"Oft auf der Schnauze gelegen"

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Pöstlberger: Draufgänger ja, aber kein Bruchpilot mehr

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Unbeschreiblich. Unpackbar. Unglaublich. Die Un-Wörter sprudeln nur so aus Lukas Pöstlberger heraus.

Aber wen wundert’s, nach dem bislang größten Erfolg seiner Karriere. Denn der Jungprofi vom Team ARBÖ Gourmetfein Wels hat am vergangenen Sonntag in Judendorf/Straßengel den Staatsmeistertitel auf der Straße gewonnen.

Gegen hochkarätige Konkurrenz und alle ÖRV-Legionäre wie Bernhard Eisel, Matthias Brändle oder Thomas Rohregger. „Das sind ja bekanntlich keine Nasenbohrer“, ist der Lukas im LAOLA1-Interview stolz wie Oskar.

Wir blicken mit der schnellen Zukunftshoffnung noch einmal zurück, vor allem aber nach vorne und also auf seine erste Österreich-Rundfahrt.

Und es ist auch der eine oder andere Seitenblick erlaubt, zum Beispiel auf seinen Traktor-Crash mit Tempo 50 oder das Leben als Draufgänger.

LAOLA1: Wie hört sich das an, Staatsmeister Lukas Pöstlberger?

Lukas Pöstlberger (lacht): Eigentlich habe ich noch gar nicht realisiert, was da am Sonntag bei den Staatsmeisterschaften passiert ist. Ich rede zwar davon und kriege es auch immer wieder gesagt, aber glauben kann ich es noch nicht wirklich. Das ist alles noch ganz neu für mich, einfach ein Wahnsinn!

LAOLA1: Und wahrscheinlich das erste Hakerl auf der To-do-Liste eines Jungprofis?

Pöstlberger: Auf jeden Fall. Als österreichischer Radsportler gibt es nicht viele Dinge, die man unbedingt erreichen muss. Aber der Staatsmeistertitel gehört auf jeden Fall dazu und ist der Lohn für all die Mühen, die man auf sich nimmt. Noch dazu wo meine Saison bislang sehr abenteuerlich war.

LAOLA1: Du spielst auf deine Kollision mit dem Traktor vor den Zeitfahr-Staatsmeisterschaften an?

Pöstlberger: Das war eine ganz blöde Geschichte. Ich war total fokussiert, habe geschaut, dass fürs Rennen alles passt – und dann stand plötzlich der Traktor da. Es ist in dem Moment einfach alles zusammengekommen, eine wirklich blöde Situation.

LAOLA1: Aber du hast für die Titelkämpfe die Zähne zusammengebissen und bist mit Spezialgips Fünfter gesamt und Zweiter bei den U23-Fahrern geworden?

Pöstlberger: Darauf bin ich auch unglaublich stolz! Ich habe mir den zweiten und dritten Mittelhandknochen und das Schulterblatt gebrochen. Zwischen Sturz und Rennen habe ich drei Tage lang nichts gespürt, erst am Tag nach dem Rennen habe ich gedacht ich muss sterben, so groß waren die Schmerzen. Beim Rennen selbst war nur blöd, dass ich nicht aufstehen konnte, sonst wäre ich wahrscheinlich um die Medaillen mitgefahren.

LAOLA1: Du bist im Peloton als Draufgänger, als risikofreudiger Fahrer, der gerne ans Limit und oft auch darüber hinaus geht und als Ausreißerkönig bekannt. Wie viel stimmt davon?

Pöstlberger: In der letzten Saison, als Junior bei den Elitefahrern, wusste ich noch nicht, wie es da zugeht. Den Ruf habe ich mir da hart erarbeitet. Einerseits weil ich viel Material zerstört habe und oft auf der Schnauze gelegen bin. Das habe ich in diesem Jahr relativiert, aber ein Draufgänger bin ich geblieben. Ich bin ein aktiver Fahrer, mich interessiert es nicht 180 km im Hauptfeld herum zu gammeln und warten, bis etwas passiert. Man muss aktiv sein, sich zeigen, weil das Schönste ist, wenn man aus einer Gruppe solo zum Sieg fährt. Das muss man erleben, aber das schafft man nicht, wenn man aus dem Hauptfeld rausspurtet.

LAOLA1: Das hört sich ein bisschen nach dem Deutschen Jens Voigt an, oder täuscht der Eindruck?

Pöstlberger: Das kommt schon hin. Er ist für mich ein positives Beispiel, wie der Radsport sein sollte. Er probiert etwas und riskiert, einmal geht es auf und du wirst belohnt, beim nächsten Mal nicht. Das ist der Reiz an der Sache, das macht für mich den Radsport aus.

LAOLA1: Wer sind sonst Vorbilder für dich?

Pöstlberger: Sicher Bernie Eisel. Wie er das anstellt, was er macht, er hat im Feld der Tour de France mehr oder weniger das Sagen, ist der Chef im Peloton. Was er sagt, wird gemacht. Ein Anhaltspunkt für mich war auch immer Matthias Brändle, das war schon zu U17-Zeiten so. Damals haben mir alle erzählt, dass er im Nachwuchs alles gewonnen hat – und dann bin ich selbst gefahren, habe voll hingehalten und daran gedacht.

LAOLA1: Denkt man auch daran, wenn man das Vorbild, wie du am Sonntag, dann stehen lässt?

Pöstlberger: Nein, in der Situation nicht. Ich habe auch gar nicht damit gerechnet, dass ich ihn überhaupt stehen lasse. Ich bin davon ausgegangen, dass der Brändle mein Hinterrad halten kann. Aber er hat mir nach dem Rennen erzählt, dass er schon solche Krämpfe gehabt hat und nicht mehr dranbleiben konnte.

LAOLA1: Bei der Österreich-Rundfahrt wird es ein Wiedersehen geben. Mit welchen Erwartungen geht der Staatsmeister in das größte Rennen des Landes?

Pöstlberger: Es wird verdammt schwer! Ich bin heuer das erste Mal dabei und weiß noch nicht, wie es bei einer Österreich-Rundfahrt zugeht. Was ich weiß: Das Niveau ist unglaublich hoch, aus Erzählungen weiß ich, dass das noch einmal eine Kategorie über dem ist, wo wir sonst fahren. Deshalb rechne ich mir nicht wirklich Chancen aus, aber wir werden als Team gemeinsam den Ricci (Zoidl, Anm.) pushen. Er ist in Top-Form und ein exzellenter Rundfahrer. Ihn habe ich ganz oben auf der Rechnung.

LAOLA1: Wie wichtig ist die Ö-Tour für euch als Team?

Pöstlberger: Sehr wichtig, für die Sponsoren genauso wie für die Medienpräsenz. Diese Plattform wollen wir natürlich nutzen, und ich glaube auch, dass für uns als Team einiges möglich ist. Deshalb werden wir uns nicht verstecken, sondern wir wollen mitreden und werden uns auch auf eine Etappe konzentrieren, bei der wir voll auf Sieg fahren.

LAOLA1: Was sehr schwer wird, schaut man sich das internationale Starterfeld an?

Pöstlberger: Es heißt immer alle wollen die Tour de France fahren und die zweite Garde kommt zu uns. Aber in Wahrheit geht es bei den Tour-Aufgeboten der Top-Teams auch viel um die Sympathiewerte. Wenn der Kapitän sagt, dass er lieber den Fahrer mitnimmt, obwohl ein anderer vielleicht stärker ist, dann weiß man, warum zum Beispiel ein Fuglsang bei der Ö-Tour fährt.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Stephan Schwabl

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