Teddy Riner - Auf dem Weg zum Größten seiner Zunft

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Als Teddy Riner das Palais Omnisport in Paris betritt, reißt die pure Vorfreude die 17.000 Zuschauer von den Sitzen.

Was folgt, ist Sportgeschichte. Der Franzose sichert sich im August 2011 mit einem Ippon-Sieg über den Deutschen Andreas Tölzer seinen fünften Weltmeistertitel. Etwas, das noch nie zuvor einem Judoka gelungen war.

Und was dabei am meisten beeindruckt: Riner ist zu jenem Zeitpunkt erst 22 Jahre alt.

Die letzte noch offene Mission

„Zu groß, zu stark, technisch und taktisch clever, er bewegt sich zu schnell für die anderen Schwergewichte. Er ist außergewöhnlich explosiv und wegen seiner Jugend wird er jeden Tag noch ein klein wenig besser“, versucht der französische Journalist Olivier Bienfait in der „L’equipe“ die Überlegenheit des mittlerweile 23-Jährigen in Worte zu fassen.

139 Kilogramm verteilt auf 2,04 Meter. Im Bankdrücken bringt er 160 kg zur Hochstrecke. So lauten die physischen Eckdaten der in Guadeloupe geborenen Ausnahme-Erscheinung.

Niederlagen sucht man in seiner Vita vergeblich. Nicht ganz. „Sie sind mir zwei, drei Mal passiert“, schätzt er gegenüber „L’est-eclair“. Darunter eine, die ihn bis heute verfolgt. 2008 musste er sich als 19-Jähriger in Peking im Viertelfinale Abdulla Tangriev (UZB) geschlagen geben. Zwar sicherte er sich via Trostrunde noch Bronze, doch Olympisches Gold blieb ihm verwehrt.

„Mit Blick auf London möchte ich aber nicht von Rache sprechen, weil eine Bronze-Medaille schließlich nicht nichts ist. Für mich gilt es, mir eben diesen Traum noch zu erfüllen.“

Die Schule des Lebens

Die wahrscheinlich prägendste Niederlage kassierte Riner aber viel früher. Nämlich im ersten Judo-Kampf seines Lebens. Sein Gegner war niemand anderer als sein Bruder. Dieser war zwar älter aber deutlich kleiner als der bereits von Kindesbeinen an überproportional große „Teddy Bär“.

„Indem ich ihn schlage, wollte ich meinen Eltern zeigen, wer von uns beiden der Stärkere ist“, erinnert sich Riner gegenüber der „BBC“.

Das Match dauerte allerdings nicht lange. Der Überlieferung nach wurde „klein“ Teddy bereits nach 20 Sekunden aufs Kreuz gelegt. „Ich war zu arrogant. Ich war voller naivem Enthusiasmus und er hat mich einfach weggewischt.“ Quasi die Mutter aller Niederlagen.

Olympia-Gold fehlt Teddy Riner noch

Für den Werdegang des Multi-Talents, das in den Klubs seiner Heimat auch Fußball, Basketball, Tennis spielte sowie das Schwimm-Training besuchte, waren die daraus gezogenen Lehren aber essentiell: „Unterschätze niemals einen Gegner! Egal wie schwach er auch scheint.“

Tatsächlich gewachsen

Etliche Jahre und unzählige Ippons später hat diese Weisheit für Riner, der die meisten seiner Gegner um mindestens einen Kopf überragt und deshalb überall als haushoher Favorit gilt, größere Bedeutung denn je.

Nun ist für Riner die Zeit gekommen, bei den Olympischen Spielen in London den letzten Schritt zu seiner sportlichen Vollkommenheit zu machen. „Ich bin bereit für die Invasion der Feinde!“, erklärt er mit einem Augenzwinkern bei „sports.fr“.

Doch weshalb soll es nach Peking nun in London klappen? „Weil ich gewachsen bin.“ Dies meint Riner aber nicht bloß im übertragenen Sinn („Ich bin reifer geworden, weiß jetzt, was ich zu tun habe“). Nein, tatsächlich ist der Lange seit Peking noch einmal um fast fünf Zentimeter länger geworden.

Das Kind im Riesen

In Frankreich zählt Riner zu den populärsten Sportlern des Landes. TV-Auftritte wie jener etwa bei der Game-Show „Fort Boyard“ sind keine Seltenheit. Bei einem Exhibition-Match bei den French Open in Paris 2011 stellte er gemeinsam mit Jo-Wilfried Tsonga, Francesca Schiavone und Gael Monfils sein Ballgefühl unter Beweis.

Teddy Riner nimmt Gael Monfils und Novak Djokovic in die Mangel

Riner hat sichtlich Spaß an dem ganzen Rummel. Das beweisen auch Twitter-Schnappschüsse aus den Katakomben von Roland Garros, wo er Monfils und Novak Djokovic in den Schwitzkasten nimmt.

„Es ist sehr aufregend, Sportler wie Novak Djokovic oder Rafael Nadal zu treffen. Ich genieße diese Zeit meines Lebens“, weiß es der R&B- und Hip-Hop-Fan zu schätzen.

„Bin kein Macho“

Mit Olympia-Gold würde Riner endgültig in die Fußstapfen des großen David Douillet treten. Der Olympiasieger von 1996 und 2000, der 1995 und 2000 zu Frankreichs Sportler des Jahres gewählt wurde, bekleidet mittlerweile das Amt des Sportministers.

Angesichts des hohen Standings, das Judo in Frankreich genießt, ist es wenig verwunderlich, dass Riner neben NBA-Star Tony Parker und Handball-Gigant Nikola Karabatic als einer der Favoriten auf die Rolle des französischen Fahnenträgers bei der Eröffnungsfeier der Spiele gilt.

Nun wird mit der Fechterin Laura Flessel-Colovic (fünf Olympia-Medaillen) aber eine Frau die „Tricolore“ ins Olympia-Stadion tragen. „Für mich ist das kein Problem, ich bin ja kein Macho“, lacht Riner, der zugibt, dass ihm dies nicht ungelegen kommt.

„Mir ist es wichtig, in meiner Blase zu sein und nur an meinen Kimono und die Tatami (Judo-Matte; Anm.) zu denken.“

Damit er auch in London wieder alle von den Sitzen reißen kann.

Reinhold Pühringer

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