Gefeuert, beschimpft - dann Gold

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Zuerst gefeuert und beschimpft, dann Olympia-Gold

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Wir sind eine Wintersport-Nation.

Eine Tatsache, die eigentlich so mir nix dir nix in die österreichische Verfassung aufgenommen werden könnte.

Ein Blick in die rot-weiß-roten Olympia-Annalen untermauert diese These. 55 Goldene im Winter stehen deren 26 im Sommer gegenüber. Ganz ohne Zweifel: eindeutig.

Umso rarer sind somit jene Athleten, die bei Sommerspielen gleich zweimal ganz oben standen. Um genau zu sein, sind es gerade einmal fünf. Peter Seisenbacher ist einer davon. Der Wiener kürte sich mit seinen Triumphen 1984 und 1988 zum ersten Doppel-Olympiasieger in der Geschichte des Judo-Sports und sorgte damit gleich für zwei rot-weiß-rote „Golden Moments“.

Bei den am Freitag in London beginnenden 30. Sommerspielen werden seine Nachfolger – Ludwig Paischer (am Samstag im Einsatz), Sabrina Filzmoser (Montag) und Hilde Drexler (Dienstag) – versuchen, ihm nachzueifern.

„Ihre Chancen sind intakt“, glaubt Seisenbacher im Gespräch mit LAOLA1 an die dritte Judo-Medaille in Folge nach Claudia Heill (Silber 2004) und Paischer (Silber 2008). „Sie bringen die für Olympia nötige Erfahrung und Coolness mit. Insbesondere bei Lupo habe ich bei den letzten Turnieren eine deutliche Formsteigerung erkennen können.“

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Trotz seiner Gabe sich zu quälen und seines technischen Talents bedurfte es selbst bei Seisenbacher einiger glücklicher Fügungen. Zumindest zu Beginn seiner Karriere. Denn die Olympia-Bilanz des Uchi-mata-Spezialisten ist nicht ganz makellos. Zu Buche steht auch eine Niederlage, welche von den Spielen 1980 in Moskau stammt.

„Ich war damals erst 20 und die Voraussetzungen waren alles andere optimal“, schüttelt der 52-Jährige heute noch den Kopf. Denn seine Quali hatte er weder erwartet, noch war er dafür gerüstet gewesen.

Alles nahm seinen Lauf, als 1980 der Schotte George Kerr zum neuen Judo-Nationaltrainer bestellt wurde. „Er hatte vier oder fünf Jahre an einer japanischen Universität studiert. Er meinte, wenn ihr etwas reißen wollt, dann müsst ihr zum Trainieren nach Japan fliegen“, erinnert sich Seisenbacher, der damals gerade erst den Junioren entwachsen war.

„1980 war zufällig auch die Heim-EM in Wien. Weil sie ein komplettes Team hinschicken wollten, hat sich Kerr hingestellt und gesagt: Der, der die Staatsmeisterschaft gewinnt, darf zur EM.“

Für Seisenbacher, der seine Saison eigentlich nur auf die Staatsmeisterschaft ausgerichtet hatte, ein Anreiz. Er wusste zu überraschen, schlug bei den Titelkämpfen bis 86 kg etliche Gegner, die er zuvor noch nie besiegt hatte, und krönte sich erstmals in seinem Leben zum Österreichischen Meister. „Für mich war das schon super!“

Kündigung in Kauf genommen

„Danach bin ich zu meinem Lehrherren gegangen, habe ihm gesagt, dass ich zum ersten Mal für eine Europameisterschaft qualifiziert bin und mit dem Nationalteam in ein Trainingslager fahren möchte“, erinnert sich der angehende Goldschmied. Das komme nicht in Frage, bekam er als Antwort. „Ich bin trotzdem gefahren.“

„Überhaupt waren die damaligen Kosten im Vergleich zu heute lächerlich“, ergänzt Seisenbacher, der laut eigenen Schätzungen vielleicht auf ein persönliches Jahres-Budget für Camps und Turniere von 20.000 Euro kam. „Damals sind wir den Hungaria-Cup, die Internationale Deutsche Einzel-Meisterschaft und vielleicht noch zum Turnier nach Warschau gefahren.“ Heutzutage erstreckt sich der Weltcup-Zirkus über den gesamten Globus.

Lieber raus statt rein

Sein zweiter Streich bei den Spielen in Seoul 1988 war aber alles andere als absehbar. Im Gegenteil: „Die Leute haben mich bereits abgeschrieben. Mit dem Seisenbacher ist es vorbei, haben sie gesagt.“

Der Grund waren zwei Seitenband-Verletzungen, die zu jener Zeit noch sehr schwerwiegend waren. „Ich musste operiert werden. Das war keine kleine Arthroskopie wie heute. Wochenlang haben sie mir den Gips nicht runter gegeben. Danach hatte ich keinen Muskel mehr. Samt Reha dauerte es sechs, sieben Monate bis ich wieder zurück war.“

Doch er schaffte den Sprung zurück. In Seoul warf Seisenbacher schließlich seine ganze Routine in die Waagschale und schrieb mit seinem Finalsieg über den Russen Vladimir Shestakov endgültig Geschichte. Zumal es die einzige österreichische Medaille in Seoul blieb.

Zweimal trug der vierfache Sportler des Jahres bei olympischen Feierlichkeiten die österreichische Flagge. Allerdings nie bei einer Eröffnungsfeier. „1988 wollten sie mir die Fahne zum Reintragen geben. Ich habe aber abgelehnt, weil reintragen kann sie praktisch jeder. Aber wenn du sie bei der Schlussfeier trägst, weißt du, dass du etwas gewonnen hast.“ Was 1984 und 1988 der Fall war.

Keine Medaillen-Bank

Danach war es für Seisenbacher Zeit aufzuhören. „Ich war ganz oben, ab da konnte es nur noch bergab gehen.“

Die Olympischen Spiele in London erlebt er vom Mattenrand als Trainer Georgiens mit. Ein Land, das mit seinen Judoka mitfiebert, wie kaum ein anderes. Dementsprechend groß ist auch die Erwartungshaltung. „Natürlich hoffe ich auf die eine oder andere Medaille. Man darf aber nicht so überheblich sein und glauben, dass man in irgendeiner Gewichtklasse eine Bank hat. So etwas gibt es nicht. Schon gar nicht bei Olympischen Spielen.“

Seisenbacher mit Hoffnung Liparteliani

Als letzter Ausweg wurde deshalb mit Seisenbacher ein Ausländer für den Posten geholt. „Aber der Nationalstolz hier ist so groß, dass sie sagen, das können wir selbst.“

Schon bald ein „Judo-Missionar“?

Wie es nach London weitergehen könnte, darüber hat sich Seisenbacher bereits Gedanken gemacht. Eine Kandidatur als neuer ÖJV-Präsident – Wahlen sind im Herbst – erwägt er nicht.

„Ich habe mit dem Weltverbandspräsidenten Marius Vizer ein sehr gutes Verhältnis. Es ist ausgemacht, dass wir uns nach den Spielen einmal zusammensetzen, um zu schauen, ob es da für mich etwas gibt.“

Dabei gehe es aber nicht um einen Posten im Weltverband (IJF). „In so einem Verwaltungsgremium würde ich mich nicht wohlfühlen. Da wäre ich wie ein Fisch auf dem Trockenen.“ Vielmehr hat er eines jener Programme ins Auge gefasst, bei denen die IJF versucht, Judo in Regionen der Welt zu fördern, in denen es noch nicht so verbreitet ist.

„Dafür suchen sie immer wieder namhafte Trainer“, meint Seisenbacher, der für eine derartig missionarische Aufgabe wohl prädestiniert ist. Schließlich ist er ein Sommersport-Held in einem Wintersport-Land.

Reinhold Pühringer

Nach zwei Wochen in St. Christoph am Arlberg bekam er allerdings die Rechnung dafür präsentiert: „Ich war gekündigt. Fristlos.“

Davon ließ sich Seisenbacher aber nicht abschrecken und holte im wegen der Olympischen Spiele ausgedünnten EM-Starterfeld überraschend Silber, was das direkte Olympia-Ticket bedeutete. „Und dabei war ich eigentlich nur ein 20-jähriger Lehrling gewesen, der fünfmal in der Woche am Abend Judo trainiert“, schmunzelt er.

Per Marschbefehl in die Hölle

Nach EM-Silber ging es Schlag auf Schlag. Ohne jemals eine Grundausbildung beim Heer genossen zu haben, wurde er und einige andere der unverhofften Olympia-Judoka („Wir waren alle fast gleich alt.“) in die HSNS (heute HSZ) aufgenommen und per Marschbefehl vom Ministerium gleich in ein Trainingslager nach Japan geschickt.

Die Erinnerungen an den ersten Japan-Trip sind nach wie vor taufrisch, weil sie so furchtbar waren.

„Es war Anfang Juli und ich weiß noch, dass es furchtbar heiß war. Dort wurden wir sechs Wochen lang durch den Kakao gezogen. Die haben mich gehaut – es war unglaublich.“

„Wieso fahren diese Trottel?“

Schon nach der ersten dreistündigen Trainingseinheit war das ÖJV-Team fix und fertig. „Dann haben sie uns hingestellt und George hat uns vorgestellt: Das ist die österreichische Olympia-Mannschaft. Auf der anderen Seite der Halle sind hundert Japaner gestanden, von denen gerade einmal drei zu den Spielen gefahren sind. Die anderen 97 müssen sich gedacht haben: Wieso fahren diese Trottel da drüben und wir nicht?“, erzählt er lachend.

Diese Hölle auf Erden dauerte sechs Wochen. Danach waren Seisenbacher und Co. sowohl physisch als auch psychisch stehend k.o.. „Ich war so weit, dass ich mich geniert habe, dass ich zu den Olympischen Spielen fahren darf. Die machen alle viel besser Judo als ich und müssen daheim bleiben. Ich war gebrochen.“

Nichtsdestoweniger ging es mit dieser Ausgangslage nach Moskau. Das Ergebnis war verheerend. Dem ganzen Team gelang in Summe nur ein einziger Kampfgewinn. „Und das war Franz Berger, der als 95-Kilo-Kämpfer in der ersten Runde der All-Kategorie gegen einen Syrer drangekommen ist, der eigentlich bis 80 kg kämpft.“ Mit einem Wort: blamabel.

Unlustiger Urlaub

Doch der Schande nicht genug, wurde auf die am Boden liegenden Judoka auch noch eingetreten – und das aus den eigenen Reihen.

„Auf der Rückreise hat uns Heinz Jungwirth (damals ÖOC-General, Anm.) in der Zeitung öffentlich niedergemacht. Dass wir nur Urlauber sind und was weiß der Teufel, was er uns noch alles geheißen hat. Dabei hatte ich mich zuvor so gequält wie in meinem ganzen Leben noch nicht.“

Der Stachel der Enttäuschung saß tief. „Als ich wieder daheim war, wusste ich zwei Dinge. Erstens: In Japan spielt die Musik, dort will ich wieder hin. Und zweitens werde ich nie wieder im Leben zu einem Turnier fahren und mich danach Urlauber schimpfen lassen.“

Schlüsselerlebnisse auf dem Weg zu Gold

Doch die nach der Heim-EM entfachte Euphorie war nach den deprimierenden Spielen verpufft. Präsident Kurt Kucera wollte nichts mehr wissen von den teuren Japan-Trips.

Seisenbacher ließ aber nicht locker, trieb sich das Geld selbst auf. „Mithilfe meines Vaters bin ich bei der Sporthilfe vorstellig geworden. Der Generalsekretär hat mich aus dem Aktionsbudget, welches neu eingeführt wurde, finanziert. Heute ist das bei Spitzensportlern Gang und Gebe. Damals hat das begonnen.“

Die dadurch ermöglichten Reisen in den fernen Osten zeigten Wirkung. Bei den Europameisterschaften 1982 (7.), 1983 (2.) und 1984 (3.) landete er im Vorderfeld.

Das für seinen ersten Olympia-Sieg ausschlaggebende Aha-Erlebnis hatte er aber bei der WM 1983. Zwar musste er sich auf seinem Weg zu Platz fünf Fabien Canu (FRA) und Seiki Nose (JPN) geschlagen geben, doch die Niederlagen hatten etwas Positives: „Nach der Analyse habe ich plötzlich gewusst, wie ich gegen die beiden kämpfen muss. Bei den Spielen ein Jahr später bin ich wieder auf beide getroffen. Es waren meine Schlüsselkämpfe auf dem Weg zu Gold.“

Seine insgesamt fünf Kämpfe gewann er in einer Gesamtzeit von lediglich 12 Minuten und 10 Sekunden.

Schlafen statt Pressekonferenz

Im Alter von nur 24 Jahren stand Seisenbacher plötzlich ganz oben. „Das Leben hat sich natürlich verändert dadurch“, erinnert sich der mittlerweile zweifache Vater. Eine Menge neuer Dinge sind auf ihn hereingebrochen.

„Mit Medien zum Beispiel habe ich mich noch nicht ausgekannt. Am Tag nach dem Olympiasieg haben wir lange geschlafen. Da waren alle schon ganz hektisch, haben uns gesucht. Nur durften die Journalisten halt nicht ins Olympische Dorf. Die haben erwartet, dass wir eine Pressekonferenz geben, aber wir haben einfach geschlafen, weil wir es nicht besser gewusst haben.“

Mit der Rückkehr nach Wien ging der Alltag aber wieder weiter. Die Planung für die nächsten Turniere und Trainingslager standen an. „Schließlich war ich erst 24, da denkst du noch nicht ans Aufhören.“ Um die Finanzierung der Japan-Reisen brauchten sich er und seine Teamkollegen – Josef Reiter (bis 65 kg) hatte Bronze geholt – aber nun keine Sorgen mehr zu machen.

Besonderes Augenmerk liegt auf der Klasse bis 90 kg, die 2004 und 2008 jeweils an Georgien ging und in der mit Varlam Liparteliani die aktuelle Nummer zwei der Welt ins Rennen geschickt wird.

„Er hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren technisch sehr gut entwickelt. Er hat die Camps in Japan und Korea genützt, um sein Repertoire zu vervollständigen. Ob er sich aber in London gegen Ilias Iliadis (Nummer eins der Welt aus Griechenland; Anm.) und die anderen Kaliber durchsetzen wird können, wird sich weisen“, so Seisenbacher über den 23-jährigen Europameister, der in der heimischen Bundesliga-Saison bereits für das UJZ Mühlviertel auf der Matte stand.

Wohl keine Zukunft mehr

Eine Verlängerung seines Engagements in Georgien scheint aus heutiger Sicht unwahrscheinlich.

„Sie haben selbst acht bis zehn Funktionäre, die große Erfolge als Kämpfer mitbringen. Als sie mich damals geholt haben, herrschte wegen der Regelumstellung (Verbot der direkten Beingreifer; Anm.) eine große Verunsicherung. Die verschiedenen Klans vertrauten einander nicht mehr, wollten keinen Teamchef eines anderen Klans zum Zug kommen lassen.“

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