Froome bietet Angriffsfläche

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Froome angreifbar - Konkurrenz wittert Morgenluft

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Souverän, überlegen, der Konkurrenz immer einen Schritt voraus.

Chris Froome präsentierte sich bei der 100. Tour de France bislang ohne Makel und demoralisierte seine Rivalen mit drei Etappenerfolgen.

Doch dann kam Alpe d'Huez und ausgerechnet auf der Königsetappe der Jubiläums-Rundfahrt - der legendäre Anstieg wurde erstmals in der 110-jährigen Geschichte zweimal am selben Tag befahren - sollte der Sky-Profi ungeahnte Schwächen offenbaren.

Froome geriet in Schwierigkeiten

Als der Kolumbianer Nairo Quintana (Movistar) und der Spanier Joaquim Rodriguez (Katusha) nach mehreren Angriffen Froomes eine Konter-Attacke lancierten, geriet der Dominator in Schwierigkeiten.

Zu seinem Glück erwischte Edel-Domestike Richie Porte einen Traumtag und war auf den letzten Kilometern zur Stelle, um für seinen Kapitän Tempoarbeit zu verrichten und diesen sicher ins Ziel zu geleiten.

"Richie ist ein großartiger Typ. Er hat seine eigenen Interessen hintangestellt, um mir zu helfen, das Trikot auf meinen Schultern zu behalten. Er hat einen grandiosen Job erledigt - absolut fantastisch", war Froome voll des Lobes über seinen Freund und Helfer.

Zeit- und Geldstrafe kassiert

Eine Zeitstrafe konnte allerdings auch der Australier nicht verhindern. Froome, der kurz davor war, einen Hungerast zu erleiden, beorderte seinen Adjutanten zum Materialwagen, um einen Energieriegel zu besorgen.

Gesagt, getan - doch geschah dies im Schlussanstieg und damit innerhalb der 20-Kilometer-Marke. Das Reglement erlaubt ein solches Vorgehen nicht, sodass die Kommissare sich gezwungen sahen, beiden eine Zeit- (jeweils 20 Sekunden) und Geldstrafe (jeweils 200 Schweizer Franken, dazu 1.000 CHF für Sportdirektor Nicolas Portal, der Porte den Riegel reichte) aufzubrummen.

"Am Schluss brauchte ich Zucker", erklärte Froome die Situation. Die Strafe nimmt er hin, wenngleich er sie nicht ganz versteht: "Wenn das die Regeln sagen - okay. Aber eigentlich habe ich sie so verstanden, dass nur der bestraft wird, der aus dem Wagen etwas annimmt. Dennoch muss ich das akzeptieren."

"Es ist noch nicht vorbei"

Akzeptieren muss er auch, dass Quintana und Rodriguez ihm in der Gesamtwertung mehr als eine Minute abknöpften und Morgenluft wittern. Bizarr: Trotz gezeigter Schwäche gelang es Froome, seine Führung weiter auszubauen, da der zweitplatzierte Alberto Contador (Saxo-Tinkoff) ebenfalls nicht seinen besten Tag erwischte und weiter Zeit auf den Leader verlor. "Meine Beine haben nicht mitgespielt", resümierte der zweifache Tour-Triumphator zerknirscht.

Dennoch: Der Sieg schien längst vergeben, nun dürfen sich Froomes Verfolger zumindest wieder eine Minimal-Chance auf den großen Coup ausrechnen. Dazu bedarf es allerdings einer riskanten und zugleich aggressiven Strategie.

"Die zwei (verbleibenden) Bergetappen sind entscheidend - es ist noch nicht vorbei", so Quintana, der "noch nie so glücklich" war. "Ich fühle mich auch in der dritten Woche noch gut, obwohl es viele Momente gab, in denen ich zu kämpfen hatte."

Rodriguez will weiter attackieren

Auch Rodriguez will das Momentum nutzen und weiter attackieren. "Im Ernst, ich fühle mich nun endlich in einer brillanten Form." Vom Sieg zu sprechen, hält der 34-Jährige zwar für vermessen, da Froome einen "großartigen Job macht", dennoch hält er fest:

"In den nächsten beiden Tagen warten weitere anspruchsvolle Etappen. Mein Team und ich kennen sie richtig gut, wir werden einiges versuchen und mit Sicherheit attackieren."

Attacke ist auch das Stichwort, will man Froome tatsächlich noch einmal in Bedrängnis bringen. Das Team Sky präsentiert sich bei weitem nicht so dominant wie im Vorjahr, sodass ein ähnliches Szenario wie in den Pyrenäen denkbar wäre.

Dort griffen die anderen Teams vom Start weg an, überrumpelten die britische Equipe und isolierten Froome bereits am ersten Berg. Zwar hielt sich der Vorjahres-Zweite während dieser brenzligen Situation schadlos, doch die vergangenen zweieinhalb Wochen sind auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen.

Froome ist der Konkurrenz noch immer einen Schritt bzw. mehrere Minuten voraus, von Überlegenheit kann jedoch keine Rede mehr sein. Der Kampf um Gelb ist neu entbrannt, wenn auch auf kleiner Flamme.

 

Christoph Nister

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