"Wenn er etwas macht, geschieht das aus Berechnung"

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Es war die mit Spannung erwartete Beichte eines einstigen Topstars. Doch einigen ging sie nicht weit genug.

Nach dem ersten Teil des TV-Interviews von Lance Armstrong bei US-Talkmasterin Oprah Winfrey bewegen sich die Reaktionen der Rad- und restliche Sportwelt zwischen Anerkennung eines ersten Schrittes und dem Vorwurf, eine geschickte Taktik zu fahren.

Am härtesten geht Ex-Profi Laurent Jalabert mit dem 41-Jährigen ins Gericht. "Wenn Armstrong etwas macht, geschieht das aus Berechnung", so der Franzose.

Rolf Aldag, der vor sechs Jahren selbst des Dopings geständig war, hofft auf weitere Episoden des Armstrong-Geständnisses: "Das war der erste Teil, morgen kommt der zweite und hoffentlich bald der dritte, nicht öffentliche, vor der Polizei, der Justiz, der USADA oder WADA."

Die gesammelten Reaktionen auf das Geständnis von Lance Armstrong im Überblick:

Travis Tygart
(Chef der US-Anti-Doping-Agentur, die Armstrong aufgrund von Beweisen und Zeugenaussagen gesperrt hat)

"Das war ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Armstrong hat endlich zugegeben, dass seine Radsport-Karriere aus einer kraftvollen Kombination aus Doping und Betrug bestand. Wenn er es ernst meint mit dem Wunsch, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren, muss er unter Eid ein vollständiges Geständnis seiner Doping-Aktivitäten ablegen."

Livestrong-Stiftung
(von Armstrong 1997 gegründete Krebshilfe-Stiftung)

"Wir sind enttäuscht angesichts der Nachricht, dass Lance Armstrong während und nach seiner Rad-Karriere die Menschen getäuscht hat, uns eingeschlossen. Aber mitten in dieser Welle der Enttäuschung sind wir Lance auch dankbar, für seine Hingabe und den Geist, den er eingebracht hat, um Krebspatienten zu helfen. Lance hat sich bei uns entschuldigt und wir haben die Entschuldigung angenommen."

Pat McQuaid
(Präsident des Radsport-Weltverbandes)

"Armstrongs Entscheidung, sich der Vergangenheit zu stellen, ist ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg, den Schaden wieder gut zu machen, den er verursacht hat. Armstrong hat bestätigt, dass es keine Verschwörung und keine Absprachen zwischen ihm und der UCI gegeben hat. Armstrong hat auch gesagt, dass der Radsport heute ein anderer als noch vor zehn Jahren ist."

John Fahey
(Chef Welt-Anti-Doping-Agentur)

"Er hat keine Namen genannt, hat nicht verraten, wer ihn (mit Dopingmitteln) versorgt hatte, welche Funktionäre involviert waren. Falls er auf Erlösung aus war, war er nicht erfolgreich."

Novak Djokovic
(Erster der Tennis-Weltrangliste/Serbien)

"Es wäre lächerlich gewesen, zu leugnen, weil es tausende Beweise gegeben hat. Es ist eine Schande für den Sport, dass es Athleten wie ihn gibt. Er hat den Sport verraten. Er hat viele Menschen mit seiner Karriere, seiner Geschichte verraten. Er verdient es zu leiden. Wie so viele Menschen habe ich das Vertrauen in den Radsport verloren. Die Tennisspieler gehören zu den saubersten Athleten. Es stört mich nicht, 10, 20 oder 30 Mal pro Jahr getestet zu werden. Wenn es für alle gleich ist, passt das."

Laurent Jalabert
(Ex-Radprofi/Frankreich)

"Das ist kein komplettes Geständnis. Wenn Armstrong etwas macht, geschieht das aus Berechnung. Ich frage mich, ob dieses Geständnis nicht eine Taktik ist. Er hat vielleicht Projekte, will etwas machen, das ihm am Herzen liegt. Wurde er geschützt, wurde er so kontrolliert wie die anderen? Ich habe nicht geglaubt, dass er eines Tages gesteht. Das war sicher nicht die letzte Etappe."

Jörg Jaksche
(Doping-geständiger Ex-Radprofi/Deutschland)

"Armstrong hat keine Reue gezeigt. Das war die Pflichtaufgabe, um sein Image aufzupolieren. Vielleicht hat er so viel Geld bekommen, wie er im Prozess gegen sein ehemaliges US-Postal-Team angeboten hat (5 Mio. Dollar, Anm.)."

Rolf Aldag
(Manager Team Omega/QuickStep, Ex-Radprofi/Dopinggeständnis im TV 2007/Deutschland)

"Das war der erste Teil, morgen kommt der zweite und hoffentlich bald der dritte, nicht öffentliche, vor der Polizei, der Justiz, der USADA oder WADA. Das Allerschwierigste ist das Zugeben - ich weiß, wovon ich rede."

Internationales Olympisches Komitee
(IOC-Sprecher Andrew Mitchell)

"Wir erwarten von Armstrong, jetzt alle Beweise den Anti-Doping-Gremien vorzulegen, sodass wir diese dunkle Episode hinter uns bringen können und vorankommen - stärker und sauberer. Das ist ein sehr trauriger Tag für den Sport, aber er hat auch eine positive Seite, wenn diese Ausführungen dazu führen können, einen Schlussstrich unter die alten Praktiken zu ziehen."

Sylvia Schenk
(Vorstandsmitglied von Transparency International, ehemalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer)

"Es muss eine grundlegende Reform, vor allem einen Wandel dieser Kultur geben. So lange dort nicht grundlegend aufgeräumt wird, andere Strukturen eingezogen werden, wird der Radsport nicht zu retten sein. Bjarne Riis, der selber gedopt hat bei seinem Sieg bei der Tour de France, kann nicht Sportdirektor eines Teams sein. Deshalb ist es Zeit, dass neue Leute da reinkommen, die sich um solche Dinge kümmern."

Thomas Bach
(Vize-Präsident des Internationalen Olympischen Komitees)

"Wenn er den Radsport so liebt, wie er sagt, und wenn es ihm darum geht, seine Glaubwürdigkeit wieder herzustellen, dann muss er bereit sein, gegenüber der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA oder der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA unter Eid auszusagen." Bach sprach von einem "ersten, bescheidenen Schritt in die richtige Richtung." Wenn er "wirklich hätte aufklären wollen, hätte er etwas über die Hintermänner sagen müssen, über das Verhalten der Rennställe. Das war nicht ausreichend, es war höchstens der Anfang."

Hein Verbruggen
(ehemaliger Präsident des Radsport-Weltverbands)

"Nach all den Jahren des Misstrauens bin ich glücklich, dass diese Komplott-Theorie am Ende nichts war als eine niemals verifizierte Theorie. All jene, die beschuldigt und verdächtigt haben, sind zweifellos enttäuscht. Niemals ist etwas (von der UCI) verdeckt worden. Es ist gut, dass Lance Armstrong endlich Doping zugegeben hat."

Greg Lemond
(dreifacher Sieger der Tour de France gegenüber Cyclingnews)

"Wenn Armstrong Floyd Landis und Tyler Hamilton denselben Stoff gegeben hätte, den er genommen hat, hätte er nie gewonnen - sie hätten ihn geschlagen."

Jens Voigt
(deutscher Radprofi)

"Die Leute mögen Geständnisse, aber es wird für Lance sicher noch ein langer Weg. Ich habe gegen ihn nur ein, zwei Rennen verloren. Das war nicht schlimm. Aber es gibt sicher andere, die haben viel mehr unter ihm gelitten. Da wird noch mehr nötig sein, als ein kurzes Sorry über den Bildschirm."

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