Die kolumbianische Revolution

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Quintana & Co. - die kolumbianische Rad-Revolution

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Sie fliegen die Berge hoch, glänzen im Zeitfahren und dominieren den Welt-Radsport.

Kolumbiens Pedalritter sind derzeit das Maß der Dinge und sorgen beim Giro d’Italia für kolumbianische Meisterschaften mit internationaler Beteiligung.

Den vorläufigen Höhepunkt der Hegemonie der Südamerikaner bildete die 18. Etappe. Bergziege Julian David Arredondo (Trek Factory Racing) gewann das Teilstück vor seinem Landsmann Fabio Duarte (Team Colombia).

In der Gesamtwertung behielt mit Nairo Quintana (Movistar) ein weiterer Kolumbianer das Zepter in der Hand. Sein erster Verfolger, Rigoberto Uran aus dem Team Omega Pharma-Quick-Step, stammt ebenfalls aus dem 46-Millionen-Einwohner-Staat im Norden Südamerikas.

Ganz nebenbei führen Arredondo (Berg) und Quintana (Nachwuchs) zwei weitere Sonderkategorien an.

Eine kleine Revolution

Es ist eine kleine Revolution, die in den letzten Jahren vor sich ging. Jahr für Jahr tauchten ein, zwei oder gar mehrere Top-Talente auf, die von Weltklasse-Teams engagiert werden und seither in Europa für Furore sorgen.

„Wir Kolumbianer sind nicht mehr nur Kletterer. Wir gewinnen jetzt auch flache Zeitfahren“, stellte Uran nach seinem Erfolg im Kampf gegen die Uhr bei der Italien-Rundfahrt erfreut fest.

In der Tat haben sich der 27-Jährige und seine Landsleute in dieser Spezialdisziplin signifikant verbessert. Das hat gleich mehrere Gründe. Da wäre Santiago Botero, 2002 Zeitfahr-Weltmeister und damit Vorreiter für viele Kolumbianer.

Dazu kommen Zeitfahr-Spezialisten in den Teams der angesprochenen Fahrer wie Tony Martin, der sein Knowhow an Uran weitergegeben hat.

Hinzu gesellt sich das Wissen, dass man heutzutage in der Gesamtwertung von Rundfahrten ohne entsprechende Stärke auf der Zeitfahr-Maschine kaum noch reüssieren kann. Entsprechend bekam das Zeitfahr-Training eine völlig neue Beachtung auf der Prioritätenliste.

Eine Fülle an Top-Fahrern

Auffällig ist die Fülle an talentierten Profis, die sich im Radsport längst einen Namen gemacht haben. Eine kleine, aber sehr feine Auswahl:

*) Julian David Arredondo (25) – Etappensieger Giro d’Italia (2014), Gesamtsieger Tour de Langkawi (2013), Gesamtfünfter Tirreno-Adriatico (2014)

*) Darwin Atapuma (26) – Gesamtzweiter Polen-Rundfahrt (2013), Etappensieger Polen-Rundfahrt (2013) und Giro del Trentino (2012),

*) Janier Acevedo (28) – Gesamtdritter Tour of California (2013), Etappensieger Tour of California (2013), Etappensieger USA Pro Challenge (2013)

*) Carlos Betancur (24) – Gesamtsieger Paris-Nizza (2014), Gesamtfünfter Giro d’Italia (2013), Dritter Fleche Wallonne (2013), Vierter Lüttich-Bastogne-Lüttich (2013)

*) Sergio Henao (26) – Zweiter Fleche Wallonne (2013), Gesamtdritter Baskenland-Rundfahrt (2013), Gesamtdritter Polen-Rundfahrt (2012), Gesamtneunter Giro d’Italia (2012)

*) Rigoberto Uran (27) – Gesamtzweiter Giro d’Italia (2013), Olympia-Silber (2012), Etappensieger Giro d’Italia (2014), Dritter Lombardei-Rundfahrt (2008, 2012)

*) Nairo Quintana (24) – Gesamtzweiter Tour de France (2013), Berg- und Nachwuchstrikot Tour de France (2013), Gesamtsieger Baskenland-Rundfahrt (2013), Etappensieger Tour de France (2013), Etappensieger Giro d’Italia (2014)

Nairo Quintana ist drauf und dran, als erster Kolumbianer den Giro zu gewinnen

Ausnahmetalent Quintana

Besonders Letztgenannter sticht heraus. Der 24-jährige Quintana ist zweifellos ein Ausnahmetalent und pedaliert beim Giro seinem ersten Triumph bei einer dreiwöchigen Landesrundfahrt entgegen.

Bereits vor Beginn der Italien-Rundfahrt war er als Mitfavorit gehandelt worden. Ein Sturz in der ersten Woche sowie eine Brustentzündung setzten dem Bergfloh (1,67m groß, 59kg leicht) allerdings gehörig zu.

Fünf Tage musste er Antibiotika nehmen, trotzdem blieb er stets auf Tuchfühlung mit den Besten in der Gesamtwertung. Auf der umstrittenen 16. Etappe über Gavia und Stelvio mit Bergankunft im Martelltal schlug schließlich seine große Stunde.

Frei von Verletzungssorgen ließ er sämtliche Favoriten stehen und schlüpfte mit dem Tagessieg auch ins Rosa Trikot des Gesamtführenden. Für Quintana eine besondere Genugtuung.

Ein kolumbianisches Jahrzehnt

„Ich habe von Saisonstart an bewiesen, dass der zweite Platz in der letztjährigen Tour kein Zufall war.“ Er sei mit dem Ziel, das Podest zu erklimmen, zum Start nach Nordirland gereist und nun an der Spitze, „obwohl mich einige Leute schon abgeschrieben haben“.

Seine aktuelle Form gebe ihm Zuversicht. „Es bestätigt, dass ich dazu in der Lage bin, jetzt und in der Zukunft Großartiges zu verrichten.“ Den nächsten Beweis dafür will er schon am Freitag liefern, wenn das schwere Bergzeitfahren auf den Monte Grappa folgt.

Sein schärfster Rivale wird dabei wohl Uran sein. Der gibt im Kampf um den Gesamtsieg längst noch nicht klein bei und kündigt volle Attacke an: „Der Giro ist noch nicht vorbei, ich werde bis zum Ende kämpfen. (…) Das Bergzeitfahren ist extrem fordernd, aber ich fühle mich gut und habe den Willen, eine tolle Leistung zu zeigen.“

Bislang gab es noch nie einen kolumbianischen Sieger beim Giro d’Italia, die Premiere steht allerdings unmittelbar bevor. Und geht es nach Uran, wäre es nur der Anfang. Der Omega-Kapitän ist sich sicher: „Das nächste Jahrzehnt im Radsport wird ein kolumbianisches.“


Christoph Nister

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