"Bin nicht der Siegfahrer!"

Aufmacherbild
 

Eisel: Verstecken bis zum großen Gold-Showdown

Aufmacherbild
 

Noch leichter. Noch steifer. Und hoffentlich noch schneller als der Vorgänger. So präsentiert sich das Olympia-Bike von Bernhard Eisel.

Das schwarze Pinarello ist ein italienischer Traum aus Carbon, ohne Sponsorpickerl ein „Black Beauty“. Mit Aero-Laufrädern und SRM-Wattmessung. Wert: Jenseits der 10.000 Euro!

Als LAOLA1 zum Interview-Termin mit dem frischgebackenen Tour-Sieger-Unterstützter in Woking, wo der F1-Rennstall McLaren beheimatet ist, eintrifft, hat sein Mechaniker das Bike gerade abgeliefert.

Freundin Tanja ist bereits am Sonntag mit dem Steirer aus Paris angereist. Am Donnerstag geht es vom Hotel ins Olympische Dorf.

Im großen LAOLA1-Talk spricht der 31-Jährige über Chancen und Risiken bei den Spielen, Mitstreiter Daniel Schorn, Wehwehchen nach der Tour de France und den neuen Rad-Boom in England.


LAOLA1:
Du wirst dir am Mittwoch den Olympia-Kurs genauer anschauen, am Donnerstag steht dann die offizielle Besichtigung am Programm. Was weißt du bislang schon über die Strecke?

Bernhard Eisel (lacht): Dass ungefähr alle zwei Meter ein Kreisverkehr ist. Aber das gehört in England dazu. Nein, es ist alles ziemlich komprimiert. Wir fahren 2.000 Höhenmeter auf neun Runden, das tut richtig weh, da man weniger Zeit zum Regenerieren hat. Aber danach bleiben 45 km, um ins Ziel zu kommen.

LAOLA1: Es gab einige Kritik, dass der Olympia-Kurs mit 260 km zu lang ist?

Eisel: Sicher könnte man es kürzer gestalten, aber das ist der Radsport. Das Format mit Start in der Stadt, dann wird es draußen auf der Runde spannend und zum Schluss hat man das große Finale, wo sich alle an der Strecke und daheim vorm Fernseher fragen: Holen sie die Gruppe noch ein, oder nicht? Das ist Spannung pur!

LAOLA1: Radsport ist auch Taktik. Hast du dir schon eine für das Rennen zurecht gelegt?

Eisel: Im Prinzip ist es wie ein Klassiker: Man darf sich nicht zeigen, solange sich die Großen nicht zeigen. Und dann muss man hoffen, dass man den perfekten Tag hat.

LAOLA1: Was ist an einem perfekten Tag für dich möglich?

Eisel: Eine Medaille ist das Ziel. Die Chancen stehen bei 10 Prozent. Die Länge des Rennens kommt mir sicher entgegen, da tue ich mir am Ende leichter. Wenn nur mehr eine kleine Gruppe übrig ist, und nach 260 km hat es sich ziemlich aussortiert, stehen weniger Leute im Weg.

LAOLA1: Österreicher werden dir nicht allzu viele im Weg stehen, da ihr nur zu zweit seid. Wie ist dein Verhältnis zu Daniel Schorn?

Eisel: Wir kommen super miteinander aus, kennen uns auch schon ewig. Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Melbourne waren wir das letzte Mal gemeinsam unterwegs, damals ist er noch U23 gefahren. Ich hätte aber auch mit Tommy Rohregger kein Problem gehabt.

LAOLA1: Er hat es ein bisschen anders gesehen und den Verband nach seiner Nicht-Nominierung scharf kritisiert?

Eisel: Seine Kommentare habe ich nicht ganz verstanden. Von wegen er hätte in die Fluchtgruppe gehen können. Hallo! Wir sind ja sowieso nur zwei Fahrer, wenn er dann schon vor dem Start sagt, dass er nicht für mich fährt, hat er sich selbst ins Knie geschossen.

LAOLA1: Wie kann dir Schorn auf dem Weg zu einer Medaille helfen?

Bernie Eisel findet bei LAOLA1 klare Worte

Eisel: Ich möchte schon solange wie möglich zusammen fahren. Wir müssen es taktisch anlegen, können nur abwarten, wie sich das Rennen entwickelt. Weil was soll ich in einer Fluchtgruppe? Da fahre ich vielleicht 210 km vorne und dann sehe ich das Ziel nicht. Da hat niemand etwas davon. Aber wir werden das gemeinsam durchgehen und auch schauen, wie es mir bis Donnerstag geht.

LAOLA1: Dein letzter Sieg, damals bei Gent-Wevelgem, liegt mittlerweile zwei Jahre zurück?

Eisel: Ich bin nicht der Siegfahrer! Meine Aufgabe im Team ist eine andere. Das musste ich den Leuten lang und breit erklären, aber mittlerweile ist das Feedback ganz anders. In England haben sie aber das gleiche Problem. Bis vor zwei Jahren haben sich die Briten gefragt, warum Chris Hoy, der schnellste Mann der Welt auf der Bahn, nicht die Tour de France gewinnt.

LAOLA1: Du hast ein bisschen mit einem Husten zu kämpfen. Muss man sich Sorgen machen?

Eisel: Die letzten vier Tage bei der Tour war ich richtig krank. Da hinke ich noch ein bisschen hinterher, die Nase ist noch zu. Aber es ist schon viel besser geworden. Hoffentlich bleibt das Wetter gut, damit es bis Samstag noch komplett weggeht.

LAOLA1: Und sonst, keine Schmerzen, keine Wehwechen? Du bist immerhin gerade die Tour de France gefahren?

Eisel: Am Montag war es recht fein, da bin ich den ganzen Tag im Hotel-Garten gelegen. Am Dienstag habe ich es schon gespürt, dass die Muskeln tot sind. Aber zwei Stunden locker am Rad und eine Massage haben mir geholfen.

LAOLA1: Und die vielen Erfolge in Frankreich?

Eisel: Die waren für die Motivation natürlich wichtig. Aber jetzt gilt die volle Konzentration den Olympischen Spielen. Vielleicht werde ich ja von den britischen Fans ein bisschen unterstützt, vorausgesetzt sie erkennen mich im Österreich-Trikot. Im Sky-Leiberl würden sie mir wahrscheinlich zu Füßen liegen, da hat sich in den letzten drei Wochen wirklich viel getan.

LAOLA1: Hättest du erwartet, dass ihr mit Team Sky die Tour so dominiert?

Eisel: Wir sind davon ausgegangen, dass wir die Rundfahrt gewinnen. Das war unser Ziel – und von den Zahlen her möglich. Dass dann die Plätze 1 und 2 und sechs Etappensiege rausschauen, das war natürlich ein Wahnsinn. Lustig war es nach dem Sieg am Freitag, da haben wir gewusst, dass wir Samstag und Sonntag auch noch gewinnen.

LAOLA1: Es gab aber sicher auch weniger lustige Momente, oder?

Eisel: Der Abstecher in die Schweiz war die Hölle! Das war abartig, alle wollten Team Sky aus den Schuhen fahren. Es wurde so lange attackiert, bis wirklich alle stehend k.o. waren. Aber das ist die Tour, da wird dir nichts geschenkt.

LAOLA1: Gelb für Bradley Wiggins, Etappensiege für Weltmeister Mark Cavendish. Wird da gerade der englische Radsport-Riese geweckt?

Eisel: Unsere Erfolge bei der Tour de France waren sicher eine Initalzündung. Jetzt muss man sehen, was man nach Olympia daraus macht. Gold für Mark (Cavendish, Anm.) wäre die Krönung. Der Grundstein wurde aber auf der Bahn gelegt. Wahnsinn, was die Engländer, die nie eine Radsport-Nation waren, da in den letzten Jahren weitergebracht haben.

LAOLA1: Und der Londoner Bürgermeister Boris Johnson hat auch großen Anteil daran?

Eisel: Er wollte aus London eine Stadt für Radfahrer machen, das war Teil seines Programms. Das ist ein Radsport-Verrückter, der auch schon einmal einen Handtaschen-Räuber mit dem Rad verfolgt und gestellt hat. Außerdem hat er auch dafür gesorgt, dass die Tour de France 2011 in London gestartet ist.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führten Stephan Schwabl und Peter Rietzler

 

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen