Die Geschichte der "Gazelle"

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Die unglaubliche Geschichte der "Gazelle"

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Die Ärzte rechneten nicht damit, dass Wilma Rudolph jemals normal gehen würde, 15 Jahre später rannte sie bei den Olympischen Spielen drei Mal zu Gold.

Die US-Amerikanerin rang als Kind mehrfach mit dem Tod. Doch sie gewann, so aussichtlos ihr Kampf manchmal auch erscheinen mochte.

Ein kränkliches Frühchen

Bereits bei ihrer Geburt war das 20. von 22 Kindern, die ihr Vater mit zwei Frauen hatte, ein Sorgenkind. Ein Frühchen, gerade einmal zwei Kilo schwer, als es das Licht der Welt erblickte.

Ihr Geburtsort Clarksville, Tennessee, war in den 1940er Jahren eine Kleinstadt, in der es um die medizinische Versorgung für Schwarze denkbar schlecht stand. Lediglich ein schwarzer Arzt stand zur Verfügung, die Rassentrennung ließ es nicht zu, dass weiße Doktoren die kleine Wilma untersuchten.

Dabei benötigte sie ständig ärztliche Hilfe. Während ihrer ersten Lebensjahre erkrankte sie an Feuchtblattern, Keuchhusten, Scharlach und mehreren Lungenentzündungen. Doch das Kind hielt durch, praktisch ständig ans Bett gefesselt, aber am Leben.

Diagnose: Nie wieder gehen

Im Alter von fünf Jahren die nächste Hiobsbotschaft. In Folge einer Kinderlähmung verformte sich ihr linkes Bein mehr und mehr, war nicht mehr zu gebrauchen.

„Die Ärzte sagten, ich würde nie wieder gehen können. Meine Mutter sagte, ich würde. Ich glaubte meiner Mutter“, erinnerte sich Rudolph. Doch daran war vorerst gar nicht zu denken. Eine Metallschiene und Krücken waren fortan ständige Begleiter.

Doch die Familie hielt zusammen, tat alles für die kleine Wilma. Ihre Geschwister massierten mehrmals täglich ihr Bein, um die Blutzirkulation aufrecht zu erhalten, ihre Mutter fuhr sie einmal in der Woche 80 Kilometer weit zu Behandlungen in ein schwarzes Medizin-College.

In Rom stand Rudolph ganz oben

Er sollte Recht behalten. Denn Rudolph war gerade erst 16 Jahre alt, als sie mit zu den Olympischen Spielen 1956 nach Melbourne flog.

Dort errang sie mit der 4x100-Meter-Staffel die Bronzemedaille. Ein grandioser Erfolg für ein Mädchen, das fünf Jahre zuvor noch nicht einmal ohne fremde Hilfe gehen konnte. Doch es war erst der Anfang.

Schneller als der Wind

Vier Jahre später pulverisierte sie bei den US-Meisterschaften den Weltrekord über 200 Meter. In 22,9 Sekunden lief sie als erste Frau unter 23 Sekunden und verbesserte die bisherige Bestmarke um sagenhafte drei Zehntelsekunden.

Bei den Olympischen Spielen in Rom 1960 wurde sie ihrer Favoritenrolle gerecht. Obwohl sie sich am Vorabend des 100-Meter-Finales den Knöchel verstauchte, triumphierte sie in eindrucksvoller Manier. Der Weltrekord von 11,0 Sekunden wurde allerdings nicht anerkannt, weil der Rückenwind zu stark war. „War ich nicht schneller als der Wind?“, lachte die damals 20-Jährige.

Auch über die 200 Meter lief sie in der italienischen Hauptstadt als Erste über die Ziellinie. Abermals war ihr Vorsprung riesig. Das dritte Gold holte Rudolph mit der 4x100-Meter-Staffel. Alle vier Frauen studierten an der Tennessee State University.

Der Gouverneur beugt sich der Gazelle

Die dreifache Olympiasiegerin betonte, dass das ihr schönster Sieg sei, weil sie mit ihren Freundinnen auf dem Podest stehen könne. Doch die Welt hatte nur Augen für sie. „La Gazzella Negra“, die schwarze Gazelle, nannte sie die italienische Presse. Ihre Anmut, Eleganz und Grazie verzauberte das Publikum.

Nicht weniger entzückt waren die Fans in ihrer Heimat. Die Spiele von Rom waren die ersten, die flächendeckend im TV übertragen wurden, Rudolph war über Nacht auch in ihrer Heimat zum Superstar geworden.

Das schrie natürlich nach einer Parade, wie das für amerikanische Helden so üblich ist. Doch der Gouverneur von Tennessee hatte die Rechnung ohne die Athletin gemacht. Denn diese stellte eine Bedingung: Wenn für meinen Empfang nicht die Rassentrennung aufgehoben wird, nehme ich nicht daran teil. Zähneknirschend stimmte der Politiker zu, erstmals in Clarksville konnten Schwarze und Weiße Seite an Seite feiern.

„Am schwierigsten war, dass ich von anderen gehänselt wurde und nicht tun konnte, was sie taten“, sagte sie einmal. Ihre Eltern und Geschwister unterrichteten sie daheim, auch sonst kam sie nur selten aus dem Haus.

Die überraschende Erlösung

Im Alter von zwölf Jahren geschah, womit die Mediziner kaum noch gerechnet hatten. Wilma konnte gehen. Ohne Hilfsmittel, aufrecht und schmerzfrei.

Und sie hatte einiges nachzuholen. Das Mädchen hüpfte, lief, sprang, stürmte, sprintete und flitzte in der Gegend umher. Sie war in ihrem bisherigen Leben genug gelegen und gesessen, ab sofort war Bewegung angesagt.

Besonders tat es ihr Basketball an. Ihr Bruder hatte im Hof einen Korb aufgehängt. Freilich keinen richtigen Basketballkorb, die Familie kleidete ihre Kinder wegen Geldproblemen bisweilen mit Mehlsäcken, die die Mutter adaptiert hatte, ein.

Ihre Fortschritte im Basketball waren immens, bald zählte sie zu den besten Highschool-Spielerinnen in Tennessee. Weil sie klein, aber flink war, bedachte sie ihr Coach mit dem Spitznamen „Skeeter“ (Stechmücke).

Olympia-Medaille mit 16

Eines Tages entdeckte Ed Temple, Leichtathletik-Trainer an der Tennessee State University, den Teenager und bescheinigte ihm eine Menge Talent.

Briefmarken erinnern an sie

Bis zu ihrem Tod sollte sich die Sportlerin in der Bürger- und Frauenrechts-Bewegung engagieren. Ihre Karriere dauerte indes nicht mehr lange. Nur zwei Jahre nach ihrem Olympia-Triumph hängte sie, gerade einmal 22 Jahre alt, die Sportschuhe an den Nagel.

Das frühe Karriereende

Bei einem Wettkampf zwischen den USA und der Sowjetunion traf sie diese Entscheidung. Im Staffelbewerb war sie, wie sonst auch immer, als Schlussläuferin dran. Die Osteuropäerinnen lagen in Front.

„Ich war irgendwie nicht mehr mit dem Herzen dabei. Also habe ich mir gesagt: Wenn ich sie einhole, höre ich danach auf, wenn nicht, muss ich bis zu den nächsten Spielen laufen“, blickte sie zurück. Sie gewann das Rennen. Und beendete ihre Karriere.

Anschließend arbeitete Rudolph als Lehrerin, Trainerin und gelegentlich auch als Co-Kommentatorin im TV. Zudem hielt sie an diversen Universitäten Vorträge. Sie heiratete zwei Mal und brachte vier Kinder auf die Welt.

Im Alter von 54 Jahren wurde ein Gehirntumor diagnostiziert. Sie kämpfte erneut mit dem Tod. Diesmal war ihr der Sieg nicht mehr vergönnt.


Harald Prantl

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