Froome erklärte nach der Etappe, er habe das erste Mal in seinem Leben nach einer Etappe Sauerstoff gebraucht. Doch auch Quintana war am Ende. Während Froome sich hinterher noch ausrollte, war für ihn nicht daran zu denken.

„Ich bin völlig ausgepumpt. Ich sehe Chris Froome auf den Rollen, aber ich denke nur noch ans Ausruhen“, so der Kletterspezialist. 13 Kilometer vor dem Ziel der 15. Etappe hatte er attackiert und führte das Rennen an, bis ihn Froome ein- und schließlich überholte.

Zu früh

"Ich denke, ich habe zu früh attackiert", analysierte er nach dem Rennen. "Als ich in den Anstieg gefahren bin, hatte ich Nasenbluten."

„Ich hatte die Illusion, gewinnen zu können, doch am Ende fehlten mir die Kräfte“, so der 23-Jährige. „Ich habe alles getan, was ich konnte, aber das war ein sehr schwieriger Anstieg, und das Rennen war den ganzen Tag über schnell.“

Der Kolumbianer lüftete im Ziel auch das Geheiminis um den Wortwechsel zwischen Chris Froome und ihm, nachdem beide das Rennen anführten. "Er sagte, ich solle mit ihm zusammenarbeiten, da Contador Zeit verlor. Dann sagte er, wenn wir beide zusammen im Ziel ankommen, lässt er mich gewinnen. Aber dann konnte ich ihm auf den letzten beiden Kilometern nicht mehr folgen."

Aus armen Verhältnissen

Eines der große Klischees des Sports trifft auf den kleinen Kolumbianer zu: Wächst jemand in Armut auf, ist er besonders zäh, leidensfähig und erfolgshungrig.

Quintana musste als Junge drei Jahre lang mit dem Fahrrad 16 Kilometer über einen Bergpass, der im Schnitt 8 Prozent Steigung aufwies, zur Schule fahren, da sich sein Vater den Schulbus nicht leisten konnte.

Zudem half er, seitdem er laufen konnte, seinem körperlich beeinträchtigten Vater dabei, Obst zu verkaufen.

Werdegang

Mit 17 beschloss er, Radrennfahrer zu werden, da er alle anderen Schüler auf dem Schulweg abhängte.

Zunächst fuhr er 2009 für das lokale Team Boyaca, 2010 und 2011 für Colombia Es Pasion. Seit 2012 steht er bei Movistar unter Vertrag.

Im Jahr 2010 gewann er das wichtigste Rennen für Nachwuchsradsportler, die Tour de l’Avenir, 2011 sicherte er sich zudem die Bergwertung der Katalonien-Rundfahrt.

Die Erfolgsgeschichte

Im letzten Jahr triumphierte bei der Murcia-Rundfahrt auf der 6. Etappe der Dauphiné vor Cadel Evans und dem späterem Tour-Sieger Bradley Wiggins, er gewann die Route du Sud sowie mit seiner Mannschaft das Teamzeitfahren zu Beginn der Vuelta a Espana, am Ende wurde er bei seiner ersten „Grand Tour“ 36.

In diesem Jahr war er bereits bei der Baskenland-Rundfahrt siegreich und eroberte neben zwei Etappenerfolgen auch das Punktetrikot.

Seit der Horror-Etappe für sein Team am Freitag, als Valverde und Rui Costa aufgrund einer Windkante aus den Top Ten fielen, ist der 1,67 m große Fahrer die letzte Hoffnung seines Teams in der Gesamtwertung.

Vom Helfer zum Kapitän

Ursprünglich angetreten, um seinen Kapitän Valverde zu unterstützen, fährt der Kolumbianer nun auf eigene Kappe. Druck scheint ihm das nicht zu bereiten: "Es stört mich nicht, jetzt Teamkapitän zu sein. Ich habe viel Abstand, doch ich werde versuchen, Zeit gut zu machen."

Und er hat nicht nur ein Ziel, sondern zwei. Denn vor der letzten Tour-Woche kündigte Quintana selbstbewusst an: „Ich will nicht zwischen einem Podiumsplatz und dem Weißen Trikot wählen, ich will beides.“

Teamkollege Juan José Cobo prophezeite schon im letzten Jahr: "Er hat es in sich, eine große Rundfahrt zu gewinnen."

 

Henriette Werner

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