Aufmacherbild

Kohei Uchimura - Ein Leben auf dem Spielplatz

Seine Bewegungen: anmutig. Seine Haltung: schlichtweg perfekt. Seine Landung, die einer Katze.

Es sieht einfach aus, wenn sich Kohei Uchimura Salti-schlagend durch die Luft schwingt oder behände über das Pauschenpferd manövriert. Doch genau hinter jener Leichtigkeit verbirgt sich wohl die eigentliche Kunst.

In einer Sportart, in welcher die Athleten zweifellos als Virtuosen der Körperbeherrschung bezeichnet werden können, ist der kleine Japaner das Nonplusultra.

In einer eigenen Liga

Dank seiner unnachahmlichen Art zu turnen setzte sich Uchimura 2011 bei den Heim-Weltmeisterschaften in Tokio mit 93.631 Punkten die Mehrkampfkrone auf.

Nach 2009 und 2010 war es bereits sein dritter Streich. Etwas, das noch nie einem Turner zuvor gelungen war. Zwar war dies vorangegangen Generationen kaum möglich gewesen, da in früheren Jahren (Ausnahme 1991-1997) die Welt-Titelkämpfe nicht jährlich ausgetragen wurden, nichtsdestoweniger ist Uchimura erst 23 Jahre alt, weshalb das Ende der Fahnenstange wohl noch nicht erreicht sein muss. Zumal seine Überlegenheit beeindruckend ist.

Bei der WM in Tokio betrug sein Vorsprung auf den zweitplatzierten Philipp Boy (GER) 3.101 Punkte. In etwa der gleiche Abstand bestand zwischen Boy und Rang 14.

In Peking vom Lieblingsgerät gefallen

Für die Olympischen Spiele in London kann der Favorit nur Uchimura lauten. Der kleine Mann, der in Nagasaki geboren wurde, ist allerdings ein Leisetreter, großspurige Ansagen sind nicht sein Stil. „Ich denke nicht, dass ich in London gewinnen kann“, meint er gegenüber dem „International Gymnast Magazine“.  Seine etwas eigenartige Begründung folgt auf dem Fuß: „Ich habe komplett vergessen, dass ich Weltmeister bin.“

Mit Olympia hat er noch eine Rechnung offen. In Peking fiel er als 19-Jähriger zweimal vom Pauschenpferd – seinem Lieblingsgerät. Dennoch holte er hinter dem damals alles überstrahlenden Yang Wei (CHN) Silber. „In dieser Situation noch Silber zu gewinnen, hat mich sehr glücklich gemacht“, analysierte er damals in den „Japan Times“.

Für London ist nun Gold das erklärte Ziel, allerdings nicht im Einzel-Mehrkampf, sondern mit der Mannschaft, mit der er 2008 hinter China ebenfalls Silber holte. „Bei den Spielen zählt die Mannschaft alles.“

Nie wirklich zufrieden

In London geht es für Uchimura nicht nur um Medaillen, es geht vielmehr um Perfektion. Der Stilist treibt den Schwierigkeitsgrad seiner Übungen immer weiter nach oben. Dabei ist er selbst sein größter Kritiker.

Als etwa die Presse den Jungstar nach dessen erstem WM-Titel aufforderte, seine Leistung auf einer Skala von 1 bis 100 einzuschätzen, antwortete er mit „50“.

Auf dem persönlichen Spielplatz

Erstaunlich, dass ihn trotz seiner selbstkritischen Haltung die Leichtigkeit nie abhandengekommen ist. Verantwortlich dafür ist sein Zugang zum Turnen.

Mit drei Jahren begann Uchimura im Gym seiner Eltern mit dem Turnsport. Für ihn war es sein Spielplatz. „Seitdem ich begonnen habe zu spielen, ist das Gefühl, dass Turnen interessant und lustig ist, in mir entstanden. Das ist auch, warum ich noch heute glaube, dass ich das Turnen für immer lieben werde“, erklärt Uchimura.

Zum Sport gedrängt wurde er nie. „Mein Vater wollte lediglich, dass ich den Sport genieße.“ Das ist offenbar gelungen.

Der dickköpfige Nestflüchter

Dennoch war es für Uchimura eines Tages an der Zeit, das heimische Nest zu verlassen, um den nächsten Schritt zu wagen. Mit 15 entschied er sich, nach Tokio zu siedeln, um an der Nippon Sport Science University unter dem zweifachen Olympia-Starter Yoshiaki Hatakeda (1992, 1996) zu trainieren.

Die Eltern waren keineswegs erfreut darüber. „Zunächst waren sie dagegen“, erinnert sich Uchimura. „Aber ich war ein Kind, das nie auf jemanden gehört hat, wenn es sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat.“

Die Messlatte neu anlegen

Im neuen Umfeld konnte er zum besten Turner der Gegenwart reifen, der seinen Sport auf ein neues Level heben möchte. Doch dazu bedarf es seiner Meinung nach eines neuen Benotungssystems. Das aktuelle honoriere zu wenig das Außergewöhnliche.

„Ich denke, schöne Darbietungen können Menschen – auch jene, die sich nicht so gut mit Turnen auskennen – bewegen. Damit sie sagen: Wow! Ich möchte deshalb mehr Darbietungen sehen, die die Herzen der Menschen berühren.“

Freilich würde ein derartiges Benotungssystem derzeit vor allem ihm zu Gute kommen.

Im übertragenen Sinn

Die Olympischen Spiele in London könnten für Uchimura zu einer Art Erfüllung werden. Nicht nur in Bezug auf das fehlende Mosaik-Steinchen in seiner Medaillen-Sammlung, sondern auch in Bezug auf seinen Vornamen Kohei.

„Mir wurde erklärt, dass Hei von TaiHeiYou (Pazifischer Ozean; Anm.) stammt und Kou Überqueren bedeutet“, weiß Uchimura.

So richtig gestellt habe er sich diesem innewohnenden Schicksal aber noch nicht. „Ich habe ein klein wenig Angst, dass ich bisher nicht danach gelebt habe.“

Somit könnte London seine ganz persönliche Ozean-Überquerung werden.

Reinhold Pühringer

Mehr zum Thema Zum Seitenanfang»