Die große Team-Analyse zur Tour de France

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Ein Start bei der Tour de France ist für ein Radsport-Team das Beste, was ihm passieren kann.

Sich beim größten jährlichen Sportevent ins Rampenlicht zu fahren und die Sponsoren zu präsentieren, ist für Fahrer und Verantwortliche von enormer Bedeutung. In diesem Jahr hatten 22 Mannschaften die Ehre, die "Grande Boucle" in Angriff zu nehmen.

Von Beginn war Hektik vorprogrammiert. Ein Gros der Teams wollte möglichst häufig in Ausreißergruppen vertreten sein, um viel TV-Zeit zu bekommen. Da es nur 21 Etappen gab, um abzuräumen, und Mark Cavendish alleine schon fünf für sich entschied, ist es nicht schwer zu erraten, dass die eine oder andere Equipe leer ausging.

Wer sich für neue Geldgeber empfehlen konnte, wessen Fahrer deutlich über den Erwartungen agierten und welche Rennställe zu den großen Enttäuschungen zählen, erfährst du in der LAOLA1-Teamanalyse:

               TEIL 1: ag2r bis FDJ

               TEIL 2: Garmin bis Omega Pharma

Ziele: Etappensiege waren das erklärte Ziel des Traditions-Teams. Sylvain Chavanel, im letzten Jahr doppelt erfolgreich, sollte auch bei der 98. Ausgabe für Furore sorgen. Tom Boonen, Gerald Ciolek und Gert Steegmans bildeten eine Drei-Mann-Sprintspitze, die im Kampf gegen Mark Cavendish stechen sollte.

Ausbeute: Man wäre fast geneigt zu fragen, ob Quick Step denn überhaupt teilnahm. Die Mannschaft war nun wahrlich nicht vom Glück verfolgt, Boonen und Stegmans mussten vorzeitig aussteigen. Dazu hatte man in Fluchtgruppen wenig Erfolg. Chavanel, Devenyns oder Pineau hatten es mehrfach versucht - ohne zählbares Ergebnis.

Positiv trat einzig Kevin de Weert in Erscheinung. Der 29-Jährige zeigte in den Bergen auf und überzeugt mit Platz 13 in der Gesamtwertung. Bitter: In keiner einzigen Kategorie gelang es den Mannen von Teammanager Patrick Lefevere, sich in den Top 10 zu klassieren.

Zeugnis: Nicht genügend!

Ziele: Erstmals war die niederländische Equipe ganz auf Robert Gesink ausgerichtet. Die Bergziege galt als Geheimfavorit auf den Sieg und bekam ein schlagkräftiges Team zur Seite gestellt. Mit dabei waren unter anderem Luis Leon Sanchez und Carlos Barredo.

Ausbeute: Gegen Stürze ist niemand gefeit, auch Gesink nicht. Der 25-Jährige küsste gleich mehrfach den Asphalt und trug leichte Verletzungen davon. Diese hinderten ihn derart stark, dass ein Eingreifen in den Kampf um die Top-Plätze frühzeitig passé war. Auch das Nachwuchstrikot, das er einige Tage auf den Schultern trug, geriet schnell außer Reichweite.

Nachdem Plan A nicht aufging, musste Plan B greifen. Er tat es zumindest zum Teil. Die Rabobank-Fahrer waren immer und immer wieder in Fluchtgruppen dabei, eine davon brachte den erhofften Erfolg in Form eines Etappensieges für Luis Leon Sanchez. Der Spanier schrammte zudem nur knapp an Gelb vorbei, lag er doch drei Tage an zweiter Stelle.

Zeugnis: Befriedigend-!

Ziele: "Vier gewinnt!", war die Devise von Teamchef Johan Bruyneel, als er mit Janez Brajkovic, Chris Horner, Andreas Klöden und Levi Leipheimer gleich vier Kapitäne ins Rennen schickte. Selbst die Helfergarde um Yaroslav Popovych und Haimar Zubeldia war höchst prominent ausgewählt.

Ausbeute: Am Ende blieb wenig übrig bei "The Shack". Brajkovic, Horner und Klöden mussten mit zum Teil schweren Verletzungen aussteigen, Leipheimer hatte aufgrund mehrerer Stürze und Defekte schnell einige Minuten auf Evans und Konsorten verloren.

Ein Tagessieg war nicht einmal in Reichweite, für RadioShack wurde die Rundfahrt im wahrsten Sinne des Wortes zur "Tour der Leiden". Ehrenhalber muss gesagt werden, dass es noch selten ein Team gab, das derart viel Pech auf sich vereinte. In diesem Sinne gilt für Bruyneel das Motto: Es kann (2012) nur besser werden.

Zeugnis: Nicht genügend!

Ziele: Erwartungsgemäß trat die zweitklassige Auswahl aus Frankreich ohne Top-Stars beim Debüt bei der Frankreich-Rundfahrt an. Große Hoffnungen setzten die Teamverantwortlichen in Jerome Coppel, der zu den talentiertesten Rundfahrern seines Landes zählt.

Ausbeute: Wie erwartet gestaltete sich die Tour-Premiere zum großen Lehrjahr für Saur-Sojasun. Es gab keine Ausreißer nach oben, die Fahrer hielten sich wacker.

Yannick Talabardon wurde einmal kämpferischster Fahrer des Tages, Coppel fuhr im Rahmen seiner Möglichkeiten und schloss die Tour auf Platz 14 ab. Ein neunter Etappenplatz durch Hivert war das beste Einzelergebnis.

Zeugnis: Genügend!

Ziele: Wenig überraschend lag das einzige Augenmerk auf Alberto Contador. Der Spanier sollte seinen Vorjahressieg wiederholen und nach dem Giro auch die Tour für sich entschieden. Darauf war die Truppe ausgerichtet, danach wurde sie zusammengestellt.

Ausbeute: Bekanntermaßen ist das Projekt Titelverteidigung kläglich gescheitert, "AC" kam nicht über Platz fünf hinaus. In der ersten Woche hatte Contador großes Sturzpech, in der dritten zu wenig Kraftreserven im Hochgebirge. Als der Gesamtsieg außer Reichweite war, wollte der Madrilene zumindest die prestigeträchtige Bergankunft in Alpe d'Huez gewinnen.

Selbst das war "El Pistolero" nicht vergönnt, sodass er leer ausging. Seine Teamkollegen blieben indes blass, Erfolge sucht man in der Palmares des dänischen Rennstalls vergeblich. Teamchef Bjarne Riis wird aus der Pleite lernen, Contador - sofern er startberechtigt ist - 2012 wohl auf den Giro verzichten, um den Fokus ganz auf die "Große Schleife" zu richten.

Zeugnis: Nicht genügend!

Ziele: Bradley Wiggins war als Klassementfahrer vorgesehen und sollte nach dem Sieg bei der Dauphine auch beim Saison-Highlight ganz vorne mitmischen. Juan Antonio Flecha und Edvald Boasson Hagen waren als "Flüchtlinge" eingeplant, letzterer zudem als guter Sprinter. Mit Geraint Thomas und Rigoberto Uran hatte man überdies zwei starke U25-Fahrer in den eigenen Reihen.

Ausbeute: Der Verletzungsteufel suchte Wiggins heim, der Traum vom Tour-Podium war frühzeitig geplatzt, er musste aussteigen. Uran sprang lange Zeit in die Bresche und führte - wie Thomas zu Beginn der Rundfahrt - einige Tage in der Nachwuchswertung, ehe ihn in den Alpen die Kräfte verließen.

Boasson Hagen hingegen übertraf die Erwartungen und entschied gleich zwei Teilstücke zu seinen Gunsten, zwei weitere Male wurde er Zweiter. Flecha wäre ein Etappensieg zuzutrauen gewesen, er wurde allerdings, als er sich in einer Ausreißergruppe befand, von einem Begleitfahrzeug gerammt.

Zeugnis: Gut!

 

Ziele: Die erste Überraschung gab es schon bei der Kadernominierung, als Stijn Devolder nicht im Aufgebot aufschien. Stattdessen setzte die niederländische Equipe auf die Sprinter Borut Bozic und Romain Feillu.

Ausbeute: Mangelnden Willen kann man Feillu und Co. nicht vorwerfen. Immer wieder waren sie nahe am Etappensieg dran. Nicht weniger als 13 Top-10-Plätze kamen im Laufe der drei Wochen zusammen, allein Feillu schaffte fünfmal den Sprung in die Top 6.

Ganz nach oben klappte es nicht, doch mit Johnny Hoogerland trug ein Vacansoleil-Fahrer immerhin fünf Tage das Bergtrikot. Es wären möglicherweise mehr geworden, wäre er nicht wie Flecha Opfer eines Begleitfahrzeuges geworden.

Zeugnis: Befriedigend!

 

Christoph Nister

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