"Es muss wohl etwas Großes sein"

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"Es war das schönste Rennen meiner Karriere"

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Henri Desgrange, Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Jens Voigt.

Und jetzt auch Matthias Brändle.

Der IAM-Profi ist der erste Österreicher, der zur Attacke auf den Stundenweltrekord geblasen hat.

Der 24-jährige Radprofi war auf Anhieb erfolgreich und verbesserte am Donnerstag im schweizerischen Aigle den von Jens Voigt erst am 18. September aufgestellten Rekord von 51,115 Kilometern um 737 Meter auf 51,852 Kilometern.

Der neue Weltrekordhalter nahm sich trotz großen Medienrummels um seine Person Zeit, LAOLA1 zu erzählen, was ihm der Rekord bedeutet, wie es zu seinem Versuch kam und warum es nicht schlimm ist, wenn die Bestmarke wieder verbessert werden sollte.

LAOLA1: Herzlichen Glückwunsch zum neuen Stundenweltrekord! Was bedeutet dieser für dich?

Matthias Brändle: Es war sicher das schönste Rennen meiner Karriere! Und dem Wirbel nach zu urteilen, den das ausgelöst hat, muss es wohl etwas Großes gewesen sein.

LAOLA1: Was hast du vom Wirbel um dich herum mitbekommen?

Brändle: Sehr viel. An der Strecke hatte ich meine eigene Fankurve. Die Fans sind extra für mich von daheim mit zwei Doppeldecker-Bussen angereist. Immer wenn ich da vorbeigekommen bin, ist der Lärmpegel auf das Doppelte angestiegen und auch auf der restlichen Strecke war es richtig laut. Das hat mich richtig gepusht und mir auch in den schweren Phasen des Rennens geholfen. Ich wusste, dass ich von so vielen Leuten beobachtet werde, so viele extra für mich angereist sind und wegen mir Urlaub genommen haben. Da musste ich die 60 Minuten einfach so viel geben, wie ich konnte. Das habe ich dann auch gemacht.

LAOLA1: Hast du auf den 259,26 Runden, die du im Kreis gefahren bist, auch mal ans Aufgeben gedacht?

Brändle: Zwischendurch hatte ich wirklich eine schlimme Phase, in der ich mich gefragt habe, warum tust du dir das eigentlich an, warum hast du dich freiwillig für das Event entschieden? Es war ja meine Entscheidung, da anzutreten. Aber durch das super Publikum, das mich immer gepusht hat, sind diese Gedanken schnell wieder verschwunden. Ich wusste ja auch, dass die Stunde Schmerz viel ist, aber der Rekord, der bleibt.

LAOLA1: Du hast die nächste Frage gerade selbst gestellt: Warum? Wie kamst du auf die Idee, den Stundenweltrekord zu attackieren?

Brändle: Der Rekord hat mich schon lange fasziniert ist. Früher waren Fahrräder erlaubt, die dann nicht mehr erlaubt waren, dadurch war der Rekord unantastbar. Aber die UCI hat in diesem Jahr die Regeln geändert und somit waren Rekordversuche wieder möglich. Ich denke, ich habe den perfekten Moment ausgenutzt, ich war vielleicht nicht mehr ganz in meiner Bestform, aber es hat gereicht, den Rekord zu brechen und darum geht es bei diesem Event: Den Rekord zu verbessern, verbessern, verbessern. Nach mir werden es sicher auch wieder viele versuchen. Aber jetzt steht mein Name neben denen von Jens Voigt, Eddy Merckx, Francesco Moser, Jacques Anquetil und ganz vielen anderen großen. Das ist einfach Wahnsinn. Auch für den österreichischen Radsport ist es toll, dass er mal in den Medien präsent ist, wo es normalerweise fast nur Fußball gibt.

LAOLA1: Ist Jens Voigt ein Vorbild für dich bzw. hat er dich dazu inspiriert?

Brändle: Er ist sicher eine Art Vorbild für mich, aber inspiriert haben mich viele dazu. Ich hatte auch einen großartigen Support vom Team und das wollte ich zurückgeben. Das ist mir gelungen und jetzt bin ich einfach nur glücklich, dass es geklappt hat.

LAOLA1: Wann stand für dich fest, dass du es probieren möchtest und wie lange dauerte deine Vorbereitung?

Brändle: Ich habe schon sehr lange darauf hintrainiert, eigentlich seit Saisonbeginn. Zudem hatte ich die Form von der WM. Die WM ist zwar nicht so gelaufen (35. im Zeitfahren, Anmerk.), wie ich es wollte, da habe ich einen schlechten Tag erwischt. Aber ich wusste, ich habe die Form und kann sie noch ein bisschen konservieren. Ende September haben wir die Anmeldung gemacht, da muss man sich vier Wochen vorher einschreiben, und seitdem wurde voll auf das Event hingearbeitet. Wir haben verschiedene Tests, auf verschiedenen Bahnen mit verschiedenem Material gemacht und da hat auch das spezifische Training auf der Bahn begonnen. Die Form war schon davor da, aber die vier Wochen habe ich gebraucht, um mit der Bahn, den Steilkurven und der guten Linienwahl klarzukommen. Auch, um mit zwei Scheibenlaufrädern zu fahren, das ist einfach ein anderes Fahrgefühl.

LAOLA1: Deine Bahn war 200 Meter lang, Jens Voigts hingegen 250 Meter. Was spielt das für eine Rolle und warum hast du dich für eine kürzere entschieden?

Brändle: Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Ich habe mich auf der Bahn sehr wohl gefühlt und sie ist ganz in der Nähe des UCI-Sitzes. Vielleicht wäre eine andere etwas schneller gewesen, aber hier hat alles perfekt gepasst, auch zum Team, da unserer Stützpunkt nicht weit entfernt ist. Es hat mich sehr gefreut, mit der UCI zusammenzuarbeiten, zudem ist es auch die Bahn von Scott - einem Partner von IAM. Aus diesen Gründen haben wir uns für den Ort entschieden und es war mit Abstand die richtige Wahl. Es war so eine tolle Stimmung. Die UCI hat gesagt, in den zehn Jahren, in denen das Gebäude steht, hatten sie noch nie so eine Stimmung in der Halle.

LAOLA1: Hast du Angst davor, dass Fahrer wie Bradley Wiggins, Tony Martin oder Fabian Cancellara deinen Rekord brechen? Wem traust du es am meisten zu?

Brändle: Es gibt sicher einige Fahrer, die das Potenzial haben, den Rekord zu brechen. Jetzt sind sie an der Reihe, ich habe den Rekord einmal für mich, das war mir wichtig. Ich genieße den Moment. Genauso wie ich den Rekord von Jens Voigt angegriffen habe, wird früher oder später auch jemand meinen Rekord angreifen. Das ist auch das Wesen dieses Events. Jeder versucht, die Bestmarke des anderen wieder zu verbessern und das ist richtig cool.

LAOLA1: Glaubst du, deiner hält länger als 42 Tage?

Brändle: Das werden wir sehen. Aber ich hoffe es natürlich.

LAOLA1: Geht es jetzt erst einmal in den Urlaub oder wie sieht dein Plan für die nächste Zeit aus?

Brändle: Puh, das kann ich noch gar nicht genau sagen. Es kommen ziemlich viele Medienanfragen rein, das muss man erst sortieren. Das Interesse an meiner Person ist auf jeden Fall sehr gestiegen.

LAOLA1: Und wenn du weiter vorausschaust – wie sehen deine Ziele für die nächste Saison aus?

Brändle: Das Ziel für einen Radsportler ist immer die Tour de France. Das ist auch mein Ziel für das nächste Jahr, zumal sie - für mich perfekt - mit einem Prolog beginnt. Das Ziel ist noch ein wenig hin, im Dezember ist Trainingslager mit dem Team, da werden wir das besprechen. Jetzt sind erst einmal zwei, drei Wochen ohne Fahrrad angesagt, bevor dann wieder die Vorbereitung für die nächste Saison beginnt.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Henriette Werner

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