Evans, Voeckler und Co.: Der Club der Enttäuschten

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Chris Froome ist in aller Munde.

Zwei Etappensiege, dazu Träger des Gelben Trikots und Führender der Bergwertung. Der Brite dominiert bei der 100. Tour de France scheinbar nach Belieben.

Marcel Kittel sorgt ebenfalls weltweit (Ausnahme Deutschland?) für Schlagzeilen. Drei Etappensiege hat der Deutsche bereits auf dem Konto, zudem durfte sich der 25-Jährige zu Beginn der Rundfahrt das Leadertrikot kurzzeitig überstreifen.

Auch Peter Sagan, der Mann in Grün, sowie Mark Cavendish, der bei nunmehr 25 Etappenerfolgen beim bedeutendsten Radrennen der Welt hält, wird medial große Beachtung geschenkt.

Viele Enttäuschte

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Stars, von denen kaum noch jemand Notiz nimmt oder die unverschuldet ins Hintertreffen gerieten. Sie starteten mit großen Ambitionen in die Jubiläums-Rundfahrt und wollten dieser ihren Stempel aufdrücken, wurden jedoch von der eigenen Form oder dem Pech ausgebremst.

LAOLA1 mit dem Club der Enttäuschten der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt:

Cunego

Damiano Cunego (31/Lampre)

Seinerzeit knapp geschlagen von Fränk Schleck wurde ein gewisser Damiano Cunego, Giro-Sieger von 2004 und Kapitän des Lampre-Rennstalls. Wie Evans und Schleck war auch vom Italiener wenig zu sehen, nimmt man mal die TV-Einblendungen aus, in denen gezeigt wurde, wie er aus der Kopfgruppe zurückfiel.

Selbst auf der 14. Etappe, als er von seinem sportlichen Leiter angewiesen wurde, sich auf die Jagd nach der Ausreißergruppe zu machen, enttäuschte er und war nicht im Stande, in den Anstiegen das Tempo von Johnny Hoogerland zu halten. Cunego liegt im Gesamtklassement lediglich an 53. Position und damit aussichtslos zurück.

"Ich hatte keinen guten Tag. Schon während des ersten großen Berges habe ich gemerkt, dass ich mich von der Gesamtwertung verabschieden muss", erklärte er bereits in den Pyrenäen. Eine Aussage, die man auf viele weitere Tage duplizieren könnte. Immerhin: Ein Wunsch des 31-Jährigen könnte noch in Erfüllung gehen, meinte er doch im Gespräch mit LAOLA1: "Mein Traum ist ein Sieg in Alpe d'Huez."

 

Thomas Voeckler (34/Europcar)

Es ist nicht die Saison des französischen Nationalhelden. Bereits im April brach er sich bei einem Sturz im Amstel Gold Race das Schlüsselbein und verlor wertvolle Wochen der Vorbereitung. Auch bei der Tour läuft es alles andere als nach Wunsch. Bereits in den Pyrenäen war das Thema Gesamtklassement für ihn gegessen, handelte er sich doch einen Rückstand von mehr als einer Stunde (!) ein.

"Ich wwar kraftlos, es war eine Plagerei. Im letzten Jahr war ich in den Pyrenäen vorne, nun bin ich hinten. Weit hinten", gab er sich zerknirscht. Bis dato änderte sich nichts. Ging an der Spitze des Pelotons die Post ab, fiel am Ende des Feldes der Europcar-Kapitän zurück. Dass ihn die Fans dennoch feiern, als würde er um den Gesamtsieg pedalieren, dürfte ihm ein schwacher Trost sein.

Besonders überraschend ist, dass der so kampfeslustige Elsässer nicht einmal als Ausreißer in Erscheinung trat. Das wiederum ist ein deutliches Zeichen dafür, dass er schlicht und ergreifend meilenweit von seiner Bestform entfernt ist. Wer "Chouchou" (dt.: Liebling/Schatz) kennt, kann dennoch davon ausgehen, dass er in der letzten Woche trotz Formschwäche einen (verzweifelten) Versuch unternehmen wird, um sich doch noch in Szene zu setzen.

Cadel Evans (36/BMC Racing)

Der Australier war mit dem Ziel, die Tour ein zweites Mal nach 2011 zu gewinnen, am 29. Juni auf Korsika gestartet, und blieb so gut wie alles schuldig. Schon in den Pyrenäen konnte er das Tempo der Favoriten nicht halten und musste seine Ansprüche nach unten korrigieren. Nachdem das Einzelzeitfahren (Rang 21) eine weitere Enttäuschung für ihn bereithielt, galten die Alpen als jenes Terrain, auf dem der 36-Jährige sich rehabilitieren wollte.

Doch auch die 21 km hoch zum Mont Ventoux sollten wenig daran ändern - Evans hat bei dieser Tour nichts zu melden. "Am Start fühlte ich mich gut, nach dem Start etwas müde und vor dem Schlussanstieg völlig erschöpft", gestand der BMC-Kapitän hinterher. "Das Schlimmste daran, so früh abgehängt zu werden? Du hast so viel Zeit, um auf dich selbst angepisst zu sein."

Besonders bitter für das Team: Auch Co-Kapitän Tejay van Garderen agiert unter ferner liefen. "Sollte es so sein, dass ich in die Leader-Rolle schlüpfe, weil bei Evans etwas nicht nach Wunsch verläuft und er Probleme hat, bin ich bereit", kündigte er im LAOLA1-Interview an. Davon kann freilich keine Rede sein, ist er doch mit mehr als einer Stunde Rückstand in der Gesamtwertung als 47. noch deutlich schlechter klassiert als sein routinierterer Teamkollege.

 

Andy Schleck (28/RadioShack)

Ohne Spitzenplatzierung in dieser Saison nahm der Luxemburger das Projekt 100. Tour in Angriff. "Ich weiß nicht genau, wo ich im Vergleich mit Contador und Froome stehe", gab er zu Protokoll und gefiel sich in der Rolle des Außenseiters. Die erste Bergankunft sollte schließlich zeigen, dass Schleck sich nicht auf dem Niveau der beiden genannten Tour-Favoriten befindet.

Auf den letzten zwei Kilometern auf dem Weg nach Ax 3 Domaines brach er ein, mehr als vier Minuten Verspätung zeigte die Uhr an. Das Zeitfahren, seit jeher eine Schwäche des 28-Jährigen, sollte die Lage nicht verbessern, weitere vier Minuten Rückstand gesellten sich hinzu. Während RadioShack-Teammanager Luca Guercilena dennoch guter Dinge blieb und seinem Schützling derart gute Beine bescheinigte, dass er ihm den Sieg am Mont Ventoux zutraute, verlor dieser ebendort erneut früh den Anschluss.

10:42 Minuten nach Froome erreichte der Tour-Sieger von 2010 das Ziel. "Okay, das war nicht gut", twitterte er anschließend. "Es ist aber nicht das Ende der Welt und auch nicht das Ende der Tour." Schleck nimmt in der Schlusswoche einen Etappensieg ins Visier. Am liebsten wohl jenen in Alpe d'Huez, wo ein gewisser Fränk Schleck, dessen Dopingsperre abgelaufen ist, 2006 den Sieg davontrug.

Alejandro Valverde (33/Movistar)

Im Gegensatz zum Rest des elitären Clubs der Enttäuschten lag es beim Spanier nicht an fehlender Form, sondern am fehlenden Glück, dass er in dieser Liste auftaucht. Just zu jenem Zeitpunkt, als das Feld auf der 13. Etappe gerade höllisch Tempo machte und mehrere Windkanten entstanden, hatte der Movistar-Kapitän Defekt.

Rund zehn Minuten bekam Valverde aufgebrummt, womit er sich - gesamt auf Platz zwei rangierend - von seinen Ambitionen auf eine Podiumsplatzierung verabschieden musste. Eine Fairplay-Diskussion entbrannte, Valverde hielt sich dabei allerdings dezent zurück. "Danke für eure Unterstützung Wir sollten Rad-Liebhabern viele tolle Dinge in den Bergetappen zeigen, die noch kommen", bedankte er sich lediglich für die aufmunternden Worte seiner Fans und mancher Kollegen.

In der dritten Tour-Woche kann man einiges vom 32-Jährigen erwarten. Einerseits hat er die Form, um Großes zu vollbringen, andererseits genügend Rückstand, um für Froome, Contador und Konsorten keine direkte Bedrohung darzustellen. Zumindest aus einem Enttäuschten könnte damit doch noch ein Abräumer dieser Tour werden.

 

Christoph Nister

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