Wechseln oder bleiben? Cavendish am Scheideweg

Aufmacherbild
 

„Wenn er das Gefühl hat, ein Team zu brauchen, das um ihn herum aufgebaut wird, ist es sein gutes Recht, zu tun, was er tun muss.“

Diese Worte ließ Sky-Team-Manager Dave Brailsford wenige Stunden nach Ende der Tour de France vom Stapel.

Gemeint war Mark Cavendish, der in den drei Wochen davor drei Etappen für sich entscheiden konnte.

An sich bereits eine außergewöhnliche Leistung. Diese gewinnt zusätzlich an Bedeutung, wenn man die Hintergründe näher beleuchtet.

Nur eine Nebenrolle

Obgleich „Cav“ im Weltmeister-Trikot zum Tour-Start in Lüttich gereist war und aus der Erfahrung der vergangenen Jahre eine Sieg-Garantie mitbrachte, musste er sich teamintern mit einer Nebenrolle begnügen.

Die erste Geige spielte Bradley Wiggins, der diese Rolle mit dem Gesamtsieg sowie zwei Zeitfahr-Erfolgen mehr als rechtfertigte. Doch auch Chris Froome, Gesamt-Zweiter und ebenfalls Etappensieger, wurde dem „fastest man on two wheels“ vor die Nase gesetzt.

Kein Murren

Cavendish nahm die Entscheidung des Teams ohne Murren hin und war sich während der Rundfahrt nicht zu schade, als Wasserträger für die beiden Klassementfahrer zu fungieren.

Er sprach davon, „unglaublichen Stolz“ zu empfinden, Teil dieses außergewöhnlichen Teams sein zu dürfen. Nun, einige Wochen später, steht die „Manx Missile“ jedoch am Scheideweg.

Kein Sprint-Zug

Sky will seine „Gesamtklassement-Ambitionen aufrechterhalten“, womit Cavendish auch in den nächsten Jahren kein Team, das um ihn herum aufgebaut ist, zur Verfügung gestellt bekommt.

Schon bei der Tour de France war mit seinem Freund Bernhard Eisel lediglich ein Adjutant abgestellt worden.

Das Team-Management sprach davon, dem Superstar keine Steine in den Weg legen zu wollen. Ob dies auch der Wahrheit entspricht, steht allerdings auf einem anderen Blatt Papier.

Ein teurer Spaß

Der Grund dafür: Cavendish unterschrieb im Herbst letzten Jahres einen langfristigen Vertrag und müsste – wie aus dem Fußball bekannt - erst freigekauft werden, ehe er für ein anderes Team in die Pedale treten darf.

Der Haken an der Sache: Der 27-Jährige ist einer der bestbezahlten Profis im Peloton und wäre alles andere als ein Schnäppchen.

„Es ist gängige Praxis, für einen Fahrer, der unter Vertrag steht und wechseln möchte, eine Ablöse zu zahlen“, erklärt die „BBC“ in Bezug auf eine Team-Quelle.

Auf Dauer ein Problem

Genau hier liegt das Kernproblem. Ebnet Sky Cavendish tatsächlich den Weg, würde man freiwillig auf viel Geld verzichten. Andererseits hat sich der Sprinter stets loyal und fair verhalten, was ihm großen Respekt einbrachte.

Zudem würde man sich in den Reihen des Weltklasse-Rennstalls mit der Haltung gleich mehrerer Spitzenathleten auf Dauer ein Problem aufhalsen, das zwangsläufig für Unruhe sorgen würde.

Zu viele Kapitäne verderben die Stimmung

Wiggins diplomatisch

Nicht umsonst urteilt Wiggins über seinen Landsmann: „Ich glaube, dass Cav in einer anderen Mannschaft besser aufgehoben ist.“

Höchst diplomatisch fügt er an: „Aus egoistischer Sicht würd ich ihn zum Bleiben überreden, aber seine Ambitionen und die von Sky passen bei großen Rennen nicht zusammen.“

Wechsel unausweichlich

Die Interessen der verschiedenen Parteien gehen in der Tat weit auseinander. Während Wiggins und Froome möglichst viele Helfer für die Berge benötigen, würde Cavendish liebend gern einen Sprint-Zug aufbauen. Da ihm dieser Wunsch bei Sky nicht erfüllt wird, ist ein Wechsel unausweichlich.

Das bestätigte nun auch das "Transferobjekt" selbst. Die Zusammenarbeit mit Sky sei "wie in einer Fernbeziehung. Alles ist toll, aber es kann einfach nicht funktionieren."

Wechseln ja, aber wohin?

"Wenn du realisiert, dass deine zweigleisige Strategie nicht funktioniert ... das wurde bei der Tour wohl augenscheinlich." Doch eine Frage bleibt: Wohin wechselt er?

Grundsätzliches Interesse herrscht bei mehreren Teams, doch wie bereits erwähnt, ist die finanzielle Hürde für die meisten eine nicht zu überwindende.

Sieggarantie mit "Cav"

Selbst die russische Equipe Katusha, in der für gewöhnlich der Rubel rollt, schreckt zurück. „Natürlich wollen wir so  viel wie möglich gewinnen und ein Mark Cavendish garantiert dir Siege. Er hat aber noch zwei Jahre Vertrag und muss aus diesem herausgekauft werden. Ich weiß nicht, ob es ein Team gibt, dass die nötige Summe stemmen kann“, so Sportdirektor Valerio Piva.

Ähnlich monetär betucht ist Omega Pharma – Quickstep. Patrick Lefevere, Teamchef der belgischen Mannschaft, macht auch gar keinen Hehl aus seinem Interesse am vermeintlich schnellsten Sprinter der Welt.

Alles beim Alten?

Im Gegenteil: Er hat seine Avancen mehrfach öffentlich kundgetan. Doch auch Lefevere will keine Ablöse zahlen. „Einige sagen, dass er frei zu haben ist. Ich kann mich aber nicht auf Gerüchte verlassen.“

Und so könnte alles beim Alten bleiben. Der "worst case" ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Wirklich geholfen wäre damit jedenfalls niemandem. Vor allem nicht Cavendish.

 

Christoph Nister

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen