Halluzinationen? "Das darf man nicht überbewerten"

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Christoph Strasser lässt sich wieder auf das größte Abenteuer ein, das der Radsport bereithält.

Knapp 5.000 Kilometer von der West- (Oceanside, Kalifornien) an die Ostküste (Annapolis, Maryland) der Vereinigten Staaten nimmt der Steirer beim Race Across America in Angriff. Nonstop, versteht sich.

Der 32-Jährige ist Titelverteidiger, jüngster Sieger aller Zeiten und der einzige Mensch der Welt, der das Rennen – gleich zweifach – in weniger als acht Tagen beendete.

Seit 2. Juni befindet sich Strasser inzwischen in Übersee, um sich frühzeitig zu akklimatisieren und bestmöglich auf das Rennen, das am Dienstagabend (21 Uhr MESZ) startet, vorzubereiten.

45 Grad und mehr

Die Eingewöhnungsphase verlief angesichts einer Schlechtwetterphase in der Mojave-Wüste reibungslos, aber nicht optimal. „Es war sehr angenehm, der gewünschte Effekt punkto Akklimatisierung blieb allerdings einige Tage aus, weil die nötige Hitze fehlte“, erklärt der Kraubather im Gespräch mit LAOLA1.

Erst vor wenigen Tagen änderten sich die Bedingungen, rund 45 Grad (und mehr) heizen Strasser seither im wahrsten Sinne des Wortes ein und werden voraussichtlich für eine Hitzeschlacht sorgen. Das Wetter spielt ohnehin eine große Rolle beim RAAM, so sind etwa Tornados keine Seltenheit.

Die Crew des Titelverteidigers muss daher stets wachsam sein und arbeitet mit einem Dienstleister zusammen, der mögliche Schlechtwetterfronten frühzeitig ankündigt. Im Extremfall werden dadurch geplante Schlafpausen, auch Powernaps genannt, kurzfristig vorgezogen, um Strasser die Tortur im Gewitter zu ersparen.

Acht Tage durchbeißen

Insgesamt wird Strasser von drei Fahrzeugen begleitet, die mit Lautsprechern, Mischpulten und Drehlichtern ausgestattet sind. Drei Räder – eine Zeitfahrmaschine, ein Straßenrad und eine Ersatzmaschine -, je fünf Paar Schuhe und Sättel sowie jede Menge Bekleidung für die extreme Hitze oder auch strömenden Regen gehören zum Equipment (siehe Factbox), das rund 400 Kilogramm schwer ist.

Bei der Verpflegung setzt das Team auf Flüssignahrung aus dem Krankenhausbereich. „Ich bekomme das, was Leute nach Kieferoperationen zu sich nehmen.“ Das Thema sei sehr komplex, die Verdauung spiele eine bedeutende Rolle.

Aus diesem Grund verzichtet Strasser mittlerweile komplett auf „Zuckerl“ zwischendurch. Der Magen würde dadurch Probleme machen, zudem müsse er sich häufiger erleichtern. „Ich habe fast 360 Tage im Jahr Zeit für gutes Essen, acht Tage muss ich eben durchbeißen“, nimmt er dieses Opfer gerne in Kauf.

Ebenso verhält es sich mit dem Schlaf. Wer das Rennen gewinnen will, muss sich Schlafentzug aussetzen. Strasser greift auf die Vorjahrestaktik zurück, dabei gab es lediglich vier Stopps mit je einer Stunde Schlaf sowie insgesamt sechs Powernaps (zwischen 15 und 25 Minuten). Angesichts der Renndauer eine unglaubliche Belastung für Körper und Geist.

Psychospielchen ausnützen

Letzterer spielt eine dezisive Rolle, denn von Rennbeginn an will der dominante Ultra-Radsportler der letzten Jahre die Konkurrenz unter Druck setzen. Das „psychische Momentum“, wie Strasser es nennt, sei von enormer Bedeutung.

„Wenn die anderen hören, dass der Strasser schon wieder in Führung liegt – gerade, weil ich schon dreimal gewonnen habe -, verlieren sie irgendwann den Glauben, mich noch einholen zu können. Es ist daher auch eine Kopfsache. Diese Psychospielchen wollen wir ausnützen“, plant er einen schnellen Start, um seine Rivalen frühzeitig unter Druck zu setzen.

Die Konkurrenz schätzt er zwar höher ein als in den vergangenen Jahren, speziell seinen Grazer Kompagnon Severin Zotter und die US-Amerikaner Alberto Blanco, Adam Bickett sowie David Haase. Dennoch hält er auch fest: „Meine Chancen stehen sicher gut.“ Ein neuer Streckenrekord sei allerdings nicht planbar, sondern müsse passieren. Primäres Ziel des 32-Jährigen ist sowieso ein anderer Rekord, mit dem er Geschichte schreiben könnte: "Als erster Fahrer dreimal in Folge zu gewinnen, ist in diesem Jahr die große Motivation. Das wäre etwas Besonderes."

Strasser ist wichtig, trotz Favoritenrolle den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren. Der Fail-Gedanke schwebe immer im Hinterkopf herum und sei „für mich wichtig, um nicht überheblich zu werden. Auch wenn ich schon dreimal gewonnen habe, muss ich mich immer daran erinnern, dass es nicht selbstverständlich ist, was ich in den letzten Jahren erreicht habe. Es kann schließlich immer etwas passieren.“

Das Race Across America ist nicht von ungefähr das größte Abenteuer, das der Radsport bereithält.


Christoph Nister

 

Alles durchgeplant

Der Vorjahressieger überlässt (fast) nichts dem Zufall und sieht darin einen bedeutenden Schlüssel für seine großen Erfolge in den letzten Jahren. Bei fünf Teilnahmen feierte der Ausnahmeathlet drei Siege und wurde einmal Zweiter. Lediglich bei seinem Debüt 2009 musste er, auf Platz vier liegend, aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.

„Nur wenige zerbrechen sich den Kopf so sehr wie wir, deshalb war wohl auch im Vorjahr der Abstand so groß (Rekord von 34:54 Stunden, Anm.). Viele fahren nach alter Schule und sind engagiert, aber sie haben nicht unsere Möglichkeiten.“

Unter „alter Schule“ versteht er, dass der Fahrer alles alleine entscheidet, so zum Beispiel die Planung der Rennpausen. Ein gravierender Fehler, wie er findet. Während des Rennens trifft im Falle von Strasser der Teamchef die Entscheidungen, da er selbst seinem Körper psychisch und physisch alles abverlangt.

Teamplayer Strasser

Generell hebt der Extremsportler immer wieder hervor, welch große Bedeutung sein Team hat. „Als Egoist hat man keine Chance“, ist er fest davon überzeugt, nur als Teamplayer reüssieren zu können. Andere Fahrer betrachten ihre Helfer lediglich als Handlanger, das komme für ihn nicht in Frage.

„Ich habe ein hundertprozentiges Vertrauensverhältnis zu meinem Team. Ich darf mich nie wichtiger nehmen als andere, jeder hat seine Aufgabe.“ In diesem Jahr tritt eine neue, spannende Konstellation ein, denn der bisherige Teamchef Rainer Hochgatterer musste seine Teilnahme aus Zeitgründen schweren Herzens absagen, seine Rolle übernimmt Michael Kogler.

„Er kennt mich seit meiner Kindheit, die Vertrauensbasis ist riesig“, macht sich Strasser keine Sorgen. Stattdessen sieht er den Wechsel als Herausforderung. „Wir wollen trotzdem als Team eine tolle Leistung bringen.“

Insgesamt hat Strasser zwölf Mann um sich, die ausschließlich für sein Wohl zuständig sind. Das reicht vom erwähnten Teamchef über Sportmediziner Arnold Schulz und Physiotherapeut  Christian Loitzl bis hin zu Fotograf Alexander Karelly und den Kameramännern Florian Kreis und Jürgen Gruber.

Weniger Rollwiderstand, mehr Defekte

In Sachen Ausrüstung hat sich im Vergleich zum Vorjahr nicht allzu viel verändert, Strasser setzt jedoch auf neue Reifen mit weniger Rollwiderstand. Dadurch erhöht sich zwar die Anfälligkeit für Defekte, insgesamt ortete er jedoch eine Zeitersparnis. Alles in allem gab es „wenig Verbesserungspotenzial“.

Kein Wunder, unterbot er doch im Vorjahr seinen eigenen Rekord auf 7 Tage, 15 Stunden und 56 Minuten. Aufgrund der unterschiedlichen Routen ist die Durchschnittsgeschwindigkeit aussagekräftiger, doch auch hier pulverisierte er den bisherigen Bestwert.

Strampelte der Steirer das RAAM 2013 mit durchschnittlich 25,23 km/h durch die Vereinigten Staaten, so erhöhte sich der Schnitt auf sage und schreibe 26,43 km/h. Hauptverantwortlich dafür war, dass er beinahe permanent in die Pedale trat (91 Prozent der Strecke, Anm.) und sich so gut wie keine Pausen gönnte  - selbst dann nicht, wenn es bergab ging.


Auch nur ein Mensch

Im Vergleich zu den letzten Jahren änderte sich indes die Vorbereitung im Frühjahr. Stand bislang das RAAM über allem, so wollte Strasser diesmal einen zweiten Höhepunkt, um neue Reize zu setzen. Am 21. März wagte er deshalb einen Weltrekordversuch am Flughafen Tempelhof in Berlin.

Der 32-Jährige wollte binnen 24 Stunden eine möglichst große Distanz zurücklegen, was ihm schlussendlich auch gelang. 896,173 Kilometer standen zu Buche, ein Eintrag ins Guiness Buch der Rekord war ihm gewiss.

Danach war jedoch einige Wochen lang die Luft draußen. „Ich hatte Motivationsprobleme“, gesteht der Obersteirer, der nachhaltige negative Spuren ortete. „Ich bin auch nur ein Mensch“, geht er damit offen um.

Erst Anfang Mai machte es im Kopf „klick“ und der Fokus war wieder zu einhundert Prozent auf das Race Across America gerichtet. „Körperlich bin ich wieder richtig gut drauf, die Werte sind exakt dieselben wie im Vorjahr“, spricht die Zuversicht aus ihm.

Halluzinationen "nicht überbewerten"

Ein kleiner Unterschied betrifft sein Gewicht. Strasser wiegt aktuell 77 Kilogramm und damit um eines weniger als 2014. Das habe zwar in der Praxis keine großen Auswirkungen, glaubt er, sei aber wichtig für ein gutes Gefühl.

Bis Rennende dürfte der Kraubather an die drei Kilogramm verlieren, sofern alles glatt läuft. „Es gab auch Jahre, da habe ich zugenommen aufgrund von Wassereinlagerungen“, berichtet er, ist jedoch zuversichtlich, allen Eventualitäten vorgebeugt zu haben.

Das RAAM ist ohnehin nur bis zu einem gewissen Grad planbar. „Der Körper ist nicht ausgerichtet für diese Hitze“, meint Strasser, auf den Grenzerfahrungen einen besonderen Reiz ausüben. Selbst mit Halluzinationen machte er auf unliebsame Art und Weise Bekanntschaft, lässt sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen.

Darauf könne man sich nicht gezielt vorbereiten, doch auch in dieser Phase sei der Kontakt zum Team immens wichtig. „Der Schlafentzug wird natürlich immer belastender, man darf das aber nicht überbewerten", stellt er klar. Ein Betreuerfahrzeug sei immer mit ihm unterwegs, sodass er rund um die Uhr Kontakt zu seinen Vertrauten habe.

<span style=\'color: #ffff00;\'>Jahr <span style=\'color: #ffff00;\'>Sieger <span style=\'color: #ffff00;\'>Nation <span style=\'color: #ffff00;\'>Kilometer <span style=\'color: #ffff00;\'>Zeit <span style=\'color: #ffff00;\'>ø-Speed
1982 Lon Haldeman USA 4.777 9 d, 20 h, 2 min 20,23 km/h
1983 Lon Haldeman (2) USA 5.100 10 d, 16 h, 29 min 19,89 km/h
1984 Pete Penseyres USA 4.904 9 d, 13 h, 13 min 21,39 km/h
1985 Jonathan Boyer USA 5.020 9 d, 2 h, 6 min 23,03 km/h
1986 Pete Penseyres (2) USA 5.000 8 d, 9 h, 47 min 24,78 km/h 
1987 Michael Secrest USA 5.032 9 d, 11 h, 35 min 22,11 km/h
<span style=\'color: #ff0000;\'>1988 <span style=\'color: #ff0000;\'>Franz Spilauer <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT <span style=\'color: #ff0000;\'>4.946 <span style=\'color: #ff0000;\'>9 d, 7 h, 9 min <span style=\'color: #ff0000;\'>22,16 km/h
1989 Paul Solon USA 4.685 8 d, 8 h, 45 min 23,34 km/h
1990 Bob Fourney USA 4.720 8 d, 11 h, 26 min 23,17 km/h
1991 Bob Fourney (2) USA 4.720 8 d, 16 h, 44 min 22,60 km/h
1992 Rob Kish USA 4.685 8 d, 3 h, 11 min 24,00 km/h
1993 Gerry Tatrai AUS 4.680 8 d, 20 h, 19 min 22,06 km/h
1994 Rob Kish (2) USA 4.669 8 d, 14 h, 25 min 22,61 km/h
1995 Rob Kish (3) USA 4.686 8 d, 19 h, 59 min 22,11 km/h
1996 Daniel Chew USA 4.675 8 d, 7 h, 14 min 23,46 km/h
<span style=\'color: #ff0000;\'>1997 <span style=\'color: #ff0000;\'>Wolfgang Fasching <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT <span style=\'color: #ff0000;\'>4.868 <span style=\'color: #ff0000;\'>9 d, 4 h, 50 min <span style=\'color: #ff0000;\'>22,05 km/h
1998 Gerry Tatrai AUS 4.677 8 d, 11 h, 22 min 23,00 km/h
1999 Danny Chew (2) USA 4.728 8 d, 7 h, 34 min 23,69 km/h
<span style=\'color: #ff0000;\'>2000 <span style=\'color: #ff0000;\'>Wolfgang Fasching (2) <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT <span style=\'color: #ff0000;\'>4.788,0 <span style=\'color: #ff0000;\'>8 d, 10 h, 19 min <span style=\'color: #ff0000;\'>23,67 km/h
2001 Andrea Clavadetscher LIE 4.801,0 9 d, 0 h, 17 min 22,19 km/h
<span style=\'color: #ff0000;\'>2002 <span style=\'color: #ff0000;\'>Wolfgang Fasching (3) <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT <span style=\'color: #ff0000;\'>4.815,0 <span style=\'color: #ff0000;\'>9 d, 3 h, 38 min <span style=\'color: #ff0000;\'>21,92 km/h
2003 Allen Larsen USA 4.702,0 8 d, 23 h, 36 min 21,81 km/h
2004 Jure Robic SLO 4.761,2 8 d, 9 h, 51 min 23,59 km/h
2005 Jure Robic (2) SLO 4.911,2 9 d, 8 h, 48 min 21,85 km/h
2006 Daniel Wyss SUI 4.896,9 9 d, 11 h, 50 min 21,50 km/h
2007 Jure Robic (3) SLO 4.896,9 8 d, 19 h, 33 min 23,14 km/h
2008 Jure Robic (4) SLO 4.851,2 8 d, 23 h, 33 min 22,50 km/h
2009 Daniel Wyss (2) SUI 4.862,3 8 d, 5 h, 45 min 24,59 km/h
2010 Jure Robic (5) SLO 4.836,2 9 d, 1 h, 1 min 22,29 km/h
<span style=\'color: #ff0000;\'>2011 <span style=\'color: #ff0000;\'>Christoph Strasser <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT <span style=\'color: #ff0000;\'>4.811,1 <span style=\'color: #ff0000;\'>8 d, 8 h, 6 min <span style=\'color: #ff0000;\'>24,04 km/h
2012 Reto Schoch SUI 4.811,1 8 d, 6 h, 29 min 24,24 km/h
<span style=\'color: #ff0000;\'>2013 <span style=\'color: #ff0000;\'>Christoph Strasser (2) <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT <span style=\'color: #ff0000;\'>4.817,2 <span style=\'color: #ff0000;\'>7 d, 22 h, 52 min <span style=\'color: #ff0000;\'>25,23 km/h
2014
<span style=\'color: #ff0000;\'>Christoph Strasser (3) <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT <span style=\'color: #ff0000;\'>4.860,2 <span style=\'color: #ff0000;\'>7 d, 15 h, 56 min <span style=\'color: #ff0000;\'>26,43 km/h 
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