Bei der Tour de France wird die Tradition gepflegt

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Den zweiten Ruhetag der Tour de France haben die Fahrer hinter sich gebracht.

Fast schon "traditionell" ging damit ein weiteres dunkles Kapitel im Lager der Pedalritter einher.

Fränk Schleck, zweifellos einer der Top-Stars im Peloton, lieferte eine "anormale Dopingprobe" ab und wurde - ohne dass die Regularien das erfordern würden - von seinem Team RadioShack aus der Rundfahrt genommen.

Während sich ein Gros der Medien auf dieses Thema stürzte und das Teamhotel der US-Mannschaft belagerte, hatten die Fahrer nur rudimentär im Sinn, sich damit zu beschäftigen.

Wesentlich mehr Bedeutung kam dem Studium der Königsetappe zu, die am heutigen Mittwoch über 197 Kilometer von Pau nach Bagneres-de-Luchon führt.

Im Gepäck hat sie vier alte Bekannte der Tour. Echte Legenden. Die vier meistbefahrenen Berge der Historie. In der Reihenfolge ihres Auftritts auf Etappe 16: Col d'Aubisque, Col du Tourmalet, Col d'Aspin und Col de Peyresourde.

Ein perfekter Tag für Klassementfahrer und Anwärter auf das Bergtrikot, sollte man meinen. Doch selbst diese entgegnen der Königsetappe mit der nötigen Portion Demut, ist doch niemand vor einem schwarzen Tag - erst recht nicht in den Bergen - gefeit.

Aubisque-Rekordsieger Federico Bahamontes

Auftakthürde Aubisque

Die Auftakthürde bildet der Aubisque, ein Anstieg, der vor 102 Jahren, anno 1910, erstmals im Programm zu finden war. 2012 wird er zum 72. Mal und von Westen aus in Angriff genommen, was für das Peloton die größere Qual bedeutet.

16,4 Kilometer lang und im Schnitt 7,1 Prozent steil, gehört er zur Ehrenkategorie ("Hors Categorie") der schwersten Anstiege. Im Laufe seiner 71 Überquerungen sammelten sich freilich einige unvergessene Momente an.

So überkam Octave Lapize, der die Rundfahrt am Ende gewinnen sollte, gleich bei der ersten Überfahrung ein Wutausbruch, der in die Geschichte einging. "Ihr seid Mörder! Ja, Mörder!", beschimpfte er die Organisatoren um Tour-Erfinder Henri Desgrange.

Ein schwerer Sturz wurde Wim van Est im Jahr 1951 beinahe zum Verhängnis. Nur mit viel Mühe gelang es seinen Kollegen, ihn aus einer Schlucht zu bergen. Dabei taten sich die Fahrer länderübergreifend zusammen, zerlegten ihre Räder und knoteten die Fahrradschläuche zusammen, um van Est hochziehen zu können.

Die traurigste Überquerung wurde 1995 durchgeführt. Tags zuvor kam der Italiener Fabio Casartelli tödlich zu Sturz, woraufhin das Feld eine neutrale Etappe veranstaltete, die ohne Sieger endete. Letzter Triumphator am Aubisque war im Vorjahr der Franzose Jeremy Roy, Rekordsieger ist der Spanier Federico Bahamontes, genannt "Adler von Toledo", der viermal als Erster zur Bergwertung kam.

1949 und 1952 Erster am Tourmalet: Fausto Coppi

Tourmalet - mehr als ein Berg

Als wäre der Aubisque nicht schwer genug, baut sich direkt danach der Tourmalet auf. Eine Wucht von Berg, 19 Kilometer lang, 7,4 Prozent steil. Müßig zu erwähnen, dass auch er zur Beletage der gefürchtetsten Anstiege zählt. In diesem Jahr bildet er das Dach der Tour.

Sein Ruf als Legende wird unterstrichen durch seinen in den Sprachgebrauch aufgenommenen Namen. So wird Tourmalet im Fußball-Jargon als Synonym für mehrere richtungsweisende und zugleich aufeinanderfolgende Spiele verwendet.

Spielen beispielsweise der FC Barcelona und Real Madrid binnen kurzer Zeit zweimal gegeneinander und haben zudem noch das eine oder andere wichtige internationale Kräftemessen mit weiteren Top-Teams, so bilden die Wochen der Wahrheit einen "Tourmalet".

Untermauert wird sein Ruf durch folgende Geschichte: Vor seiner Premiere im Jahr 1910 - der Tourmalet fungierte als erster Gebirgspass in der 109-jährigen Historie - musste er inspiziert werden.

Die Aufgabe übernahm ein gewisser Alphonse Steines, der bei der Ausführung beinahe ums Leben kam. Seinem Chef Desgrange verschwieg er die gefährlichen Bedingungen und telegrafierte stattdessen:

"Gut über den Tourmalet gekommen. Stop. Straße in einem guten Zustand. Stop. Keine Probleme für die Fahrer." Mit 80 Überquerungen ist er die Nummer eins in der ewigen Liste, 2010 wurde er gar zweimal in Angriff genommen, so auch im Rahmen einer Bergankunft, die Andy Schleck gewann.

Gino Bartali wurde mit Steinen beworfen

Stein- und Flaschenwurf am Aspin

Zeit zum Durchatmen wird den verbliebenen Profis der 99. Tour de France nicht gewährt, wartet doch nach dem Tourmalet mit dem Col d'Aspin (70 Mal befahren, seit 1910 im Programm) der dritte Pyrenäen-Riese.

Mit einer Länge von 12,4 Kilometern und einer durchschnittlichen Steigung von 4,8 Prozent gehört er allerdings - im Gegensatz zu seinen Vorgängern - "nur" zur 1. Kategorie, was für Bradley Wiggins und Kollegen ein schwacher Trost sein dürfte.

Die ersten acht Kilometer muten durchaus machbar an, die Steigung bewegt sich zwischen 2,0 und 6,0 Prozent. Je näher man jedoch der Überquerung rückt, desto mehr wird einem abverlangt. Auf den Schlusskilometern erhöht sich der Schwierigkeitsgrad auf 7,5 bis 8,0 Prozent.

Im Jahr 1950 ereignete sich am Aspin ein handfester Skandal. Pöbelnde und angetrunkene Fans machten den Italienern das Leben schwer, so wurden Etappensieger Gino Bartali und Gesamtleader Fiorenzo Magni mit Steinen und Flaschen beworfen.

Die "Squadra Azzurra" - damals nahmen noch Nationalteams teil - verließ die "Große Schleife" aus Protest. Ein Umstand, der Ferdy Kübler ins Gelbe Trikot spülte, wenig später sollte der Schweizer die Rundfahrt auch gewinnen. Letzter Triumphator am Aspin war Anthony Charteau vor zwei Jahren.

Charly Gaul, Erster am Peyresourde 1958

Der letzte Brocken - Col de Peyresourde

Last but not least: Der Col de Peyresourde. 61 Mal bezwang ihn der Tour-Tross bislang, wie seine Kollegen feierte auch er 1910 Premiere. Mit 9,5 Kilometern Länge ist er kürzer als seine Vorgänger, die Steigung beträgt im Schnitt 6,7 Prozent.

Auch seine Erscheinung ist trügerisch, denn der Einstieg ist verhältnismäßig einfach (2-5 Prozent), hinten raus wartet er mit Werten von bis zu 11 Prozent auf.

Spätestens am Peyresourde müssen die Favoriten die Hosen runter lassen. Speziell Vincenzo Nibali und Cadel Evans, die sich noch (geringe) Chancen auf den Gesamtsieg ausrechnen, werden attackieren, um Zeit gegenüber Leader Bradley Wiggins gutzumachen.

Zuletzt machte die Tour 2010 Station am Peyresourde, vor zwei Jahren bekam Sylvester Szmyd als Erster die volle Punktzahl.

Die Arbeit ist damit allerdings noch nicht getan, abschließend lauert nämlich noch eine knapp 16 km lange Abfahrt zum Etappenziel in Bugneres-de-Luchon.

Genau darin sieht Jean-Francois Pescheux, technischer Leiter der Organisationsfirma A.S.O., eine zusätzliche und nicht zu unterschätzende Herausforderung.

"Es ist eine echte Bergetappe, wie ich sie mir vorstelle: Keine Gipfelankunft, was das Rennen immer hemmt, sondern ein Gelände, das immer in Bewegung ist und jedem das absolute Können abverlangt."

Eine echte Königsetappe eben.

 

Christoph Nister

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