Gute Miene zum bösen Spiel

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Wiggins: "Chris' Tage werden sicher noch kommen"

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Alle Konkurrenten waren abgeschüttelt. Cadel Evans, Jurgen van den Broeck, Tejay van Garderen, Haimar Zubeldia. Selbst Vincenzo Nibali konnte dem Tempo von Chris Froome und Bradley Wiggins nicht länger folgen.

Der Einzige, der noch vor dem bei der 99. Tour de France dominierenden Duo lag, war Alejandro Valverde. Der Spanier war frühzeitig ausgerissen, lag jedoch auf dem Schlussanstieg in Reichweite.

Das Gelbe Trikot war abgesichert, der Etappensieg in Reichweite – zumindest für Froome. Denn während Wiggins am Anschlag fuhr, hatte sein Domestike noch Reserven im Tank.

„Hey Chef, wo bleibst du?“

Immer wieder brachte Froome einige Meter zwischen sich und seinen Kapitän, doch der ließ ihn nicht ziehen. Mit eindeutigen Handbewegungen demonstrierte der in Kenia geborene 27-Jährige seine Überlegenheit.

„Hey Chef, wo bleibst du?“, oder „Jetzt komm‘ schon, der Etappensieg ist noch drin!“, schien er ihm sagen zu wollen. Der Chef blieb stur, Froome musste weiter Tempo machen.

Es war eine offene Machtprobe. Auf der einen Seite Froome, der erneut bewies, am Berg die Nummer eins zu sein. Auf der anderen Seite Wiggins, der seinen Kapitänsstatus zu nutzen wusste und seinem Kollegen vor dem Einzelzeitfahren nach Chartres keine Sekunden schenken wollte.

„Bradley war vielleicht etwas am Limit. Deshalb hat er Froomey wohl nicht weggelassen“, mutmaßte Sportdirektor Sean Yates, der seine Finger diesmal nicht im Spiel hatte.

Harmonie pur im Ziel

Die Überraschung: Im Ziel wurde der Vorfall erst gar nicht zu einem solchen gemacht, hinter der Ziellinie lag man sich beinahe in den Armen. Gute Miene zum bösen Spiel, könnte man meinen.

„Einen Etappensieg hatte ich nicht auf meiner Agenda“, sprach Froome der wartenden Journalisten-Meute ins Mikrofon. „Es geht nur darum, das Gelbe Trikot nach Paris zu bringen.“

Aus Sky-Sicht absolut verständlich, jedoch wäre auf der letzten Bergetappe nach Peyragudes der Tagessieg zusätzlich möglich gewesen. Froomes klare Gesten ließen zudem den Eindruck erwecken, er war sich der Chance eines zweiten Erfolges bewusst.

Gesagt haben will er aber nur: „Komm‘, Nibalis Beine sind nicht so gut. Wir fahren los, können noch etwas Zeit zu ihm gut machen.“

Seine Worte klangen deutlich friedlicher als noch vor wenigen Tagen. „Ich weiß, dass ich fähig bin, die Tour zu gewinnen, aber nicht mit Sky“ gab er gegenüber „L’Equipe“ zu Protokoll. Zudem sei er sich bewusst, ein „großes Opfer“ zu bringen.

Wiggins unendlich dankbar

Wiggins, der in den letzten Tagen stets bemüht war, die sich anbahnenden Wogen zu glätten, sprach lieber über seine Glücksgefühle als die offensichtlichen Auffassungsunterschiede mit Froome.

„In der Minute, in der wir den Peyresourde überquerten, wusste ich: Das war es. Ich habe mich fantastisch gefühlt … An diesem Punkt habe ich zum ersten Mal gedacht: Ich habe vielleicht die Tour gewonnen.“ Danach sei jedoch die Konzentration verloren gegangen.

Wie gewohnt galt sein Dank der Mannschaft, die einmal mehr hart für ihren Kapitän schuftete. „Wir fungieren schon die ganze Saison als unglaubliches Team und ich denke, wir haben hier wieder gezeigt, wie stark wir sind.“

Für seinen Edel-Domestiken hatte er noch ein paar warme Worte übrig. „Chris‘ Tage werden sicher noch kommen. Und ich werde da sein und ihn auf jedem Inch unterstützen, wenn er auf die Tour losgeht.“

 

Christoph Nister

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