Die große Team-Analyse zur Tour de France

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Ein Start bei der Tour de France ist für ein Radsport-Team das Beste, was ihm passieren kann.

Sich beim größten jährlichen Sportevent ins Rampenlicht zu fahren und die Sponsoren zu präsentieren, ist für Fahrer und Verantwortliche von enormer Bedeutung. In diesem Jahr hatten 22 Mannschaften die Ehre, die "Grande Boucle" in Angriff zu nehmen.

Von Beginn war Hektik vorprogrammiert. Ein Gros der Teams wollte möglichst häufig in Ausreißergruppen vertreten sein, um viel TV-Zeit zu bekommen. Da es nur 21 Etappen gab, um abzuräumen, und Mark Cavendish alleine schon fünf für sich entschied, ist es nicht schwer zu erraten, dass die eine oder andere Equipe leer ausging.

Wer sich für neue Geldgeber empfehlen konnte, wessen Fahrer deutlich über den Erwartungen agierten und welche Rennställe zu den großen Enttäuschungen zählen, erfährst du in der LAOLA1-Teamanalyse:

               TEIL 1: ag2r bis FDJ

                TEIL 3: Quick Step bis Vacansoleil

Ziele: Beim ersten Blick auf den Tour-Kader wurde ersichtlich, dass Teamboss Jonathan Vaughters große Ziele hatte. Mit Thor Hushovd, Tyler Farrar und Julian Dean waren drei Sprintkaliber Teil des Teams, dazu kamen namhafte Asse wie Tom Danielson, Ryder Hesjedal, Dave Zabriskie, David Millar oder Christian Vande Velde.

Ausbeute: Die schlechte Nachricht zuerst: Ein erhoffter Platz in Reichweite des Podests sprang nicht heraus. Nun zum Guten: Danielson überzeugte als Neunter bei seinem Tour-Debüt, dazu gewann die US-Equipe in überzeugender Weise und mit mehr als zehn Minuten Vorsprung die Mannschaftswertung.

Damit nicht genug, schlug Garmin auch auf den Etappen ordentlich zu. Der erste Paukenschlag erfolgte mit dem Gewinn des Teamzeitfahrens, nur 24 Stunden später legte Tyler Farrar im Sprint nach. Thor Hushovd bewies indes seine Kletterfähigkeiten und gewann eine Pyrenäen-Etappe. Damit nicht genug, schlug der Wikinger ein zweites Mal zu.

Zeugnis: Sehr gut!

Ziele: Wie schon in den Vorjahren wurde Mark Cavendish die Ehre zuteil, bei Massensprints die Hilfe sämtlicher HTC-Fahrer zugesprochen zu bekommen. In den Bergen sollte Tony Martin Verantwortung übernehmen, mit Peter Velits war der Vuelta-Dritte von 2010 als zweite Option eingeplant.

Ausbeute: "Cav" bewies einmal mehr, dass er der "fastest man on two wheels" ist. Der Brite von der Isle of Man schlug nicht weniger als fünf Mal zu. Dabei konnte er u.a. auf tatkräftige Unterstützung von Bernhard Eisel bauen, der seine Rolle als "Road Captain" vorzüglich ausübte.

Neben Cavendish gelang es auch Martin, sich eine Etappe zu sichern, er war im Einzelzeitfahren der Stärkste. Da Cavendish auch noch erstmals das Punktetrikot gewann, fiel es nicht weiter ins Gewicht, dass der beste Fahrer im Gesamtklassement (Velits) erst auf Rang 28 zu finden war.

Zeugnis: Sehr gut!

Ziele: Sportdirektor Andrei Tchmil sorgte bei der Kadernominierung für ein Novum: Erstmals traten ausschließlich Russen für eine Equipe an. Vladimir Karpets wurde zum Kapitän ernannt, Denis Galimzyanov war als Sprinthoffnung zum Zug gekommen. Pavel Brutt und Mikhail Ignatiev führten die Abteilung Attacke an.

Ausbeute: Einmal mehr hielt Karpets nicht, was man sich von ihm versprach. Der 30-Jährige kam nicht über den enttäuschenden 28. Platz hinaus. Galimzyanov sprintete in der Weltelite mit und beendete zwei Etappen in den Top 6, ehe er in den Pyrenäen aus dem Zeitlimit fiel und ausschied.

Nachdem auch Brutt vorzeitig die Tour verließ, sanken die Chancen auf eine erfolgreiche Tour nahezu ins Bodenlose so. Da half es auch nicht mehr, dass Mikhail Ignatievs Kämpferherz die Jury auf der 16. Etappe überzeugte und der 26-Jährige tags darauf die rote Startnummer tragen durfte.

Zeugnis: Nicht genügend!

Ziele: Mit Damiano Cunego und Alessandro Petacchi schickte die Equipe um Teammanager Giuseppe Saronni gleich zwei Leader ins Rennen. Cunego, der eigens den Giro sausen ließ, war für die Gesamtwertung gedacht, Petacchi hatte zwei Etappen sowie das Punktetrikot aus dem Vorjahr zu verteidigen.

Ausbeute: Cunego präsentierte sich stark, aber nicht stark genug, um das Stockerl erklimmen zu können. Der Giro-Sieger von 2004 musste meist kurz vor dem Ziel reißen lassen und häufte somit Stück für Stück einen Rückstand an, der ihn letztlich auch die Top 5 kostete.

Petacchi, der mit 37 Jahren noch einmal abräumen wollte, musste einsehen, dass er keine Chance hatte. Einmal wurde er Zweiter, einmal Dritter. In seiner Verzweiflung nahm er gar in den Pyrenäen Reißaus, um doch noch den erhofften Etappensieg zu ergattern. Der Rest des Teams blieb blass, wenn man von einer Ausnahme (Adriano Malori wurde kämpferischster Fahrer der 6. Etappe) absieht.

Zeugnis: Genügend!

Ziele: Das "Real Madrid des Radsports" hatte bei seiner Tour-Premiere ein Ziel auf seiner Agenda: Den Sieg! Andy und Fränk Schleck sollten im Tandem die Gegner zermürben, dazu wurden ihnen Edel-Domestiken wie Fabian Cancellara, Jens Voigt und Stuart O'Grady zur Seite gestellt.

Ausbeute: Am Berg war das luxemburgische Brüder-Paar am stärksten, doch der Vorsprung, den es dabei herausfuhr, reichte nicht. So blieb am Ende zwar eine Premiere - nie zuvor standen zwei Brüder gemeinsam auf dem Tour-Stockerl -, aus dem erhofften Tour-Sieg wurde allerdings nichts.

Neben den Rängen zwei und drei im Gesamtklassement stand ein Schleck-Doppelsieg auf der 18. Etappe (Andy vor Fränk) zu Buche. Dem jüngeren der beiden war zudem ein Tag in Gelb vergönnt, einmal wurde er kämpferischster Fahrer. Bitter: Auch in der Berg- und Mannschaftswertung blieb jeweils nur der zweite Platz.

Zeugnis: Gut+!

Ziele: Einer für alle, alle für einen! Getreu diesem Motto rollte die Equipe aus Italien in der Vendée los. Ivan Basso peilte seinen dritten Podestplatz nach 2004 (Dritter) und 2005 (Zweiter) an und hatte acht Helfer dabei, um sein Ziel in die Tat umzusetzen. Daniel Oss war nebenbei für Sprintaufgaben abgestellt.

Ausbeute: Die letzten Jahre gingen nicht spurlos an Basso vorüber. Er zählt zwar noch immer zu den Besten am Berg, doch im Zeitfahren hat er ganz klar an Qualität eingebüßt. Zudem fehlt ihm die nötige Spritzigkeit, um direkt auf Angriff von explosiveren Fahrern reagieren zu können.

Der 33-Jährige hielt sich wacker, war am Ende aber chancenlos und musste sich sogar im Duell um den besten Italiener knapp geschlagen geben. Hinter Cunego blieb Platz acht. Edelhelfer Sylvester Szmyd stach positiv hervor, zudem gelang es Oss, sich viermal in den Top 10 zu klassieren. Etappensiege und Sondertrikots? Fehlanzeige!

Zeugnis: Genügend!

 

Ziele: Das Nachfolge-Team von Caisse d'Epargne setzte auf David Arroyo als Kapitän. Dieser hat einen zweiten Platz beim letztjährigen Giro auf seiner Erfolgsliste zu Buche stehen. Mit Jose Joaquin Rojas und Francisco Ventoso waren zudem zwei Fahrer von der schnellen Sorte mit dabei.

Ausbeute: Arroyo war eine einzige Enttäuschung und konnte Alejandro Valverde, der in den vergangenen Jahren die Teamfahnen hoch hielt, heuer aber wegen einer Dopingsperre passen musste, nicht annähernd ersetzen. Rui Costa half aus und entschied die schwere Etappe nach Super-Besse dank einer Energieleistung für sich.

Darüber hinaus entpuppte sich Rojas als zähester Gegner von Mark Cavendish im Kampf um Grün. Auch wenn er unterlag, so hatte er doch immerhin drei Tage das Punktetrikot inne.

Zeugnis: Befriedigend+!

Ziele: Die belgische Equipe war für jedes Terrain gerüstet: Im Sprint sollte es Andre Greipel richten, bei den Ankünften mit kurzem, steilen Schlussanstieg war Philippe Gilbert der Mann, der die Kohlen aus dem Feuer holen sollte, dazu hatte Omega Pharma-Lotto mit Jurgen van den Broeck den Vorjahres-Fünften an Bord.

Ausbeute: Gilbert trumpfte schon in der ersten Woche auf, gewann die Auftakt-Etappe und war zwischenzeitlich Träger des Gelben, Grünen und Berg-Trikots. Greipel erfüllte sein Soll und entschied die zehnte Etappe für sich, als van den Broeck nach einem Horror-Sturz mit schwerwiegenden Folgen (Bruch des Schulterblattes) bereits ausgestiegen war.

Als Draufgabe gelang Jelle Vanendert ein zusätzlicher Tagessieg (14. Etappe), zudem fuhr er einige Tage im "polka dot jersey" des besten Bergfahrers. Da war es zu verkraften, dass im Gesamtklassement nicht mehr als ein 20. Platz (Vanendert) raussprang.

Zeugnis: Sehr gut!

 

Christoph Nister

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