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"Bronze war die Krönung meiner Schwimm-Karriere"

Ein Karriere-Ende sorgt für weniger Stress. Möchte man meinen.

Mirna Jukic sieht das wohl anders. Die 26-Jährige, die 2009 ihren Schwimm-Anzug an den vielzitierten Nagel hing, hetzt nachwievor von Termin zu Termin.

Als sie sich mit LAOLA1 auf der Wiener Mariahilfer-Straße trifft, wirkt sie leicht gestresst. "Ich komme gerade von einem Projekt und soeben hat mich jemand wegen eines anderen Termins angerufen", hat Jukic das Leben in der Öffentlichkeit offensichtlich nicht losgelassen.

Man kennt sie halt. Daran haben auch ihre - zumindest an jenem Tag - knallgelb gefärbten Fingernägel nichts geändert.

Nutella hilft immer

Unweit ihrer Abdrücke auf der Straße der Sieger ("Da ich auch damals keine Schwimm-Häute hatte, sind die Hände noch immer gleich groß") gelingt es ihr schließlich bei einem Nutella-Eisbecher, etwas runterzukommen, um sich mit den von LAOLA1 ausgewählten Bildern auf eine Zeitreise in das Jahr 2008 einzulassen.

Mit ihrem damaligen dritten Platz über 100 m Brust war Jukic die erste österreichische Olympia-Medaillen-Gewinnerin seit 1912. Trotz Bronze zweifelsohne ein "Golden Moment" in der rot-weiß-roten Olympia-Historie:

LAOLA1: Mirna, auf dem ersten Foto, jenem von der Eröffnungsfeier, bist du gar nicht drauf.

Mirna Jukic: Weil ich nicht dabei war. Ein Schwimmer ist nie bei der Eröffnungsfeier. Außer er schwimmt am allerletzten Tag. Ich hatte am zweiten Tag meinen Start. Ich habe einfach viel zu lange dafür trainiert, als dass ich mir das dann durch die Eröffnungsfeier versaue. Letztendlich habe ich sie mir vor dem TV angesehen. Die ganze Warterei im Infield wollte ich mir nicht antun. Außerdem bekommt man im Fernsehen ohnehin mehr mit. Es wäre halt um das Erlebnis gegangen.

LAOLA1: An dieses Bild wirst du dich wohl noch sehr gerne erinnern?

Jukic: Ja, da blickt man gerne zurück (lacht). Schön war’s! Es klingt blöd, aber man ist es halt gewohnt, wenn man eine Medaille gewinnt, dass da 7.000 Fotografen stehen und knipsen. Bei Olympia war das aber noch viel extremer. Wenn du bei der Siegerehrung diese Runde marschierst, jubelt dir jeder zu, jeder will ein Foto mit dir haben. Das Coole bei Olympia ist, dass die Leute nicht nur vom Sieger ein Foto wollen, sondern von allen drei. Eine Olympia-Medaille ist schließlich schon etwas ganz Besonderes. Da sieht man auch, wie ich gestrahlt habe. Im Endeffekt realisiert man das erst Jahre später.

LAOLA1: Würdest du diesen Tag als glücklichsten deines bisherigen Lebens bezeichnen?

Jukic: Nein, das wäre blöd. Glückliche Tage hat es sehr viele gegeben. Es war vielmehr der Tag, an dem meine Schwimm-Karriere eine Krönung bekommen hat. Für diese Medaille habe ich seit meinem zehnten Lebensjahr gearbeitet. Die Bronzene stellt nicht alles andere in den Schatten, aber es ist das Tüpfelchen auf dem i. Da weißt du: Die 13 Jahre waren nicht umsonst.

LAOLA1: Wo bewahrst du die Medaille auf?

Jukic: Zu Hause in der Box, die wir dazu bekommen haben. Sonst wird sie ja staubig. Ich räume sie nur raus, wenn jemand zu Gast ist, der sie unbedingt sehen will. In einer Vitrine aufstellen möchte ich sie zumindest jetzt noch nicht. Außerdem habe ich auch Angst, dass irgendjemand in die Wohnung einbricht und sie fladert (lacht). Nein, im Ernst: Sie hat schon ihren besonderen Platz, aber was wirklich zählt, sind die Erinnerungen.

LAOLA1: Welche Zeit würdest du heute schwimmen?

Jukic: Ich habe keine Ahnung, wahrscheinlich 1:30 (lacht). Ich glaube, wenn ich ein paar Monate trainieren würde, könnte ich bestimmt noch einmal unter 1:20 schwimmen. Längerfristig wären auch weniger als 1:10 drinnen. Aber dazu fehlt wohl die nötige Kondition und Kraft.

LAOLA1: Schaust du noch öfter im Schwimm-Training vorbei?

Jukic: Nur selten. Nach meinem letzten Rennen 2009 habe ich begonnen abzutrainieren. Denn einfach so aufzuhören, wäre ein zu großer Schock für meinen Körper. Ich wollte aufhören, wenn es am schönsten ist und so, dass ich danach noch Lust habe, ins Schwimmbad zu gehen. Nicht, dass es mich ankotzt, das Wasser zu riechen. Auch wenn ich momentan kaum Zeit habe, schnappe ich mir manchmal meine Sachen und gehe ins Bad. Nach einer Stunde wird mir meistens aber etwas langweilig, einfach weil ich keine Trainingsübungen habe. Meinen Vater will ich damit natürlich auch nicht belästigen.

LAOLA1: Weißt du noch Details vom Renntag? Beispielsweise was du gefrühstückt hast?

Jukic: Keine Ahnung, wahrscheinlich habe ich dasselbe gefrühstückt, wie sonst auch immer vor einem Rennen: Müsli mit Milch, etwas Brot und vielleicht ein Ei. Ich weiß, dass ich relativ früh aufgewacht bin, weil das Finale in der Früh war. Der Wecker hat deshalb schon um 6:15 Uhr geläutet. Nach dem Frühstück um sieben gings ins nahegelegene Bad. Beim Einschwimmen habe ich mir gesagt: Du bist mit der zwölftbesten Zeit im Feld hergekommen, bist im Semifinale als Dritte weitergekommen, aber das heißt noch lange nichts. Ich habe versucht, mich auf mich selbst zu konzentrieren, mein Rennen zu schwimmen.

LAOLA1: Weißt du noch deine Zeit zu Bronze?

Jukic: Na klar, 1:07,34 Minuten und die Vierte hatte 1:07,43. So etwas vergisst man nicht (grinst).

Land Minuten
1. Leisel Jones AUS 1:05,17 (OR)
2. Rebecca Soni USA 1:06,73
3. Mirna Jukic AUT 1:07,34
4. Yuliya Yefimova RUS 1:07,43
5. Megan Jendrick USA 1:07,62
6. Tarnee White AUS 1:07,63
7. Sun Ye CHN 1:08,08
8. Asamai Kitagawa JPN 1:08,43

LAOLA1: Nächstes Bild. Stimmt es, dass deine Mutter bei Wettkämpfen fast nie dabei war?

Jukic: Ja, meine Mutter war nur bei kleinen Rennen, als ich noch ein Kind war, dabei. Vor Peking war ich mir noch nicht sicher, ob ich danach jemals wieder bei Olympischen Spielen an den Start gehen werde. Da mein Bruder und ich qualifiziert waren, haben wir uns zusammengesetzt. Ich wollte, dass Mama zum ersten Mal in ihrem Leben bei einem Großereignis mit dabei ist. Schließlich ist Olympia etwas, das nicht jeden Tag ist. Ich habe mich um alles gekümmert, dass sie mitkommen kann. Sie war sehr glücklich, dabei sein zu können und ich war sehr glücklich, diesen Moment mit der ganzen Familie teilen zu können.

LAOLA1: Was ist dir von den Feierlichkeiten im Österreich-Haus in Erinnerung geblieben?

Jukic: Das Bild war vom Tag, an dem ich die Medaille gewonnen habe. Ich musste noch einmal wiederkommen, da ich ja noch die 200 m Brust geschwommen bin. Erst danach wollten wir richtig feiern. Da haben sie dann extra Kaiser-Schmarr'n für mich gekocht.

LAOLA1: Weil Kaiser-Schmarr'n deine Leibspeise ist?

Jukic: Nein, als ich gefragt wurde, was sie für mich kochen sollten, hat plötzlich irgendjemand Kaiser-Schmarr'n gerufen. Ich war einverstanden.

LAOLA1: Weg vom Jubel, hin zu deinem zweiten Rennen...

Jukic: Das Bild war nach den 200 m Brust, die haben unglaublich wehgetan. Die letzten paar Meter waren die Hölle. Dann habe ich noch diesen Vierer vor meinem Namen gesehen. Da habe ich mir gedacht: Na bist du deppat, auch das noch! Dazu war das auch noch so knapp (22 Hundertstel hinter der Bronzenen Nordenstam/NOR; Anm.). Als ich draußen aus dem Becken war, wusste ich aber, dass ich alles gegeben habe. Ich habe nicht einmal gescheit raussteigen können, weil mir alles wehgetan hat. Im Endeffekt war ich froh, dass ich eine Medaille hatte. Eine zweite hätte es werden können. Schlussendlich war es dann nicht so tragisch für mich, wie es hier in dieser Sekunden-Emotion wirkt.

LAOLA1: Dieses Bild zeigt die Schlussfeier. Was weißt du noch davon?

Jukic: Wir mussten zunächst sehr lange in den Katakomben warten. Irgendwann haben einige angefangen, sich mit den Wasserflaschen gegenseitig abzuspritzen. Zur Abkühlung, weil es extrem heiß war. Die Schlussfeier ist viel chilliger als die Eröffnung, weil du erstens in der Freizeitkleidung gehen darfst und zweitens gibt es keine so fixe Einteilung, man geht einfach so quer durch. Wir standen mit den Dänen zusammen, bei denen eine Radfahrerin ganz schlimme Schürfwunden von einem Sturz hatte. Ich erinnere mich noch, weil sie tolle Socken mit „Denmark“ drauf anhatte. Derartige Bekanntschaften habe ich noch reichlich gemacht. Leider Gottes waren es so viele, dass ich von 80 Prozent wieder die Namen vergessen habe.

LAOLA1: Wie war der Einmarsch ins Stadion?

Als wir rausmarschiert sind, war es sehr beeindruckend, wie viele Leute in dem riesigen Stadion waren. Und alle haben gejubelt. Irgendwann haben sie auf einer riesigen Leinwand im Stadion Bilder der jeweiligen Tage gezeigt. Bei den Bildern war eines dabei, wo ich Leisel (Jones/AUS; Anm.) noch im Wasser umarme. Da oben drauf zu sein, war schon verdammt cool.

LAOLA1: Das letzte Bild war dann schon in Wien...

Jukic: Wir sind direkt vom Flughafen zum Rathausplatz gefahren worden. Dort hatten wir eine Präsentation. Wäre nicht gerade das Wiener Filmfestival gewesen, wäre wahrscheinlich die Hälfte der Leute ohnehin nicht dort gewesen. Es war also relativ mager besetzt.

LAOLA1: Obwohl du die Jüngste aus diesem Trio bist, sind Violetta Oblinger-Peters und Ludwig Paischer nach wie vor aktiv. Juckt es nicht doch noch manchmal?

Jukic: Zu vielleicht sogar vier Olympischen Spielen zu fahren, war für mich nie ein Thema. Jetzt bin ich 26, das Leben liegt noch vor mir. Ich will viel erleben und mich selbst unabhängig vom Schwimmsport finden und definieren. Ich will nicht, dass ich nur als Schwimmerin wahrgenommen werde. Es gibt viele Sachen, die ich kann. Einige habe ich noch nicht einmal entdeckt. Ich studiere, bin gut in organisatorischen Dingen, arbeite an vielen Projekten mit Kindern mit. Es gibt leider viel zu viele Sportler, die aufhören und in ein tiefes Loch fallen, weil sie nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Das soll mir nicht passieren.

Das Gespräch führte Reinhold Pühringer

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