"Race Around Austria ist nicht zu unterschätzen"

Aufmacherbild
 

Glücklicherweise gibt es LAOLA1.tv.

Ohne die La-Liga-LIVE-Streams hätte es Christoph Strasser vielleicht gar nicht auf seine drei Siege beim Race Across America gebracht.

"Diese Übertragungen haben mir einige Trainingsessions gerettet. Fußball schaue ich am liebsten während meiner Einheiten auf dem Home-Trainer", erzählt Christoph Strasser schmunzelnd. Zwei Monate nach seinem letzten Sieg beim härtesten Rennen der Welt geht der 31-Jährige beim härtesten Rennen Europas an den Start (ab 13. August).

Mit dem Race Around Austria hat der Steirer noch eine Rechnung offen. 2010 musste er die Abenteuer-Fahrt noch aufgeben. Doch nachdem er im letzten Jahr im Viererteam einen neuen Rekord aufgestellt hat, soll heuer auch der Solo-Sieg her.

Im besten Fall ebenfalls in Rekordzeit - die aktuelle Bestzeit beim 2.200 Kilometer langen Rennen rund um Österreich liegt bei 3 Tagen, 21 Stunden und 6 Minuten.

Im LAOLA1-Interview spricht er über die größten Unterschiede zwischen dem RAA und dem RAAM, seine Gesundheit, Schlafdefizite und die Zukunft.

LALOA1: Bist du zwei Monate nach dem Sieg beim RAAM schon wieder topfit?

Christoph Strasser: Ja. Ehrlich gesagt war ich schon nach zwei Wochen wieder zu 95 Prozent fit. Es ist nicht wie bei anderen Bewerben, dass der, der am schnellsten fährt, im Ziel am müdesten ist oder sich am meisten verausgabt hat. Man kann nur schnell sein, wenn man keine körperlichen Probleme hat. So gut, wie es heuer im Rennen gelaufen ist, so gut ging es mir auch im Nachhinein. Ich habe recht bald wieder mit dem Training anfangen können. Mittlerweile bin ich wieder bei 99 bis 100 Prozent. Man sagt, dass man sechs bis acht Wochen braucht, bis man wieder zu hundertprozent leistungsfähig ist. Aber vor zwei Jahren hätte ich länger gebraucht, da hatte ich mit den Fingern über zwei Monate zu tun, bis ich wieder Gefühl in den Fingern hatte. Das war eine ziemlich schlimme Phase, in der ich schon darüber nachgedacht habe, ob ich meinem Körper langfristige Schäden zufüge. Aber es lag nur an der Sitzposition, heuer waren die Knie- und Hinternschmerzen bereits nach drei, vier Tagen verschwunden und ich war nach einer Woche wieder einsatzfähig.

LALOA1: Wie lange hast du insgesamt geschlafen während des RAAM?

Strasser: In den sieben Tagen weniger als sechs Stunden, also sechs Stunden lag ich wirklich im Bett. 15 Stunden betrug insgesamt die Stehzeit, in der ich mich nicht auf dem Rad bewegt habe. Das bedeutet, ich habe im Schnitt 22 Stunden pro Tag auf dem Rad gesessen. Das ist natürlich brutal wenig Schlaf, da gibt es schon hin und wieder kritische Momente aufgrund des Schlafentzuges. Die Konzentration geht verloren, Müdigkeit, Sekundenschlaf, geistige Verwirrungszustände… Das gehört alles dazu. Wenn man sich das ersparen will, muss man mehr schlafen und wird dadurch langsamer.

LALOA1: Wie schafft man es, trotz Müdigkeit die Konzentration aufrecht zu erhalten?

Strasser: Durch das Team, das ist ganz wichtig. Man kann sich das so vorstellen, wie wenn man um Mitternacht allein von Graz nach Wien fahren muss. Man schläft fast ein, die Augen werden schwer. Wenn man jedoch mit seinen drei besten Kumpels im Auto fährt, der Schmäh läuft, bei der Musik mitgesungen wird, ist es viel leichter, durchzuhalten. Und so ist das im Rennen auch, da wird mir vorgelesen, wer mir was auf Facebook geschrieben hat, wie es der Konkurrenz geht usw. Es ist permanent Unterhaltung da, sodass die Müdigkeit viel weniger zum Problem wird. Ich stehe über das Headset immer in Funkverbindung zum Team, in Amerika sind auf dem Auto zudem Lautsprecher angebracht, die Musik spielen. Das ist in Österreich leider nicht erlaubt. Die Kunst ist es, ein Team zu finden, das effektiv und professionell arbeitet, aber auch lustig ist und es schafft, dich rund um die Uhr zu unterhalten. Diese Kombination macht es aus, dass man es mit ganz wenig Schlaf durchhält.

LAOLA1: Wie lange hast du nach dem Rennen geschlafen?

Strasser: Ich konnte im Ziel nicht einmal mehr ein Interview geben, ich hatte keine Stimme mehr und bin noch am Siegestockerl eingepennt. Als ich im Zimmer war, habe ich erstmal zwölf Stunden durchgeschlafen. Danach war ich aber eine Nacht wach, weil mein Rhythmus völlig durcheinander war. Es dauert drei bis vier Tage, bis man wieder einen normalen Schlafrhythmus hat. Die drei Tage nach dem Rennen sind der Horror, schlimmer als die Strapazen im Rennen an sich.

LAOLA1: Was war heuer der schwierigste Moment für dich?

Strasser: Der letzte Tag durch die Appalachen war der Tiefpunkt. Das ist ein Gebirge, in dem man nicht sehr hoch hinaufkommt, aber in dem es extrem viele steile Rampen gibt. Durch den Schlafentzug war ich dort so am Limit, dass ich mich nicht mehr ausgekannt habe. Es gab eine Streckenänderung zum Vorjahr und ich dachte die ganze Zeit, wir sind falsch. Da habe ich angefangen zu weinen, weil ich dachte, das Rennen ist verloren. Man verliert teilweise den Bezug zur Realität, man weiß nicht mehr, wer die Leute um dich herum sind und warum man sich auf das Rad setzen soll. Das war ein sehr harter Tag. Da ist die Vertrauensbasis zum Team sehr wichtig.

LAOLA1: Wie unterscheidet sich deine unmittelbare Wettkampfvorbereitung für das Race Across Austria im Vergleich zum Race Across America?

Strasser: Der größte Unterschied ist, dass ich vorm RAAM acht Monate Zeit habe und nur auf den einen Wettkampf hintrainiere. Da ist die Trainingssteuerung auf den Tag X ausgelegt. Ich habe zwar immer im Hinterkopf gehabt, dass ich beim Race Across Austria starten will, aber definitiv kann man erst entscheiden, wenn das RAAM vorbei ist, da man im Vorfeld nicht weiß, wie es einem danach geht. Zwei bis drei Wochen braucht man für die Regeneration, bevor man wieder mit dem Trainingsaufbau starten kann. Das ist eigentlich nur Überbrückungstraining, da man nur einen Monat zur Verfügung hat. Man versucht, mit kurzen, aber schnellen Einheiten die Tempohärte wiederzuerlangen. Ausdauer brauche ich nicht mehr zu trainieren, die habe ich acht Monate lang trainiert und zudem acht Tage durchgehend auf dem Rad gesessen. Insofern unterscheidet sich die Vorbereitung schon sehr.

LAOLA1: Was sind für dich die größten Herausforderungen beim Race Around Austria?

Strasser: In Amerika sind die Berge nicht wirklich steil, in Österreich schon. Die langen, steilen Anstiege, die mir nicht unbedingt auf den Leib geschneidert sind, sind in Österreich das schwierigste. Ich bin von der Statur eher für die Ebene und flache Anstiege gebaut. Auch Knieprobleme und konditionelle Probleme wird es in Österreich aufgrund der steilen Anstiege viel eher geben. Es sind gleich viele Höhenmeter, allerdings auf der halben Distanz. Ein Vorteil ist sicherlich das Wetter. Man muss sich nicht auf Wüstenhitze einstellen. Technisch und organisatorisch ist es ebenfalls viel einfacher, zudem muss man nichts per Flugzeug transportieren. Mental ist es auch besser, da der Schlafentzug nach vier Tagen nicht so sehr ein Problem darstellt, wie nach acht Tagen. Aber körperlich, von der Leistungsfähigkeit, muss man in Österreich fast fitter sein.

LAOLA1: Ist die Streckenkenntnis für dich ein Vorteil?

Strasser: In Österreich kenne ich die Strecke zu 95 Prozent, das ist ein riesiger Vorteil. Ich habe für das RAAM zum Beispiel im Frühjahr extra ein Trainingslager in den Appalachen gemacht, nur um die letzten eintausend Kilometer anzuschauen. Eine gute Streckenkenntnis bringt vor allem mental sehr viel: Wenn man das Gefühl hat, man war schon mal da, bringt das extrem viel Sicherheit. Ich kann beim RAAM inzwischen die ersten 3000 Kilometer blind fahren. (lacht)

LAOLA1: Dein Ziel ist es, das Race Around Austria zu gewinnen?

Strasser: Auf alle Fälle. Ich denke, unter vier Tagen werde ich es schaffen. Ob es für einen neuen Streckenrekord reicht, ist mir persönlich nicht so wichtig, obwohl es schon auch ein Ziel ist. Wichtig ist einfach, gesund anzukommen und wenn möglich als Erster. Ich bin einmal gestartet und nicht ins Ziel gekommen, das Rennen ist überhaupt nicht zu unterschätzen. Selbst, wenn man dreimal in Amerika gewonnen hat. Eine gewisse Portion Respekt muss einfach die Grundbasis sein.

LAOLA1: Wie steht es um die Konkurrenz – in Amerika hattest du in diesem Jahr ja fast keine…

Strasser: Das wird in Österreich ähnlich sein, das muss man ganz nüchtern sehen. Leute, die das so professionell wie ich betreiben, gibt es ganz wenige und die waren heuer in Amerika nicht dabei. Sie werden auch in Österreich nicht dabei sein. Die Lücke zwischen Amateuren und Profis ist oft groß und ich musste mir das über Jahre hinweg aufbauen.

LAOLA1: Wie hoch ist die Gefahr, dass du aufgrund der geringen Konkurrenz und dem höherem Druck beim Heimrennen, zu schnell angehst oder übermotiviert bist?

Strasser: Das ist natürlich eine Gefahr. Aber ich habe genug Erfahrung und das ist mir in Amerika auch nicht passiert. Dort habe ich es geschafft, bis zum Schluss ein gutes Tempo zu fahren, obwohl ich wusste, dass die Konkurrenz sehr weit hinten war. Darauf bin ich am meisten stolz. Nicht, dass ich Erster geworden bin oder schnellster war, sondern, dass ich bis zum Schluss nicht nachgelassen und nicht gesagt habe, ich kann drei Stunden schlafen und gewinne trotzdem. Das möchte ich in Österreich genauso machen und dann sollte es mit dem ersten Platz klappen, wenn ich gesund bleibe.

LAOLA1: Im letzten Jahr bist du im Viererteam gestartet, heuer Solo. Was sind die größten Unterschiede?

Strasser: Das ist etwas ganz anderes. Der Teamgeist war im letzten Jahr sehr wichtig, man hatte weniger Kontakt mit seinem Betreuerteam, dafür mehr mit den Mitfahrern. Körperlich war es ein Wahnsinn, man merkt, dass man körperlich von Stunde zu Stunde abbaut. Dennoch haben wir ab dem zweiten Tag ein Plateau erreicht und alle Tag für Tag die gleiche Leistung erbracht. Das war beeindruckend. Man kommt auch nicht viel mehr zum Schlafen, öfter mal eine Stunde, aber nie länger. Es war eine wichtige Erfahrung, weil ich gemerkt habe, dass man am vierten Tag noch richtig schnell fahren kann. Man muss viele Sachen einfach selbst erlebt haben, um zu wissen, dass sie funktionieren.

LAOLA1: Was machst du den Rest des Jahres, wenn nicht gerade RAAM oder RAA ist?

Strasser: Ich muss schauen, dass ich das Geld, das ich ausgegeben habe, wieder reinbekomme. Das Problem ist, dass du im Prinzip nur ein oder zwei Rennen im Jahr hast. Wenn die schiefgehen, ist die Saison versaut. Du kannst dich nicht am nächsten Wochenende rehabilitieren, wie beim Fußball oder Skifahren. Ansonsten muss ich schauen, dass ich mit Vorträgen oder Tätigkeiten als Radguide mein Geld verdiene. Die Sponsoren unterstützen mich zwar sehr gut und decken meine Ausgaben für die Rennen. Für meinen eigenen Verdienst muss ich mich aber noch anderweitig beschäftigen.

LAOLA1: Soll es in den nächsten Jahren so weiter gehen?

Strasser: Ja, das möchte ich eigentlich schon. Konkrete Ziele habe ich zwar nicht, aber ein erreichtes Ziel ergibt das nächste. Jetzt habe ich die RAAM-Titelverteidigung geschafft, aber noch nie hat jemand das Rennen dreimal in Serie gewonnen. Die Chance ergibt sich so schnell nicht wieder. Das werde ich im nächsten Jahr sicher anstreben. Sollte das gut gehen, gibt es noch ein weiteres Ziel: Die Anzahl von fünf Siegen, die Jure Rubic hat. Ursprünglich wollte ich nur einmal dabei sein, mittlerweile bin ich schon fünfmal angetreten…

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führten Jakob Faber und Henriette Werner

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen