War die USADA im Fall Armstrong sachlich genug?

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Hans Holdhaus hat eine neue Abend-Lektüre. Das gute Stück zählt rund 1.000 Seiten und findet sich auf keiner der vielen Bestseller-Listen. Wohl auch, weil es ganz ohne stilistische Spompanadeln auskommt.

Doch der Inhalt ist sehr wohl der Stoff aus dem Träume sind: Leidenschaft, Betrug und jede Menge Blut.

Haupt-Protagonist des Wälzers, der nichts anderes als der umfassende USADA-Bericht ist, heißt Lance Armstrong.

Obwohl Holdhaus der Ruf eines fanatischen Anti-Doping-Kämpfers vorauseilt, sieht er den Fall des gefallenen Tour-de-France-Gottes zwiegespalten. „Man muss ein bisschen vorsichtig sein“, warnt der Direktor des IMSB Südstadt vor Vorverurteilungen.

Eine Ausnahmestellung, auch medizinisch

Beim Durchforsten des umfassenden USADA-Schriftstücks wird Holdhaus vor allem von einer Frage getrieben: Gibt es hundertprozentige Beweise?

„Man muss immer berücksichtigen, dass es bei Armstrong nie einen positiven Befund gegeben hat“, betont er im Gespräch mit LAOLA1.

„Das heißt, es beruht alles auf Zeugenaussagen und dergleichen, was jetzt aber nicht heißt, dass ich ihn in irgendeiner Form in Schutz nehmen möchte. Möglichweise ist das ja alles richtig, was da gesagt worden ist.“

Der vormals siebenfache Gewinner der Tour de France stelle aufgrund seiner Hodenkrebs-Erkrankung zudem eine Ausnahme dar. Der US-Amerikaner verfügte somit über eine Sondergenehmigung, die ihm beispielsweise die Einnahme von bestimmten Mengen Testosteron erlaubte.

Anti-Doping-Experte Hans Holdhaus

„Das war vollkommen legal. Soweit ich die Ergebnisse kenne, wurden die Grenzwerte nie überschritten. Das heißt, es war korrekt dosiert“, will das Holdhaus, seit Los Angeles 1984 Österreichs wissenschaftlicher Koordinator bei Olympischen Spielen, nicht unter den Tisch fallen lassen.

„Umgekehrt kann es natürlich auch sein, dass er die Gelegenheit, nebenher etwas mitlaufen zu lassen, genützt hat.“

Ein Skandal, größer als jener von Armstrong?

Bei all der Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten gilt für Holdhaus die Unschuldsvermutung als oberste Prämisse. „Ein Nachweis führt nur über eine Analyse, auch wenn man auf der anderen Seite weiß, dass heutzutage Techniken angewandt werden, die ein Binden von verbotenen Substanzen äußerst schwierig machen. Noch dazu wenn man bedenkt, dass es dieses berühmte Zeitfenster zwischen 22 und 6 Uhr gibt, in dem nicht kontrolliert werden darf. Wenn er beispielsweise um kurz nach 22 Uhr mit Mikro-Dosen arbeiten würde, ist er in der Früh clean.“

Zumal im Hintergrund eine offenbar sehr gut geölte Maschinerie arbeitete, die auch in Holdhaus‘ Augen einen Doping-Missbrauch naheliegend erscheinen lassen. „Man muss sich schon bewusst sein, dass das durchaus möglich ist, weil hier wirklich ein fantastisches Netz existiert hat, hinter dem gute Leute gesteckt haben müssen“, sieht er Parallelen zu jenen Umfeld das einst Ben Johnson genoss.

Was den Experten allerdings im Fall Armstrong so stutzig macht, sind die vielen Jahre, über die der Pedalritter aus Texas nie aufgeflogen ist. „Das ist für mich schwer nachvollziehbar. Außer es stimmen tatsächlich die Gerüchte, dass die UCI etwas gedeckt hätte. Sollte dem so sein, wäre das ein tausend Mal größerer Skandal als der von Armstrong selber. Weil das würde bedeuten, dass ihn eine ganze Organisation schützt.“

Emotionen nicht erwünscht

Kritisch sieht Holdhaus auch die Rolle der USADA. Hat diese zu hundert Prozent neutral agiert?

„Ich bin ein absoluter Doping-Gegner und unterstütze auch alle Organisationen, die in diesem Bereich arbeiten, aber es gibt auch auf diesem Terrain welche, die nichts anderes wollen, als spektakulär aufzufallen“, spielt Holdhaus auf USADA-Boss Travis Tygart an.

„Ich kenne ihn sehr gut. Das ist ein Macher-Typ. Für den ist dieser Fall wohl die größte Chance seines Lebens!“ Dem wissenschaftlichen Beirat von Top Sport Austria sind im Zuge der Affäre einige Bemerkungen von Tygart aufgefallen. „Diese waren aus meiner Sicht sehr emotional. Dabei sollte man dieses Thema vollkommen sachlich runterarbeiten.“

Wie sachlich der Fall tatsächlich untersucht wurde, davon will sich Holdhaus nun mittels seiner Abendlektüre ein exaktes Bild machen. Einer Geschichte von Leidenschaft, Betrug und jeder Menge Blut.

Reinhold Pühringer

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