Auf das Glück eingeprügelt

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Ausreißerkönig Voigt beendet einzigartige Karriere

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Am Ende fehlten 800 Meter.

Auf der vierten Etappe der USA ProChallenge trennten Jens Voigt nach einer 42,8 km langen Soloflucht gerade einmal ein paar hundert Meter von seinem letzten Triumph.

Denn der 42-Jährige, der seine Beine durch bloße Willenskraft („Shut up, legs“) überreden kann, weiter zu arbeiten und nicht mehr zu schmerzen, bestritt in den USA das allerletzte Radrennen seiner Karriere.

Nach 33 Jahren Radsport und 17 Jahren als Profi nimmt der symphatische Pedaleur, der sich jederzeit durch seine extrem angriffslustige Fahrweise auszeichnete, Abschied vom aktiven Leistungssport.

Kein Siegertyp

Auch auf dem allerletzten Teilstück setzte er sich am Sonntag noch einmal, in typischer Jens-Voigt-Manier, mit einer Ausreißergruppe ab. Es reichte - wie so oft in seiner Karriere - nicht zum Sieg.

Doch genau das ist es, was ihn ausmacht: Egal, wie aussichtlos es scheint, probieren kann man es ja trotzdem. "Ich denke, dass ich gezeigt habe, bis zum letzten Moment im Sattel ein Profi gewesen zu sein", ist er mit sich und der Welt im Reinen.

Auch seine letzte Tour de France beendete der sechsfache Familienvater, wie er sie begann: Mit einer Attacke auf den Champs Elysees. Zum Tour-Auftakt hatte er direkt bei Kilometer null angegriffen und sich für einen Tag das Trikot des Bergbesten gesichert.

"Es konnte schon mal sein, dass er dir noch einen Witz erzählt und eine Minute später schon wieder in die Ausreißergruppe geht", beschreibt John Degenkolb, wie es sich anfühlte, mit Voigt im Peloton zu fahren.

Unvergleichlicher Kampfgeist

Obgleich Voigt in einer Zeit fuhr, in der flächendeckendes Doping im Radsport an der Tagesordnung war, wurde er niemals positiv getestet. Während er im Ausland als Held gefeiert wird, gilt er in den deutschen Medien oftmals nur als nichtgeständiger Dopingsünder.

Dabei hat er sich durch seine lockere Art, Interviews zu geben und seine freche Fahrweise eine Fanbasis erarbeitet, die seinesgleichen sucht. Keiner verkörpert die Idee, niemals aufzugeben, so gut wie "Voigte", der sich von nichts und niemanden von seinen unzähligen Fluchtversuchen abbringen ließ.

Nicht umsonst lautete seine Philosophie: "So lange auf das Glück einprügeln, bis es auf meiner Seite ist".

"Habe mich für das ruhige Leben entschieden"

Ab und an wurde er für seine vielen Mühen auch dafür belohnt, wie etwa bei seinen zwei Tour-Etappensiegen in den Jahren 2001 und 2006.

Oft aber auch nicht. Der Wahl-Berliner braucht keine unzähligen Erfolge und auch keinen Tour-de-France-Gesamtsieg, um als lebende Legende zu gelten.

"Ich habe mich gefragt: Willst du ein Millionär und Superstar werden, mit dem Risiko, dass die Sache jeden Moment explodiert, oder willst du ruhig und sicher leben? Ich habe mich für das ruhige Leben entschieden", lautet seine Begründung, warum er nie gedopt habe.

Kein Rekordjäger

17 Mal bestritt Voigt die Große Schleife – nur dreimal konnte er sie nicht beenden. 2003 aufgrund eines Magen-Darm-Infekts, 2005 fiel er zwei Tage, nachdem er für eine Etappe das Gelbe Trikot trug, von Fieber und Verkühlung geschwächt aus dem Zeitlimit. 2009 stürzte er auf der 16. Etappe in einer Abfahrt schwer und brach sich unter anderem das Jochbein sowie den Kiefer.

Seine beste Platzierung in der Gesamtwertung war 2008 – beim Sieg seines Teamkollegen Carlos Sastre – ein 25. Platz.

17 Teilnahmen - das ist Rekord, mehr weist kein anderer Fahrer auf. Nur sein Freund Stuart O‘Grady sowie George Hincapie haben die Frankreich-Rundfahrt ebenfalls so oft bestritten. Ambitionen auf den alleinigen Rekord hat Voigt nie gezeigt, darum geht es für ihn nicht.

"Wir zu neunt auf dem Podium"

Voigt, der seine Profi-Karriere 1997 - im Jahr des einzigen deutschen Tour-de-France-Sieges durch Jan Ullrich - begann, fuhr nie für ein deutsches Team (siehe Diashow links).

Der Mecklenburger, der ein begeisterter Twitterer ist und seine Fans immer wieder mit lustigen Anekdoten aus Beruf und Familienleben unterhält, konnte zweimal die Deutschland-Tour (2006 und 2007) sowie dreimal das Criterium International (2007-2009) gewinnen. Auch einen Giro-Etappensieg hat der große Geocaching-Fan, der sich schon beinahe überall auf der Welt auf die Suche nach "Schätzen" gemacht hat und zum Abschied spezielle Münzen und Goodie-Pakete für seine Fans versteckt hat, auf seinem Konto.

Als schönstes Erlebnis seiner Karriere nannte der am 17. September 43 Jahre alt werdende Routinier stets den Moment im Juli 2008, als er gemeinsam mit dem gesamten CSC-Team als beste Mannschaft auf dem Podium in Paris stehen durfte. Diese Mannschaft verhalf in jenem Jahr Carlos Sastre zum Tour-Sieg. "Wir zu neunt auf dem Podium, vor uns die Champs-Elysées, über uns strahlende Sonne, hinter uns der Arc de Triomphe", wird er diese Szene immer in Erinnerung behalten.

Langer Urlaub

 "Ich hatte schlimme Stürze und große Triumphe. Meine Karriere ist voller spezieller Momente. Nun gibt es keine Leiden, keinen Stress und keine Sturzgefahren mehr. Ich freue mich auf einen langen Urlaub", so Voigt, der heuer mit 89 Renntagen bislang die meisten des gesamten Fahrerfeldes aufweist.

"Jens hat so viel Energie, ich bin gespannt, wofür er diese als nächstes nutzt. Ich würde mir wünschen, dass er beim Radsport bleibt, einfach nur, um ihn weiter dabei zu haben", so sein ehemaliger Teamkollege Ben King.

Kein Bedauern?

Irgendwann muss einfach Schluss sein. "Sicher hätte ich noch ein Jahr dranhängen können, aber das wäre nicht mehr so gut gewesen wie dieses Jahr und hätte mich dann auch nicht mehr zufrieden gestellt", zeigt er (noch) kein Bedauern.

Allerdings nimmt man dem Haudegen nicht ganz ab, dass er das Leben als Radprofi nicht vermissen wird. Dem Peloton - und den Fans - zumindest wird er fehlen.

"Was ich an Jens Voigt am meisten vermissen werde, ist die Art und Weise, wie er uns allen zeigt, dass er keinen einzigen Tag seines Lebens als selbstverständlich ansieht", sagt Tom Danielson. "In einem Sport, bei dem du so viele Opfer bringen musst und so schnell versagen kannst, in dem es so viele Enttäuschungen gibt, hatte er immer ein Lächeln auf den Lippen, egal, was passierte oder wie er sich gerade gefühlt hat. Was auch immer geschah, er hat seinen Job einfach geliebt. Das hat auf uns alle abgefärbt. Er hat aus jedem Tag im Radsport immer das Beste herausgeholt.

Seine Zukunftpläne ließ Voigt bisher weitgehend offen: "Jetzt werde ich erst einmal einen langen, großartigen Urlaub machen Was dann kommt, werde ich mit offenen Armen empfangen. Mal schauen, was als nächstes Kapitel kommt. Aber nach 17 Jahren als einer von den Jungs wird es sicher eine Zeit lang dauern, bis sich mein Blick auf den Radsport verändern wird."

 

Henriette Werner

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