Die neue Generation

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Wachablösung im Radsport: Junge Wilde an der Macht

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Die erste große Landesrundfahrt des Jahres, der 97. Giro d'Italia, ist seit Sonntag Geschichte.

Mit Kolumbien und Australien drückten zwei Nationen der Italien-Rundfahrt ihren Stempel auf und beanspruchten das Maglia Rosa sowie insgesamt acht Etappensiege für sich. Nur dem Kanadier Svein Tuft gelang es, die Dominanz der beiden Nationen dank des Sieges seines (australischen) Teams Orica-GreenEdge im Auftakt-Mannschaftszeitfahren, einen Tag lang das Rosa Trikot des Gesamtführenden zu tragen.

Doch gleich am zweiten Tag nahm ihm der Australier Michael Matthews das Leiberl ab und "übergab" es nach sechs Tagen seinem Landsmann Cadel Evans, der es seinerseits für vier Tage überstreifen durfte.

Ab der 12. Etappe übernahmen die Kolumbianer das Ruder: Rigoberto Uran behielt das Trikot ebenfalls vier Tage lang, ehe es Nairo Quintana übernahm, bekanntlich bis zum Schluss nicht mehr hergab und für den ersten Giro-Sieg eines Kolumbianers sorgte.

The new generation

Doch es gab noch etwas, das auffiel: Eine neue Generation junger Fahrer machte bei der diesjährigen Tour durch Italien auf sich aufmerksam.

Eine Generation, die den routinierten Profis - um Cadel Evans (37) und Ryder Hesjedal (33) - immer mehr den Rang abläuft.

Wie kommt es zu dieser Wachablösung?

Weniger ist mehr

Junge Profis benötigen heutzutage bei einer Grand Tour kaum noch Eingewöhnungszeit, was daran liegt, dass einerseits die Etappen nicht mehr so lang sind wie früher, andererseits aber auch an einer sorgsameren Saisonplanung.

Der Formaufbau wird gezielt auf die großen Landesrundfahrten abgestimmt, er werden weniger Rennen gefahren, um die Gesamt-Belastung zu minimieren und Regenerationsphasen zu ermöglichen.

Diese Strategie kann man sehr gut am Sieger Quintana beobachten, der im April gar keine Rennen fuhr und auch zuvor mit Tirreno-Adriatico im März und der Tour de San Luis im Jänner nur zwei Rundfahrten bestritt und die Klassiker beispielsweise komplett ausließ.

Apropos auslassen: Auch die Tour de France wird der Zweite der Frankreich-Rundfahrt 2013 in diesem Jahr sausen lassen, bevor er 2015 zum großen Angriff bläst: "Ich werde 2015 die Tour fahren. Ich weiß nicht, ob es die Chance auf Giro und Tour gibt. Wir werden sehen, ob ich in beiden Rennen gut abschneiden kann", so der gerade einmal 24-Jährige.

"Bin kein Außerirdischer"

Erwähnenswert ist zudem, dass der Giro-Sieger aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Auf der 16. Etappe, auf der Abfahrt vom Gavia, musste er quasi zum Essen gezwungen werden, um einen Hungerast zu vermeiden.

Nachdem in den ersten beiden Wochen kein Fahrer dominieren konnte, nutzte der kolumbianische Bergfloh seine Chance und avancierte zum Superstar. "Ich bin kein Außerirdischer", beteuerte er dennoch. "Ich habe meine Grenzen und kenne Erschöpfung. Ich bin kein Übermensch."

2013 wurde Aru Achter der Ö-Tour

Der "Bergelefant"

Den nächsten Jungprofi braucht man im Gesamtklassement nicht lange suchen, denn er steht hinter Quintana und Uran ebenfalls auf dem Podium und ist zudem Zweiter der Nachwuchswertung: Der italienische Shootingstar Fabio Aru.

Im letzten Jahr bereits Achter der Österreich-Rundfahrt, startete der 23-Jährige heuer durch: Der neue Liebling der Tifosi überzeugte bei seinem Sieg auf der 15. Etappe am Montecampione und enteilte sogar dem späteren Giro-Sieger: "Er war zu stark für mich", musste der 22 Sekunden dahinter ins Ziel kommende Quintana anerkennen.

Auffällig: Normalerweise sind die starken Kletterer unter den Radprofis eher klein, nicht umsonst spricht man gern von "Bergflöhen", doch der Sarde ist mit seinen 1,81 Metern ganze 14 Zentimeter größer als etwa Quintana (1,67 Meter).

"Großartig"

Hinter dem fünftplatzierten Domenico Pozzovivo - dem einzigen Ü-30-Fahrer unter den Top 7 - reihen sich mit dem Polen Rafal Majka (24) sowie dem Niederländer Wilco Kelderman (23) zwei weitere, vielversprechende Jungprofis ein.

"Ich bin sehr glücklich mit dem siebenten Platz, hätte mir das vorher jemand angeboten, hätte ich sofort unterschrieben“, so Kelderman, der Vierter der Nachwuchswertung wurde.

"Es war ein großartiger Giro", war er vor allem seinen Teamkollegen dankbar. Darunter einem weiteren jungen Talent namens Marc Goos, der seinen Chef am Berg lange unterstützen konnte und Achter der Nachwuchswertung wurde.

Steirer mischt munter mit

Platz sechs der Wertung des Weißen Trikots geht an den erst 20-jährigen Sebastian Henao - Bruder und Teamkollege von Sergio - vor Georg Preidler (im LAOLA1-Talk).

Der 23-jährige Steirer fuhr einen starken Giro und wusste vor allem auf der vorletzten Etappen hinauf zum Zoncolan als Siebenter zu überzeugen.

Endlose Armada

Punkte-Trikot-Träger und zweifacher Etappensieger Nacer Bouhanni ist ebenso erst 23 Jahre alt wie der zwischenzweitliche Inhaber des Rosa Trikots und Sieger der 6. Etappe, Michael Matthews. Auch der kolumbianische Sieger des Bergtrikots, Julian Arredondo, zählt gerade einmal 24 Lenze.

Die Liste der erfolgreichen Jungprofis scheint beinahe endlos, man denke nur an die Etappensieger Diego Ulissi (24), Enrico Battaglin (24) und Marco Canola (25).

Die Wachablösung wurde somit vollzogen, der Radsport wird regiert von einer Generation, die sich frei von Doping-Altlasten und den Fehlern ihrer Vorgänger einen Namen machen will.

Bei diesem "Giro der Jungen" ist ihr das eindrucksvoll gelungen.

 

Henriette Werner

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