Die "wunderbare Woche" des Matthias Brändle

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Er war die Überraschung aus österreichischer Sicht bei der hochkarätig besetzten Tour of Britain 2014: Matthias Brändle.

Der Vorarlberger entschied sensationell nicht "nur" die fünfte, sondern einen Tag später auch die sechste Etappe der einwöchigen Rundfahrt durch England für sich.

Im Einzelzeitfahren auf der ersten Teiletappe am letzten Tag der Tour unterstrich er seine tolle Form mit einem starkem fünften Platz beim Sieg des britischen Vorjahressiegers "Sir" Bradley Wiggins (Sky). Gesamt blieb diesem heuer nur der dritte Platz, der Niederländer Dylan van Baarle (GRS) gewann vor dem Polen Michal Kwiatkowski (OPQ). Brändle wurde Gesamt-37. sowie Zweiter im Kampf um das Bergtrikot.

Der 24-jährige Profi in Diensten des Schweizer IAM-Teams erzählt im Gespräch mit LAOLA1, was es für ein Gefühl ist, wenn einem ein Ritter die Ehre erweist, welche Ziele er für die WM hat und wo er sich in Zukunft sieht.

LAOLA1: Mit zwei Etappensiegen hintereinander bei der Tour of Britain hast du deine bisher größten Siege feiern können. Was war das für ein Gefühl? Was bedeuten dir die Siege?

Matthias Brändle: Es war eine wunderbare Woche, die von zwei Siegen gekrönt wurde. Zudem konnte ich im Zeitfahren Fünfter werden, das hat meine Leistung noch einmal bestätigt. Ich hoffe, dass jetzt der nächste Karriereschritt kommt. Ich habe zuvor noch nie einen Sieg bei so einem großen Rennen einfahren können. Man muss nur einmal auf die Startliste schauen, da sind einige WM-Favoriten dabei - und ich konnte zwei Etappen gewinnen! Vielleicht hat sich jetzt ein Knopf gelöst. Ich hoffe, dass es so weitergeht und ich eine gute WM fahren werde.

LAOLA1: Wie kam es, dass du einen Tag nach dem ersten Sieg gleich noch einmal in der Fluchtgruppe warst?

Brändle: Es war ein hektischer Tag, irgenwann habe ich gemerkt, dass Quick Step am Limit ist und das Rennen nicht ganz kontrollieren kann. Nach 50 Kilometern habe ich dann zu Alex Dowsett, meinem späteren Fluchtkameraden, gesagt, es sei ein guter Moment zum Attackieren. Dann haben wir attackiert und Thomas Stewart ist mitgegangen. Wir haben gesagt, wir machen jetzt einfach ein Zeitfahren bis zum Ende des Rennes. Der Vorsprung ist immer größer geworden, irgendwann hatten wir neun Minuten. Wir haben dann gesagt, wir fahren Vollgas bis zum Ziel, ich bekomme den Etappensieg und er das Gelbe Trikot. Und so ist es dann gelaufen.

LAOLA1: Wie hast du das Publikum in England erlebt?

Brändle: Wahnsinn, in keinem anderen Land, in dem ich heuer gefahren bin, war mehr Stimmung als hier. Das war die schönste Rundfahrt, an der ich in diesem Jahr teilgenommen habe, sowohl von der Stimmung her, als auch von den Straßen und dem Wetter. Wirklich eine super Woche. Es war auch hart, aber ich denke, genau das habe ich vor der Weltmeisterschaft gebraucht.

LAOLA1: Könnte man sagen, dass du seit der Nicht-Nominierung für die Tour mit Wut im Bauch fährst?

Brändle: Wut im Bauch würde ich nicht sagen. Es ist eher so, dass ich sechs oder sieben Wochen keine Rennen gefahren bin, in denen andere Fahrer sehr wohl Rennen bestritten haben. Es kommt mir momentan sicher zu Gute, dass ich einfach frischer bin. Ich denke, dass dies der Grund ist, warum es zurzeit so gut läuft.

Brändle raste zweimal allen davon

LAOLA1: Du hast es bereits angesprochen, die WM in Ponferrada (20. bis 28. September) steht an. Mit welchen Zielen gehst du an den Start? Siehst du dich vielleicht auch als Kapitän?

Brändle: Ich glaube nicht, dass Österreich einen Kapitän braucht. Es gibt auch andere Leute, die gut in Form sind. Mein vorrangiges Ziel ist es, ein gutes Zeitfahren abzuliefern. Ich möchte meine Leistung aus dem letzten Jahr (37., Anmerk.) verbessern. An einem guten Tag sind sicher die Top 15 machbar. Auf der Straße möchte ich einfach schauen, wie es geht. Meistens habe ich ein so langes Rennen in der Fluchtgruppe bestritten. Ich werde mit Hartl (ÖRV-Nationaltrainer, Anmerk.) reden, ob wir in diesem Jahr vielleicht die Taktik ändern, bis zum Schluss abwarten und schauen, ob ich noch fahren kann. Dann wird es, denke ich, ein schöner Saisonabschluss.

LAOLA1: Hat sich Nationaltrainer Franz Hartl bei dir nach den Siegen gemeldet?

Brändle: Wir sind öfter in Kontakt, er verfolgt natürlich immer, was seine Schützlinge machen. Er ist sehr stolz und freut sich über meine gute Form so kurz vor der WM.

LAOLA1: Stehen neben der WM heuer noch weitere Rennen auf deinem Programm?

Brändle: Im Moment ist nichts Größeres geplant, vielleicht die Lombardei-Rundfahrt, aber das Profil kommt meinem Fahrstil nicht entgegen. Ich denke, dass ich mitfahren, aber sicher nicht um die vorderen Plätze mitkämpfen werde.

LAOLA1: Welche Reaktionen gab es auf deine Siege, was hat dich besonders gefreut?

Brändle: Man merkt einfach den Respekt, den einem das Peloton entgegenbringt. Große Fahrer wie Bradley Wiggins kommen, gratulieren und sagen, 'Hey, echt starke Leistung gestern'. Ich meine, die gesamte Mannschaft Quick Step ist auseinander gefallen und sogar der Mann in Gelb ist hinter uns her gefahren. Das war ein schönes Gefühl. Da hat man schon gemerkt, man ist gut drauf und hat es den anderen nicht leicht gemacht.

LAOLA1: Was sind deine Ziele und Wünsche für die nächsten Jahre?

Brändle: Ich möchte weiterhin große Rennen gewinnen. Ich denke, dass mir einwöchige Rundfahrten gut liegen und ich sie, wenn nicht zu hohe Berge dabei sind, vorne beenden kann. Vor allem, wenn ein Zeitfahren dabei ist, da kann ich meine Stärke Mann gegen Mann ausspielen. Wenn ich auf der siebenten Etappe bis zum Ende gekämpft und mich nicht für das Zeitfahren am Sonntag geschont hätte, wäre ich sicher Gesamt in den Top Ten gewesen. Ich möchte im nächsten Jahr insgesamt auf einem höheren Niveau fahren als in diesem Jahr.

LAOLA1: Wie wohl fühlst du dich bei bei deinem Team IAM? Würdest du lieber in einem World-Tour-Team fahren?

Brändle: Ich fühle mich sehr wohl. Meiner Meinung nach ist es kein Vorteil, in der WorldTour zu fahren. Da hat man im Jahr zu viele Rennen und muss überall hin. Wir können uns dagegen aussuchen, wo wir starten. Wir haben einen guten Kader und bekommen die Einladungen, die wir haben wollen. Das ist perfekt.

LAOLA1: Medienberichten zufolge soll dir der Doppelsieg einen „hoch dotierten“ Vertrag beschert haben. Stimmt das?

Brändle: Das sind irgendwelche Gerüchte. Ich weiß nicht, wer das in die Welt gesetzt hat. Mein Marktwert ist sicher gestiegen, aber ich habe davor schon einen Vertrag unterschrieben und daran wird sich wahrscheinlich nichts ändern.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Henriette Werner

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