"Plötzlich entstand ein Hype"

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"Durch die Verletzung schätze ich die Erfolge mehr"

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Ein knappes Jahr lang lag Stefan Denifl am Boden.

Der Tiroler, der sein Leben dem Radsport verschrieb, war zum Nichtstun verbannt.

Eine hartnäckige Verletzung im Bein hatte eine Sehne derart gereizt, dass er bei jeder Belastung Schmerzen verspürte. An eine Ausübung seines Sports auf professioneller Ebene war monatelang nicht zu denken.

Mit unbändigem Willen, großer Geduld und der Hilfe seines Physiotherapeuten Patrick Grassnig kam Denifl zurück.

Bei der Bayern-Rundfahrt feierte der 27-Jährige sein Comeback, nur wenige Wochen später gelang ihm der erste große Erfolg.

Im Rahmen der Tour de Suisse gewann der ÖRV-Profi das Bergtrikot. Das brachte nicht nur ihm, sondern auch seinem IAM-Rennstall jede Menge Publicity ein.

Wie er diesen Erfolg einschätzt, warum er bei seinem Teamkollegen Matthias Brändle in der Schuld steht und welche Zukunftspläne er schmiedet, verrät Stefan Denifl im großen LAOLA1-Interview.

LAOLA1: Gratulation zum Gewinn des Bergtrikots der Tour de Suisse. Wo würdest du diesen Erfolg einordnen?

Stefan Denifl: Ziemlich weit oben. Was meine Bekanntheit, vor allem in Tirol und der Schweiz, betrifft, war es glaube ich sogar der wichtigste Erfolg meiner Karriere.

LAOLA1: War die Spezialwertung schon vor Rennbeginn ein Thema oder entwickelte es sich im Laufe der Rundfahrt?

Denifl: Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich vor der Rundfahrt sehr gut gefühlt habe. Es war allerdings so, dass ich nach der Bayern-Rundfahrt, die mein erstes Rennen nach rund einem Jahr war, vier Wochen Pause hatte. Daher war ich mir nicht ganz sicher, wo ich genau stehe. Es ist zudem ein Vorbereitungsrennen der Tour de France, daher war die Qualität extrem hoch. Es war eher die Gesamtwertung mein Ziel, dazu wollte ich bei der Heimetappe (mit Bergankunft am Rettenbachferner, Anm.) gut dabei sein. Ich habe dann gemerkt, dass ich ganz vorne nicht mitfahren kann. Danach hat es sich ergeben, auf das Bergtrikot zu fahren. Auf der dritten Etappe habe ich mich sehr gut gefühlt und attackiert, dann habe ich das blaue Trikot bekommen und realisiert, was das bedeutet. Tirol Werbung und Sölden waren wichtige Sponsoren, das Team war hin und weg und plötzlich entstand da ein Hype. Ich wollte dann das Trikot unbedingt verteidigen.

LAOLA1: Aus Marketingsicht ein Geniestreich?

Denifl: Das hat alles perfekt zusammengepasst. Für mein IAM-Team war es die Heimrundfahrt, die Sponsoren waren aus Tirol, dazu war ich auf der Heimetappe in einer Ausreißergruppe und hätte sie fast gewonnen. Es war fast schon ein bisschen kitschig. Es wurde mir aber nichts geschenkt. Im Nachhinein ist das Bergtrikot wichtiger als ein achter Gesamtplatz, wobei auch der sensationell gewesen wäre. So aber war ich täglich bei der Siegerehrung und häufig im Fernsehen.

LAOLA1: Am Rettenbachferner haben dir rund eineinhalb Kilometer zum Sieg gefehlt. Trauerst du ihm nach oder freust du dich, dass es trotzdem sehr gut lief?

Denifl: Es wäre der Oberhammer gewesen, wenn ich die Etappe abgeschossen hätte. Ich war den ganzen Tag in der Spitzengruppe und hatte zum Glück meinen Teamkollegen Matthias Brändle dabei, der mir extrem geholfen und viel gearbeitet hat. Ich bin gefahren, bis ich komplett leer war. Ich bin mit der ganzen Woche super happy und darf nicht jammern.

LAOLA1: Stimmt es, dass er nach der Bielerhöhe davon sprach, seinen Stundenweltrekord zu attackieren, um Tempo für dich zu bolzen?

Denifl: (lacht) Ja, genau. Er hat zu uns allen in der Gruppe gemeint, er stellt jetzt einen neuen Weltrekord auf. Er ist echt brutal gefahren. Alle anderen haben mich angeschaut und gefragt, was er da macht. Ich bin immer nur vorgefahren und habe ihm Trinkflaschen gegeben und er ist gefahren. Matthias hat echt was gut bei mir, bei nächster Gelegenheit werde ich versuchen, mich zu revanchieren. Das werde ich ihm nicht vergessen.

LAOLA1: Angesichts deiner Vorgeschichte mit langer Verletzungszeit: Bekommt das Trikot dadurch eine noch höhere Bedeutung?

Denifl: Auf jeden Fall. Es waren extreme Emotionen nach der Sölden-Etappe. Da habe ich darüber nachgedacht, was alles passiert ist. Vor einem halben Jahr bin ich auf dem Rad gesessen und es hat nicht gut ausgesehen, jetzt habe ich das Trikot gewonnen. Es ist echt krass und lässig, durch die Verletzung schätze ich die Erfolge wieder mehr.

LAOLA1: Die wichtigste Erkenntnis für dich war, dass dein Knie hielt. Was bedeutet das für die nahe Zukunft?

Denifl: Das Knie war perfekt, es hat nie gejammert. Das war schon extrem wichtig, weil es nicht ganz ausgestanden war. Ich glaube, dass ich jetzt Step by Step im Kopf stärker werde und nicht zu sehr ans Knie denke. Wie es vom Rennprogramm weitergeht, ob es die Tour oder die Ö-Tour wird, weiß ich noch nicht.

LAOLA1: Rechnest du dir Chancen auf die Tour de France aus?

Denifl: Ich kann mit beiden Optionen gut leben. Mir ist klar, dass die Tour ein Risiko wäre, weil ich noch nicht so viele Renn- und Trainingskilometer in den Beinen habe. Ich traue es mir zu, wenn das Team mich aber behutsam in die Ö-Tour schickt, ist das auch okay.

LAOLA1: Welche Zielsetzung würde eine Nominierung für das jeweilige Rennen mit sich bringen?

Denifl: Bei der Österreich-Rundfahrt gäbe es natürlich eine größere Erwartungshaltung. Es ist ganz klar, dass ich da Kapitän wäre und auf Gesamtwertung fahren würde. Bei der Tour wäre auf jeden Fall auch etwas drin. Die erste Hälfte ist eher flach, in der zweiten geht es kompakt in die Berge. Es werden extrem nervöse zehn Tage, weil kein Kapitän Zeit verlieren will. Danach wird es die erste Abrechnung geben, weil sich auch ohne Berge – verursacht durch Wind, Stürze und so weiter – Abstände ergeben. Ich würde versuchen, zunächst gut durchzukommen und auf unseren Kapitän Mathias Frank zu schauen. Bestimmt hätte ich aber auch gewisse Freiheiten, um in den Bergen etwas zu versuchen. Es geht so oder so Schlag auf Schlag.

LAOLA1: Vor einigen Wochen war unklar, ob du je wieder ganz vorne mitfahren könntest, dein Physio Patrick Grassnig hat dich wieder rennfit gemacht. Wie läuft die Zusammenarbeit in Zukunft ab?

Denifl: Die Zusammenarbeit läuft so, dass ich zwei-, dreimal pro Woche bei Pati bin. Er schaut meine Beinachse und die Sehne an. Wenn etwas sein sollte, könnte er gut eingreifen. Prinzipiell bin ich aber soweit, dass ich meine Übungen machen und ganz normal Radfahren kann. Das Tape, das ich zur Fixierung trage, ist eher Kopfsache.

LAOLA1: Dein IAM-Team ist, was nicht selbstverständlich ist, immer hinter dir gestanden. Wie ist aktuell das Feedback deiner Vorgesetzten?

Denifl: Es sind alle happy. Teamchef Michel Thetaz war super zufrieden und hat mir eine SMS geschrieben, dass es ihm gefällt, wie ich gefahren bin. Alle sind froh, dass ich wieder da bin.

LAOLA1: Für dich geht es um einen neuen Vertrag. Inwieweit spielt das im Hinterkopf eine Rolle?

Denifl: Das Team ist daran interessiert, mich zu behalten. Hätte ich heuer keine Ergebnisse, wäre ich in einer passiven Rolle. Je besser sie sind, desto besser ist meine Verhandlungsposition. Ich bin aktuell auf einem guten Niveau und mache mir derzeit keine Sorgen. Solange alles bis August geklärt wird, passt das, danach wird es schon eng. Ich mache mir keinen Stress und will jetzt erst einmal Rennen fahren. Generell bin ich aber sicher, einen Vertrag zu bekommen, optimal wäre es, bei IAM zu bleiben.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Christoph Nister

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