Kenny van Hummel: Träumen und Leiden bei der Tour

Aufmacherbild
 

Es war ein schier aussichtsloses Unterfangen. Er war abgeschlagen, abgekämpft, abgehängt.

Selbst das Tempo des Vorletzten konnte Kenny van Hummel nicht mitgehen.

So blieb ihm nichts anders übrig, als die schweren Bergetappen alleine, hinter dem Rest des Feldes und ohne Aussicht auf ein gutes Ergebnis, in Angriff zu nehmen.

Der Niederländer gab alles, riskierte bei den Abfahrten der Alpen- und Pyrenäenpässe Kopf und Kragen und wurde so zum heimlichen Star der Tour de France.

Die Zuschauer am Straßenrand schrien sich die Kehle aus dem Hals, als er – viele Minuten hinter seinen Kameraden – an ihnen vorbeirollte. Sein heroischer Kampf gegen das Zeitlimit brachte ihm Sympathien rund um den Globus ein.

Die Tour als Kindheitstraum

„Es war immer mein Kindheitstraum, eines Tages bei der Tour de France zu starten“, erläutert der 29-Jährige bei LAOLA1 seine Beweggründe, trotz Chancenlosigkeit keinen Gedanken ans Aufgeben verschwendet zu haben.

„Wenn du mit deinem Team dort hinfährst, willst du nicht gleich wieder nach Hause. Ich habe jeden Tag gelitten, es war die Hölle. Aber aufgeben wollte ich auf keinen Fall!“

Oder Jens Voigt, der 2009 bei Tempo 100 den Asphalt küsste, wochenlang pausieren musste und dennoch gut gelaunt wie eh und je zurückkehrte, um dieselben Strapazen immer und immer wieder auf sich zu nehmen.

"Man weiß, was auf einen zukommt"

Derartige Beispiele erwecken den Anschein, die Schmerzgrenze eines Pedalritters sei höher als bei anderen Sportlern.

„Ich weiß nicht, das ist schwer zu sagen“, hält Kenny Robert van Hummel, so sein voller Name, nichts von derartigen Vergleichen. „Bei mir war es einfach der Traum, den ich keinesfalls aufgeben wollte. Auch wenn ich ohne Ende litt und der Schmerz unerträglich wurde: Jeder Tag war für mich ein Gewinn und ein großes Erlebnis.“

Der Niederländer drückt es noch drastischer aus: „Wir sind Radprofis und keine Pussies. Die Tour ist eines der härtesten Events der Welt. Man weiß doch schon vor Beginn, was auf einen zukommt.“

Ungeahnte Anerkennung

Ähnlich verhält es sich mit den Zuschauern. Sie würdigen die Leistungen aller Athleten. Nicht selten kommt es vor, dass der Sieger respektiert, der Verlierer aber geliebt wird. Wie der Athlet zeichnet sich der Fan durch Leidensfähigkeit aus.

Dutzende Dopingfälle hat er qualvoll miterleben müssen, unzählige Skandale ertragen, einen „Helden“ nach dem anderen von seinem Thron stürzen sehen. Umso mehr weiß er zu würdigen, was auch die vermeintlich Schwächsten im Peloton zu leisten im Stande sind.

Van Hummel hat ungeahnte Anerkennung erfahren. Vom Publikum, aber auch von den Kollegen, die ihm stets früh enteilten. „Als ich ums Überleben kämpfte, war es toll anzusehen, wie sehr ich angefeuert wurde“, weiß der 29-Jährige dies zu schätzen.

„Selbst Lance Armstrong hat sich über Twitter zu Wort gemeldet und gemeint, ich sei Superman, weil ich den ganzen Tag fighte. Es hat mir viel bedeutet, eine Nachricht des ‚Kings‘ zu bekommen.“

Sieben Kilo abgespeckt

Noch einmal wolle er dies allerdings nicht miterleben. Um sich eine derartige Tortur zu ersparen, hat van Hummel Vorkehrungen getroffen. „Ich habe hart an mir gearbeitet und sieben Kilo verloren. Ich wusste, was zu tun war.“

Angst, dadurch seine Stärke bei den Massensprints verloren zu haben, empfindet er keine. „Meine Kraftwerte wurden permanent kontrolliert. Mithilfe der Daten weiß ich, dass ich keine Power verloren habe. Und ich habe mich als Profi nie besser gefühlt. Ich bin stärker denn je, richtig gut in Form und blicke auch den Bergen positiv entgegen.“

Van Hummel nimmt den Kampf an. Mit sich. Mit seinem Körper. Mit den Bergen der Tour.

 

Christoph Nister

 

Die Leitplanke war im Weg

Ein schwerer Unfall zwang ihn letzten Endes doch dazu. Auf der Abfahrt vom Col des Saisies verlor er die Kontrolle über sein Arbeitsgerät und krachte in eine Leitplanke. Eine schmerzhafte Knieverletzung samt Besuch im Krankenhaus war die Folge, die Tour vier Tage vor Schluss für ihn Geschichte.

„Dieser Moment war ein einziger Alptraum. Ich wollte unbedingt nach Paris und habe es nicht geschafft. Das hat mich angetrieben, um an mir zu arbeiten und eines Tages zurück zu kommen.“

Drei Jahre später hat es van Hummel geschafft. Der Sprinter wurde von seinem Team Vacansoleil-DCM, in dem auch der Tiroler Stefan Denifl angestellt ist, ins neunköpfige Aufgebot beordert und strampelt sich seit vergangenem Samstag die Beine wund, um das 2009 verpasste Ziel nachzuholen.

Momente, die prägten

Für den Lockenkopf wäre das Erreichen der Pariser Champs Élysées mehr als nur die Beendigung dessen, was ihm Jahre zuvor verwehrt blieb. „Als ich sechs Jahre alt war, habe ich meinen Vater beobachtet, wie er die Tour verfolgt hat. Von da an war sie etwas Besonderes für mich.“

Später waren es die Etappensiege seines Landsmannes Jeroen Blijlevens (vier Erfolge, Anm.), der in den 90er Jahren zu den besten Sprintern der Welt zählte. „Wir haben mit ihm mitgefiebert und mitgelitten. Diese Momente haben mich geprägt.“

Die Tour sei nicht von ungefähr das bedeutendste Radrennen und zugleich größte jährlich stattfindende Sportereignis der Welt. „Es ist alles größer und anders als in den restlichen Rennen. Als ich 2009 dabei war, habe ich erst einmal große Augen gemacht und gestaunt.“

Van Hummel kein Einzelfall

Ähnlich erging es Millionen begeisterter Schlachtenbummler, die sich seinerzeit vor Ort vom Überlebenskampf van Hummels begeistern ließen. All die Qualen, all der Stress, all die Entbehrungen – all das aus Liebe zur Tour.

Es ist aber längst nicht nur van Hummel, der das Image des Radprofis, zu den Hartgesottensten aller Sportler zu gehören, geprägt hat. Man erinnere sich beispielsweise an Johnny Hoogerland, der im Vorjahr nach einem Sturz in einen Stacheldrahtzaun wieder aufstand und höllische Quälerei auf sich nahm, um mit dem Rad die französische Hauptstadt zu erreichen.

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen