Der Rivale in meinem Team

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Tour: Teaminterne Duelle um das Gelbe Trikot

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Zum ersten Mal im Rahmen der Tour de France zeigte Bradley Wiggins eine Schwäche.

Am Schlussanstieg der 11. Etappe nach La Toussuire tat sich eine kleine Lücke auf, der Mann im Gelben Trikot konnte das Tempo der Favoriten-Gruppe nicht mehr halten.

Just in diesem Moment ging Chris Froome, sein Sky-Teamkollege, aus dem Sattel, um zu attackieren.

Yates pfiff Froome zurück

Sofort setzte sich der in Kenia geborene Brite ein paar Meter ab. Die Fans an der Straße sowie vor dem TV waren begeistert ob der möglichen Konstellation, zwei Fahrer eines Teams um den Tour-Sieg fighten zu sehen.

Weniger Enthusiasmus entglitt Sean Yates, dem Sportdirektor der beiden. Der 52-Jährige, zwischen 1982 und 1996 selbst Profi, zögerte keine Sekunde und befahl Froome via Funk, das Tempo sofort zu drosseln.

Dieser spurte, stoppte seinen Angriff und leistete fortan wieder für seinen Kapitän die Führungsarbeit.

Für den Teamleader "geopfert"

Der vermeintlich stärkste Kletterer wurde gebremst, um dem Teamleader die Treue zu halten. Auch das gehört zum Teamsport Radsport. Nicht immer wird für denjenigen gefahren, der die besten Beine hat.

In der 109-jährigen Geschichte der "Grande Boucle" gab es schon so einige heiße Duelle zweier Teamgefährten. Während manche Herausforderer stets den Teamgedanken als oberste Prämisse betrachteten, verfolgten andere primär eigennützige Ziele.

Fünf brandheiße Duelle der Tour de France:

Fausto Coppi vs. Gino Bartali

Schon vor Beginn der Tour de France 1949 rumorte es in der "Squadra Azzurra". Die italienische Auswahl - seinerzeit gingen noch Nationalteams an den Start - hatte mit Titelverteidiger Gino Bartali und Giro-Sieger Fausto Coppi gleich zwei potenzielle Sieganwärter in den eigenen Reihen. Bartali hatte die Ambition, als erster Profi seit Philippy Thys drei Tour-Siege zu feiern. Coppi hingegen wusste um der historischen Bedeutung, erstmals das Double aus Giro und Tour in einem Jahr zu gewinnen.

Dementsprechend verzwickt war die Lage während des Rennens, von Einigkeit nichts zu sehen. Der, der sich gut fühlte, attackierte. Bartali übernahm nach der 16. Etappe (Cannes-Briancon) das Gelbe Trikot und wähnte sich als Nummer eins im Team. Doch Coppi konterte tags darauf, gewann Tage später auch noch ein 137(!) km lange Einzelzeitfahren und kam schließlich mit großem Vorsprung (10:55 min) als Sieger nach Paris. Bartali blieb nur die Rolle des "Vize", welche er auch in der Bergwertung - auch hier triumphierte Coppi - einnehmen musste.

Greg LeMond vs. Bernard Hinault

In Abwesenheit des verletzten Titelverteidigers Laurent Fignon wurde Bernard Hinault bei der Tour 1985 seiner Favoritenrolle gerecht, er übernahm nach der 7. Etappe das "Maillot Jaune". Als er sich jedoch eine Woche später einen Nasenbeinbruch zuzog, wurde es eng für den "Dachs". Greg LeMond, sein aufstrebender Teamkollege, übte mehr und mehr Druck auf den Franzosen aus und war kurz davor, den Leader zu attackieren, als ihm Paul Köchli, der Sportdirektor des Teams La Vie Claire, einen Angriff verbot. Köchli und Hinault gaben LeMond das Wort, dafür 1986 für den US-Amerikaner zu fahren. So gewann Hinault seine fünfte Tour knapp vor LeMond.

Im Jahr darauf wollte Lokalmatador Hinault von seiner Absprache nichts mehr wissen. Gleich die erste Pyrenäen-Etappe nutzte er zu einem überraschenden Angriff und kämpfte sich damit an die Spitze. LeMond, der den Ernst der Lage erkannte und nicht erneut einen Sieg herschenken wollte, konterte mit einem Etappensieg am Tag darauf. In den Alpen demonstrierte er schließlich seine Überlegenheit ein weiteres Mal, zog Hinault das Gelbe aus und schlüpfte seinerseits in Selbiges, das er bis ins Ziel nicht mehr abgeben sollte. In die Geschichte ging auch die 18. Etappe mit Ziel in Alpe d'Huez ein. LeMond und Hinault hängten die Konkurrenz ab und fuhren - als Zeichen der Versöhnung - Hand in Hand über die Ziellinie.

Jan Ullrich vs. Bjarne Riis

Top-Favorit auf den Sieg bei der Tour de France 1996 war zweifellos Miguel Indurain, der zuvor fünf Jahre fast nach Belieben dominierte. Doch der Spanier schwächelte und so war es Bjarne Riis, der sein Erbe antreten sollte. Doch der wahre Star dieser Ausgabe war nicht etwa der Däne, sondern dessen deutscher Teamkamerad Jan Ullrich. Bei seinem Debüt überzeugte er mit ungeahnten Berg-Qualitäten und einem eindrucksvollen Zeitfahr-Sieg. Am Ende trennten die beiden nur 1:41 min.

Im Jahr darauf war Riis erneut als Telekom-Kapitän aufgeboten worden, konnte jedoch nicht an die Form des Vorjahres anschließen. Jan Ullrich, der wie immer höchst loyal zu Werke ging und sich lange für seinen Leader aufopferte, stellte wie schon im Vorjahr seine eigenen Interessen lange hinten an. Erst, als er auf der 10. Etappe (Bergankunft in Arcalis) zunächst von der Teamführung und dann auch noch von Riis freie Hand gewährt bekam, fuhr "Ulle" auf eigene Kappe. Der Rest ist Geschichte: Der damals 23-Jährige fuhr alle in Grund und Boden und kam mit 9:09 min Vorsprung auf den zweitplatzierten Richard Virenque auf den Pariser Champs Élysées ins Ziel. Riis kam nicht über Rang sieben hinaus.

Lance Armstrong vs. Alberto Contador

Sieben Jahre war Lance Armstrong der "Patron" im Peloton. Nach seinem Rücktritt mauserte sich Alberto Contador mit Triumphen bei allen großen Landesrundfahrten zu seinem heimlichen Nachfolger. 2009 kam es, wie es kommen musste: Armstrong, der sein Comeback feierte, und Contador fuhren gemeinsam bei Astana. Nach außen hin demonstrierten sie lange Frieden, teamintern gab es schon vor Tour-Beginn erste Risse. Diese wurden während der Rundfahrt derart groß, dass sie beinahe auf Kosten des Teamerfolgs gingen.

Zunächst verlor Contador auf der 2. Etappe Zeit, da er bei einer Windkante schlecht positioniert war. Pikant: In der 1. Gruppe des Feldes, in der sich Armstrong befand, machten Astana-Fahrer das Tempo. Auf dem Weg nach Arcalis (7. Etappe) folgte der Konter. Bei der Teamsitzung war vereinbart, dass keiner der Astana-Equipe attackieren würde. Contador pfiff drauf und griff an. Mit Siegen in Verbier (Bergankunft) und Annecy (Einzelzeitfahren) untermauerte der Spanier seine Vormachtstellung und legte den Grundstein für den Gesamtsieg. Armstrong gelang zwar eine beeindruckende Rückkehr, der Texaner musste sich jedoch hinter Andy Schleck mit Platz drei begnügen.

Bradley Wiggins vs. Chris Froome

In diesem Jahr sind es Bradley Wiggins und Chris Froome, die bislang eine Klasse für sich waren. Abgesehen vom Einzelzeitfahren, das Wiggins für sich entschied, gewann man sogar den Eindruck, Froome wäre der Stärkste im Feld. Der 27-Jährige hatte allerdings bereits auf der 1. Etappe Pech und verlor aufgrund eines Reifendefekts 1:25 min auf "Wiggo". Die Bergankunft in La Toussuire dokumentierte eindrucksvoll die Rollenverteilung: Wiggins ist der Kapitän, Froome "nur" der Edel-Domestike.

"Ich hörte es über das Team-Radio", erklärte Letzterer die Szene, als Wiggins reißen lassen musste. "Sie (die Teamleiter, Anm.) baten mich, langsamer zu fahren, daher wartete ich." Froome sieht seinen Kollegen in der besseren Position im Kampf um den Gesamtsieg, daher will er seine persönlichen Ziele hinten anstelle. "Ich bin Teil des Teams und daher muss ich tun, was das Team mir sagt." Die einzige Chance bzw. Hoffnung Froomes kann nur sein, dass Wiggins einen schlechten Tag erwischt und unerwartet Zeit einbüßt. Zwar macht der 32-Jährige nicht den Anschein, das Gelbe außer Augen zu verlieren, doch schon bei der Vuelta 2011 war er der klare Kapitän, um am Ende doch für den stärkeren Froome, der Gesamt-Zweiter wurde, zu fahren.

 

Christoph Nister

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