Georg Preidler: "Hätten anhalten und streiken sollen"

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Das Aufstehen fällt schwerer. Die Müdigkeit wird größer. Die Energie-Rreserven sind erschöpft.

Der Giro d'Italia biegt auf die Zielgerade ein. Bevor er heute in Triest zu Ende geht, hielt er noch eine Mammut-Aufgabe für die verbliebenen Fahrer bereit.

Die 20. und vorletzte Etappe führte das Peloton am Samstag über 167 Kilometer von Maniago hinauf zum gefürchteten Monte Zoncolan. Zum fünften Mal in der Rundfahrt-Geschichte türmte sich dieses Monstrum an Berg vor dem Feld auf und forderte diesem noch einmal alles ab.

10,1 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von 11,9 Prozent galt es zu überwinden, an der steilsten Stelle warteten sogar 22 Prozent auf die Fahrer.

Einer, der auf dieser Etappe mit einem sehr starken siebenten Rang aufzeigte, war Georg Preidler.

„Georg fährt einen Weltklasse-Giro“

Der 23-Jährige, der erstmals bei der Italien-Rundfahrt am Start ist, schlägt sich mehr als beachtlich.

Auf Rang 28 der Gesamtwertung spuckt ihn die Ergebnisliste aus, womit er der mit Abstand bestplatzierte Fahrer seines Giant-Shimano-Teams ist.

„Georg fährt einen Weltklasse-Giro! Bisher schlägt er sich extrem gut und leistet eine super Arbeit“, stellte ihm Bernhard Eisel vor wenigen Tagen ein exzellentes Zeugnis aus.

„Bernie ist ein toller Kerl mit sehr viel Erfahrung“, gibt Preidler bei LAOLA1 das Kompliment zurück. „Ich komme super mit ihm aus und versuche auch, auf seine Tipps zu hören.“

Die sportliche Führung sei mit seinen bisher gezeigten Leistungen zufrieden, „meine Sprinterkollegen unterstützen mich auch so gut wie möglich“. Es ist der Dank für Preidlers Mühen in der ersten Woche.

„Mein Körper war komplett leer“

In Nordirland und bei der Rückkehr nach Italien schuftete der ÖRV-Profi für Marcel Kittel und Luka Mezgec, die beiden sprintstärksten Athleten im Giro-Aufgebot der niederländischen Equipe.

Preidler glaubt, dass noch mehr möglich gewesen wäre, doch seine Vorbereitung war durch Knieschmerzen stark beeinträchtigt worden. Außerdem beging er einen taktischen Fehler.

„Die Tage nach meiner Flucht in Savona und dem Einzelzeitfahren in Barolo waren sehr hart für mich. Irgendwie war mein Körper komplett leer und hat einige Tage gebraucht, um sich zu erholen.“

Die Lehren, die er daraus zieht, sind offenkundig: „Dass ich immer noch bis zur letzten Woche warten sollte, um in Fluchtgruppen zu gehen.“

Gesagt, getan: Auf der gefüchteteten Zoncolan-Etappe präsentierte sich der Steirer gemeinsam mit Landsmann Riccardo Zoidl den ganzen Tag in der Ausreißergruppe und ließ sich auch am enorm schweren letzten Anstieg nur von sechs Fahrern abschütteln. Damit präsentierte der Top-Kletterer so kurz vor Ende der Rundfahrt sich und seinen Sponsor noch einmal bestens.

Erfreulich ist zudem, dass in der Gesamtwertung mit Fabio Aru (Astana) Wilco Kelderman (Belkin) und Sebastian Henao (Sky) lediglich drei Profis vor ihm liegen, die jünger als er selbst sind. In der Nachwuchswertung - die ebenso wie die Gesamtwertung vom bärenstarken Kolumbianer Nairo Quintana (Movistar) angeführt wird - belegt Preidler zudem Rang sechs.

Ein klares Indiz dafür, dass er in seiner Altersklasse zu den weltbesten Pedalrittern gehört. „Die Teamleitung ist glücklich mit der momentanen Situation. Wenn man bedenkt, dass ich mich in den nächsten Jahren weiterentwickeln werde, ist ein 28. Platz okay“, findet Preidler.

Preidler ist bei seinem Giro-Debüt bester Giant-Profi in der Gesamtwertung

„Unzumutbar und unmenschlich“

Klare Worte findet der Waldsteiner bezüglich der umstrittenen Etappe über den Gavia und Stelvio hinauf ins Martelltal, die das Feld in zwei Lager spaltete. Die einen erachteten das Teilstück, das bei widrigsten Bedingungen durchgedrückt wurde, als episch, die anderen als Schwachsinnsaktion der Rennleitung.

„Das war alles andere als episch“, deklariert sich Preidler klar. „In meinen Augen war diese Etappe unzumutbar und unmenschlich!“ Der Radsport habe sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Die Zeiten, „wo man ein Held war, wenn man eine Zehe durch die Kälte verlor“, seien längst vorbei.

Für den Österreicher hätte die Etappe nach der Abfahrt vom Gavia abgesagt werden müssen. „Dem war nicht so und wir mussten uns auch noch über den Stelvio quälen“, zeigt er wenig Verständnis für Rennleiter Mauro Vegni und dessen Team.

Die Diskussionen um die Attacke von Pierre Rolland und Nairo Quintana bekam er erst im Ziel mit, einen Kopf dafür hatte er ohnehin nicht. Seiner Meinung nach hätten alle, die an der Spitze waren, „anhalten und streiken beziehungsweise die Etappe beenden sollen. Kein Fußballer oder anderer Sportler der Welt würde unter diesen Bedingungen Hochleistungssport bieten.“

Ein Standpunkt, der von vielen Kollegen und Fans unterstützt wird. Ein Standpunkt, der vielleicht noch mehr Verständnis mit sich bringt, wenn man weiß, dass Georg Preidler mit den Gedanken vor allem zu Hause ist.

Ein privater Schicksalsschlag

Beim Vater des 23-Jährigen wurde im Herbst vergangenen Jahres Lungenkrebs diagnostiziert, was für den Sohnemann ein Schock war. „Der ganze Winter und das Frühjahr waren eine extreme Doppelbelastung für mich“, erklärt er. Das Team unterstützt ihn in dieser schwierigen Phase so gut es geht, Preidler war in dieser Saison weniger auf Reisen als im Vorjahr.

Die Prioritäten haben sich in den letzten Monaten deutlich verschoben. „Natürlich möchte ich mich als Sportler weiterentwickeln und verbessern, aber wenn es nicht klappt, dann nicht. Es ist wesentlich wichtiger, sich um Familie und Freunde zu kümmern, als wie ein Verrückter das ganze Jahr durch Europa zu touren und ein Rennen nach dem anderen zu bestreiten.“

Papa Preidler, der Georg zum Radsport brachte, ist ständiger Begleiter auf Reisen. „Ich habe immer einen Ring von ihm bei mir, den ich an einer Kette um den Hals hängen habe.“

Der Radprofi versucht auf diese Weise, mit diesem Schicksalsschlag fertig zu werden. Nach dem Ende des Giro wird er in seine Heimat zurückkehren und eine Pause einlegen. Doch ganz gleich, was noch kommt, hat er eines für sich erkannt: „Radsport ist nicht mehr das Wichtigste in meinem Leben.“


Christoph Nister

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