Armstrongs Streichung: Der Weisheit letzter Schluss?

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„Genug ist genug.“

Lance Armstrong, der über Jahre einen Kampf nach dem anderen siegreich gestaltete, verliert seine sieben Tour-de-France-Titel.

Bereits im August hatte er im Kampf mit der US-Anti-Doping-Agentur USADA klein bei gegeben.

Armstrongs tiefer Fall

Der vermeintliche Sport-Held, der nach überstandener Krebserkrankung das wichtigste Radrennen der Welt sieben Mal für sich entschied und damit eine Hollywood-reife Lebensgeschichte zu erzählen hat, ist tief gefallen.

2000 - Fernando Escartin

Hinter Armstrong klassierten sich Jan Ullrich und Joseba Beloki auf den weiteren Plätzen. Zwei Fahrer, die Jahre später in die „Operacion Puerto“ verwickelt waren. Nun wird es allerdings kurios: Da auch Christophe Moreau (4./Festina-Skandal), Roberto Heras (5./EPO 2005), Richard Virenque (6./Festina-Skandal) und Santiago Botero (7./Fuentes-Skandal) mehr als genug Dreck am Stecken hatten, würde erneut Escartin – diesmal als Achtplatzierter – in den Genuss des Tour-Sieges kommen.

2001 - Andrei Kivilev

Auch in diesem Jahr landete der Sieger von 1997, Jan Ullrich, hinter Armstrong an zweiter Position, Joseba Beloki musste neuerlich mit Rang drei vorlieb nehmen. So würden dem Kasachen Andrei Kivilev, der nach einem Sturz bei Paris-Nizza 2003 auf tragische Weise verstarb, posthum Sieger-Ehren zuteil. Dabei würde er davon profitieren, dass er und einige Fluchtgefährten auf der achten Etappe mit mehr als einer halben Stunde Vorsprung ins Ziel kamen. Kivilev und der Franzose Francois Simon, der bei „bereinigter“ Wertung Zweiter werden würde, verteidigten ihr Guthaben geschickt und landeten am Ende ursprünglich auf den Rängen vier bzw. sechs.

2002 - Jose Azevedo

In Abwesenheit von Jan Ullrich war es Joseba Beloki, der „best of the rest“ und damit Zweiter hinter Armstrong wurde. Dessen Doping-Vergangenheit haben wir geklärt, doch auch der Dritte im Bunde, Raimondas Rumsas, ist beileibe kein Unschuldslamm. Neben einer Gefängnis-Strafe auf Bewährung fasste der Litauer auch eine Dopingsperre (EPO) aus. Auch Santiago Botero und Igor Gonzalez de Galdeano (Nandrolon) stehen auf der „schwarzen Liste“ des Radsports, sodass mit Jose Azevedo der Sechste dieses Jahres aufrücken würde. Der Portugiese wurde zwar nie des Dopings überführt, war jedoch Teil des heftig in die Kritik geratenen US-Postal-Teams.

Eine endgültige Entscheidung darüber, ob jemand bzw. wer die sieben Titel erbt, steht noch aus.

Jan Ullrich, Ivan Basso, Andreas Klöden, Joseba Beloki und Alex Zülle könnten von einer Streichung Armstrongs profitieren. Ullrich und Zülle haben sich bereits dazu geäußert und hegen nicht den Wunsch, den Erfolg Armstrongs zu erben.

Viele beschmutzte Westen

Bizarr: Die fünf genannten Athleten waren allesamt selbst in Doping-Ermittlungen involviert und haben somit eine mehr als beschmutzte Weste.

LAOLA1 hat sich durch die Ergebnislisten der Jahre 1999 bis 2005 - jenen, die mit einem Tour-Sieg Lance Armstrongs endeten - gewühlt, und zeigt auf, wie tief auch die "Kronprinzen" verstrickt waren bzw. wer denn nun eigentlich der bestplatzierte Fahrer war, der sich während seiner Karriere schadlos hielt.

1999 - "Wahrer" Tour-Sieger: Fernando Escartin

Wird Armstrong aus dem Endergebnis gestrichen, rückt der Schweizer Alex Zülle nach, der vor 13 Jahren mit 7:37 min Rückstand Zweiter wurde. Doch auch der Eidgenosse war kein Kind von Traurigkeit. 1993 (Salbutamol) und 1994 (Ventolin) wurde er jeweils freigesprochen, im Festina-Skandal 1998 legte er jedoch ein Geständnis ab und wurde anschließend für sechs Monate aus dem Verkehr gezogen. Würde man also auch Zülles Resultate streichen, hieße der Tour-Sieger Fernando Escartin. Der Spanier wurde nie positiv getestet. Ob er tatsächlich ein reines Gewissen haben kann, darf angesichts seines langjährigen Arbeitgebers – Team Kelme – durchaus bezweifelt werden.

2003 - Haimar Zubeldia

Auch die Jahrhundert-Tour, der Startschuss des größten Radrennens der Welt fiel 1903, wurde von Armstrong geprägt. Er rang Jan Ullrich in einem packenden Zweikampf nieder, während Alexandre Vinokourov, der Jahre später des Fremdblut-Dopings überführt wurde, Dritter wurde. Tyler Hamilton, der gleich mehrfach positiv getestet wurde, landete an vierter Position. Unbescholten bis heute ist der damals fünfplatzierte Haimar Zubeldia. Der Spanier, seinerzeit als Kapitän der Equipe Euskaltel unterwegs, fuhr ein unscheinbares, aber höchst erfolgreiches Rennen und würde den Tour-Sieg 2003 abstauben.

2004 - Jose Azevedo

Entgegen der Erwartungen war es diesmal nicht Jan Ullrich, der hinter Armstrong an zweiter Position landete, sondern dessen Freund und Edel-Domestike Andreas Klöden. Dieser wurde zwar bis heute nie gesperrt, jedoch sieht es eine Expertenkommission als erwiesen an, dass der inzwischen 37-Jährige in der Vergangenheit Eigenblut-Doping betrieb. Die Ränge drei und vier gingen an die Fuentes-Kunden Ivan Basso und Ullrich. Somit würde Azevedo – wie schon zwei Jahre zuvor – den Platz an der Sonne für sich beanspruchen können.

2005 - Cadel Evans

Seinen siebenten und letzten Tour-Erfolg streifte Armstrong 2005 ein. Ivan Basso diente als „Kronprinz“, während der ursprünglich drittplatzierte Jan Ullrich wegen seiner Verstrickung in die Fuentes-Affäre bereits aus den Ergebnislisten verschwand. Francisco Mancebo, der Rang drei erbte, war ebenfalls Fuentes-Kunde, dahinter folgten Alexandre Vinokourov, Levi Leipheimer (Ephedrin – Sperre 1996) und Mickael Rasmussen (verpasste Tests/Tour-Ausschluss 2007). Erster unbekleckter Profi wäre der Australier Cadel Evans, der ursprünglich als Achter gewertet wurde.

Fazit

Die Aberkennung von Armstrongs Tour-Siegen ist nur die Spitze des Eisbergs, der das Dilemma des Radsports widerspiegelt. Nur die wenigsten über Jahre gefeierten „Helden“ überstanden ihre Karrieren schadlos und ohne Dopingskandal.

Eine Streichung des Texaners aus allen Ergebnislisten stellt daher zwar die USADA zufrieden, wirklich geholfen ist dem Radsport damit allerdings nicht.

 

Christoph Nister

 

Armstrongs Aberkennung seiner Erfolge - die richtige Entscheidung?

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