Peter Luttenberger: "Es herrscht eine eigene Magie"

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17 Jahre sind inzwischen vergangen, als Österreich gespannt nach Frankreich blickte, um Peter Luttenberger die Daumen zu drücken.

Nachdem der Steirer die Tour de Suisse 1996 für sich entscheiden konnte, avancierte er auch bei der Tour de France, dem bedeutendsten Radrennen der Welt, zu einem Hauptdarsteller.

Nach drei Wochen und mehr als 3.760 Kilometern rollte der heute 40-Jährige als Fünfter über die Pariser Champs Élysées.

Von der Tour de France zur "United World Tour"

Anfang 2007 kehrte er dem Profi-Radsport den Rücken und beendete seine Laufbahn. Er gönnte sich eine Auszeit und rief die Charity-Aktion "United World Tour" ins Leben.

Im Interview mit LAOLA1.at spricht Luttenberger über die 100. Tour de France, die am 29. Juni auf Korsika gestartet wird, und den Mythos, der dieses Rennen umgibt.

Außerdem nimmt er Stellung zu Dopingvorwürfen aus den Niederlanden.

LAOLA1: Peter, die Tour de France feiert in diesem Jahr die 100. Ausgabe. Wirst du beim Gedanken daran wehmütig?

Peter Luttenberger: Eigentlich nicht. Ich verfolge zwar das Geschehen weiterhin, aber meine Karriere liegt doch einige Jahre zurück und ist abgeschlossen.

LAOLA1: Die Jubiläums-Tour findet ohne Österreicher statt. Ist das ein weiterer Tiefpunkt für den heimischen Radsport oder war es aus deiner Sicht absehbar?

Luttenberger: Nachdem Sky keinen Sprinter dabei hat, war vorauszusehen, dass Bernhard Eisels Dienste eher weniger gebraucht werden. Er ist zwar ein sehr erfahrener Mann, der einem jungen Team auch sehr gut tun würde, aber dort wird alles auf Bergfahrer gesetzt. Hinzu spielt auch Teampolitik eine Rolle. Wenn beispielsweise ein Österreicher und ein US-Amerikaner gleich stark sind, wird die Wahl wahrscheinlich auf den US-Amerikaner fallen. Da spielen ganz einfach auch Marktinteressen eine Rolle, es sehen schließlich Milliarden von Leuten zu.

LAOLA1: Anfang des Jahres gab es Negativschlagzeilen um dich. In den Niederlanden gab es Dopinganschuldigungen, du sollst eine Blutzentrifuge benutzt haben. Wie ist der Status quo?

Luttenberger: Es gab einen anonymen Fahrer, der da über mich gesprochen hat. Ich habe das nicht kommentiert. Im „Telegraaf“ stand dann ein großer Artikel, der überall kopiert wurde. Zu dieser Zeit gab es aber glaube ich noch gar keine Blutzentrifuge. Das war alles Ende der 90er Jahre. Ich will es daher gar nicht kommentieren, derjenige soll sein Gesicht zeigen und mit konkreten Fakten kommen.

LAOLA1: Aktuell sorgt eine Umfrage unter Ex-Profis, Managern und Betreuern für Aufsehen. Demnach dopten bis zu 95 Prozent der niederländischen Fahrer in den 90er Jahren. Aus deiner Sicht schockierend, oder war es damals einfach nicht anders möglich, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Luttenberger: Ich war speziell bei Rabobank mein eigenes Team. Mit (Teamarzt) Geert Leinders hatte ich nichts zu tun, ich hatte auch einen eigenen Masseur dabei. Im Endeffekt muss jeder selber wissen und für sich kommentieren, was er in den 90er Jahren gemacht hat.

LAOLA1: Wie intensiv verfolgst du das Geschehen im Profi-Radsport?

Luttenberger: Die wichtigsten Rennen sehe ich im Fernsehen, dazu schaue ich im Internet nach Ergebnissen. Viele ehemalige Kollegen von mir sind noch aktiv, andere im Management tätig – das kann man nicht so einfach abhaken. Zudem manage ich einen Brasilianer, Diego Ares, den ich unterstützen will, um in das Profi-Geschäft aufsteigen zu können.

LAOLA1: Es wird häufig vom „Mythos Tour de France“ gesprochen. Was macht diesen aus?

Luttenberger: Zunächst eine gewaltige Tradition. Das kann man mit Skifahren in Österreich vergleichen. Die Tour de France verkörpert Frankreich und gehört zur nationalen Geschichte dazu. Es sind Millionen über Millionen Menschen auf der Straße, die die einzelnen Fahrer anfeuern. Obwohl sie verschiedene Idole haben, wird gemeinsam gefeiert. Man muss sich teilweise Tage vorher positionieren, um einen guten Platz zu bekommen. Es herrscht eine Riesenstimmung und eine eigene Magie. Die Zuschauer haben einen riesigen Respekt vor den Fahrern. Sie sehen, welch gewaltige Leistungen sie erbringen, welch schwierige Anstiege sie bewältigen und mit welchen Geschwindigkeiten gefahren wird.

LAOLA1: Die Tour-Organisatoren schicken die Teilnehmer in diesem Jahr auf den Mont Ventoux und gleich zwei Mal nach Alpe d’Huez. Mutet man den Profis zu viel zu?

Luttenberger: Ich muss den Tour-Verantwortlichen ein positives Zeugnis ausstellen. Natürlich suchen sie das Spektakel, aber sie gehen immer sehr respektvoll mit den Fahrern um. Sie achten sehr auf die Sicherheit und gehen auf die Strapazen ein. Gut, mit Alpe d’Huez suchen sie den Superlativ. Insgesamt wird aber viel für die Fahrer getan.

LAOLA1: Chris Froome dominiert in dieser Saison nach Belieben und gilt gemeinsam mit Alberto Contador als Topfavorit auf den Tour-Sieg. Wen hast du auf der Rechnung?

Luttenberger: Froome würde ich natürlich nennen. Er hat auch letztes Jahr oft gezeigt, dass er der Stärkere war (im Vergleich mit Bradley Wiggins, Anm.). Natürlich ist Contador sein größter Rivale. Er hat sein Programm etwas umgesteckt und ist im Frühjahr nicht so dominant wie in den Jahren zuvor gefahren. Er hat etwas Gas rausgenommen, weil er die Frische noch benötigt. Ich rechne damit, dass er in Frankreich ordentlich Gas geben wird. Ansonsten hoffe ich, dass wir das eine oder andere neue Gesicht vorne sehen, damit der Kampf aufgefrischt wird.

Peter Luttenberger
Geboren am
  1. Dezember 1972
Größte Erfolge Sieger Tour de Suisse 1996
Fünfter Tour de France 1996
Teams 1995-1996 Carrera Jeans-Tassoni
1997-1998 Rabobank
1999-2000 ONCE
2001-2002 Tacconi Sport
2003-2006 CSC

LAOLA1: Rückblickend auf deine Karriere betrachtet. Würdest du heute etwas anders machen oder bist du rundum zufrieden?

Luttenberger: Ich würde schon sagen, dass ich zufrieden bin. Natürlich ist ein Sportlerleben enorm von Höhen und Tiefen geprägt. Ich habe immer mein Bestes gegeben. In diesem Sinne kann ich mich zufrieden zurücklehnen und meine Erfahrungen weitergeben.

LAOLA1: Nach Ende deiner Laufbahn hast du die Charity-Aktion „United World Tour“ gestartet, in der du beim ersten Mal mit dem Rad von Österreich nach Singapur gefahren bist. Was genau steckt dahinter?

Luttenberger: Bei der United World Tour helfe ich Menschen mithilfe von Sponsoren und Spenden. Ich reise mit dem Rennrad und einer Packtasche durch die Gegend und helfe Leuten auf meinem Weg. Egal, ob das ein Zigeuner oder ein Stamm im Amazonas ist – ich bin bei den Leuten zuhause, verbringe ein paar Tage mit ihnen und schaue, was sie brauchen. Dann versuche ich, das Budget aufzutreiben. Natürlich fasziniert mich das Abenteuer, aber auch die Reaktion der Menschen. Die meisten sind davon überzeugt, dass sie so gut wie alleine auf der Welt sind, von irgendeinem Landbesitzer ausgebeutet werden und sich niemand um sie kümmert. Wenn sie dann sehen, dass das anders ist, dann ist das toll. Ich kann jedem nur dazu raten, das auch zu machen.

LAOLA1: Ist es für dich vorstellbar, in den Profiradsport zurückzukehren?

Luttenberger: Jetzt, mit einem gewissen Abstand, schon wieder. Ich war einige Jahre auch sehr gesättigt, weil ich das ja mein ganzes Leben gemacht habe. Ich würde doch sagen, dass ich ein sehr breit gefächertes Wissen habe. Das, was ich mit Diego mache, kann ich mir gut auch mit anderen vorstellen.

LAOLA1: Würde das nun in die Richtung Fahrervermittler gehen oder als Sportdirektor beim ÖRV oder einem Rennstall?

Luttenberger: Ich bin offen für alles. Wenn es Interesse gibt, dann kann man darüber reden. Mit dem ÖRV gab es vor einigen Jahren mal Gespräche, aber da war das Interesse nicht groß, weil alle Positionen besetzt waren. Wenn es aber für beide passen sollte – warum nicht?

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Christoph Nister

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