Ö-Tour-Sieger Jakob Fuglsang im LAOLA1-Gespräch

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Eigentlich hatte Jakob Fuglsang den Gesamtsieg bei der Österreich-Rundfahrt schon abgeschrieben. Nachdem er auf dem Weg zum Kitzbüheler Horn schon 1:51 Minuten verloren hatte, rechnete kaum noch jemand mit ihm.

Doch dann kam die Etappe über den Großglockner und der 27-Jährige schnappte sich mit einem Husarenritt doch noch das Gelbe Trikot. Dieses ließ er sich auch im Einzelzeitfahren über 24,1 km in Podersdorf nicht mehr nehmen. Sollte nichts Unvorhergesehens passieren, kürt sich der Radioshack-Profi damit zum ersten dänischen Sieger der Ö-Tour-Geschichte.

Dabei hat Fuglsang bisher eine verpatzte Saison hinter sich. Beim Giro hätte er Kapitän seiner Equipe sein sollen, doch eine Knieverletzung verhinderte den Start. Auch auf die Tour de France musste er verzichten, weil ihn Teamchef Bruyneel aus dem Aufgebot strich.

Eine unrühmliche, teils öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung war die Folge. Mit dem Ergebnis, dass Fuglsang nun in dieser Saison keine ProTour-Rennen mehr bestreiten darf. Zu dieser Causa will der Ö-Tour-Sieger aber nichts mehr sagen.

Trotzdem traf ihn LAOLA1 in Podersdorf, um über die vergangenen sechs Tage, seinen Teamkollegen Thomas Rohregger und die Unterschiede zwischen Mountainbike und Straße zu plaudern:

LAOLA1: Gratulation zum vermeintlichen Rundfahrtsieg. Wie ging es dir im Einzelzeitfahren?

Jakob Fuglsang: Es war sehr hart. Nach dem Wendepunkt hatten wir starken Gegenwind. Es ging sehr schnell dahin mit über 50 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit. Alles in allem war es okay. Ich will immer an meine Grenzen gehen. Aber nach sechs schweren Etappen war das gar nicht so leicht. Mit Ausnahme von Marco Pinotti waren jedoch alle Klassementfahrer hinter mir.

LAOLA1: Was bedeutet dir der Gesamtsieg?

Fuglsang: Natürlich bin ich sehr zufrieden. Ich bin hergekommen, um die Rundfahrt zu gewinnen. Oder besser gesagt, damit das Team die Rundfahrt gewinnt. Egal, ob durch mich oder durch Thommy, der eine starke Tour gefahren ist. Am Kitzbüheler Horn war ich noch nicht auf hundert Prozent. Ich denke, ich muss mich immer selbst ein bisschen pushen, bevor ich alle Kräfte freisetzen kann. Wenn es so steil ist, wie am Kitzbüheler Horn, dann gelingt mir das nicht immer. Außerdem wusste ich nicht, was ich von diesem Berg erwarten soll. Auch das hat es nicht leichter gemacht.

LAOLA1: Hättest du nach dem Horn gedacht, dass du die Rundfahrt noch gewinnen kannst?

Fuglsang: Nein. Eigentlich habe ich mir gedacht, wir helfen jetzt Thommy.. Ich wusste zwar, dass ich im Zeitfahren wahrscheinlich besser bin, als die anderen Favoriten der Gesamtwertung. Aber im Endeffekt war es die Taktik, die mir den Sieg ermöglichte. Nach meinem Angriff am Großglockner wollte ich nur den Etappensieg. Aber wenn man dann schon einmal ein paar Minuten Vorsprung hat, dann hört man auch nicht auf zu fahren. Also gab ich alles, um das Gelbe Trikot zu holen. Wenn ich jetzt zurückblicke, dann haben wir auf dieser Etappe alles richtig gemacht.  

LAOLA1: Tut es dir etwas „Leid“ um Thomas Rohregger?

Fuglsang: Ich weiß, dass er das Rennen wirklich gerne gewonnen hätte, ein bisschen tut es mir auch Leid und ich hoffe es passt für ihn so. Aber am Ende des Tages, ist es wichtig, dass das Team den Sieg holt. Man muss auch realistisch sein: Bei seinen Zeitfahrqualitäten hätte er vielleicht das Horn gewinnen, beziehungsweise Vorsprung auf Jungs wie Steve Morabito rausfahren müssen. Vielleicht hätte er attackieren sollen, aber es bringt Nichts im Nachhinein zu diskutieren.

LAOLA1: Kompensiert dieser Gesamtsieg deine bisher verpatzte Saison?

Fuglsang: Nein, es ist keine Kompensation. Es zeigt aber, dass ich ein gewisses Level besitze, immer alles gebe und nie aufgebe, egal wo ich fahre und egal wie negativ über mich im Vorfeld geschrieben wurde. Aber es ist, wie gesagt, keine Kompensation für einen verpassten Giro oder eine verpasste Tour. Ich bin Rennfahrer, weil es mir gefällt und weil ich Rennen fahren möchte.

LAOLA1: Welche Ziele hast du dir für diese Saison noch gesetzt?

Fuglsang: Als nächstes fahre ich die Tour de Wallonie, danach kommt Olympia. Was nachher folgt weiß ich nicht, wahrscheinlich die Weltmeisterschaft. Der Kurs dort liegt mir. Wenn ich in guter Form bin, bin ich mir sicher, dass ich auch dort Ergebnisse bringen werde.

LAOLA1: Hättest du dir von BMC oder Aqua e Sapone mehr erwartet?

Fuglsang: Das ist schwer zu sagen, aber eigentlich nicht. Wir hatten das Rennen in unserer Hand. Als ich auf dieser Etappe am ersten Berg sah, dass di Luca zurückfällt, habe ich Tempo für Thommy gemacht. Wir wollten das Rennen schwer machen, um di Luca von seinen Teamkollegen zu isolieren. Das ist gut gelungen. Unser Team hatte dagegen vier, fünf Fahrer vorne. Das war zwar nicht von Anfang so geplant, aber in dieser Situation hatten wir einfach die beste Taktik parat.

LAOLA1: Wie viel trug das Team zu deinem Erfolg bei?

Fuglsang: Meine Mannschaft hat einen großen Anteil am Sieg. Die letzten Tage waren nicht leicht zu kontrollieren. Aber die anderen Jungs haben einen guten Job gemacht, um mich, Thommy und Didier Laurent aus dem Wind zu halten.

LAOLA1: Wirst du auch nächste Saison noch für Radioshack fahren?

Fuglsang: Ich habe noch nicht mit Johan (Anm.: Bruyneel) über die nächste Saison gesprochen, aber ich denke, es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich 2013 für Radioshack fahre. Ich werde aber den Rest der Saison noch alles geben und meinen Vertrag weiterhin so gut wie möglich erfüllen.

LAOLA1: Alles vergeben und vergessen?

Fuglsang: Es bringt mir als Fahrer nichts, böse zu sein. Natürlich bin ich ein bisschen enttäuscht. Aber einfach nur das Minimum zu geben und jeden Monat das Gehalt abzukassieren geht nicht. So ein Image möchte nicht haben. Für mich ist es das Beste, Resultate einzufahren.

LAOLA1: Du warst U23-Mountainbike-Weltmeister. Auch Cadel Evans kommt aus dieser Sparte. Bietet das Mountainbike eine gute Ausbildung für die Straße?

Fuglsang: Ja. Man sieht auch, dass die meisten Ex-Mountainbiker recht gute Zeitfahrer sind.

LAOLA1: Warum ist das so?

Fuglsang: Du musst dich die ganze Zeit selbst pushen, ohne das ein Feld hinter dir lauert. Du lernst dir deine Kraft so einzuteilen, dass du nach zwei Stunden das Ziel erreichst und völlig leer bist. Im Zeitfahren musst du dich auch immer pushen. Auch wenn du leidest. Außerdem sind gute Mountainbiker alles gute Radfahrer. Es geht im Gegensatz zu Straßenrennen nicht um Taktik.

LAOLA1: Wie bist du zum Mountainbike gekommen? Dänemark hat schließlich keine echten Berge.

Fuglsang: In Dänemark gibt es ein paar nette Wälder, die man nützen kann. Keine langen, aber genug kurze Anstiege. Man kann genauso harte Rennen veranstalten, wie in jedem anderen Land. Ich finde, es war ein guter Weg, um in meine Karriere zu starten.

 

Das Gespräch führten Jakob Faber und Máté Esterházy

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