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"Ein Top-Mann ist mit Sicherheit bei mir"

Das Quietschen der Sohlen schallt durch die Halle. Vor, zurück. Links, rechts.

Österreichs Badminton-Team quält sich. Die Sonne prasselt auf das Hallen-Dach, drinnen hat es geschätzte 35 Grad. Doch darauf kann keine Rücksicht genommen werden, schließlich stehen die Olympischen Spiele vor der Tür.

„Drei T-Shirts schwitze ich pro Einheit voll“, schnauft Michael Lahnsteiner in einer kurzen Trinkpause zwischen zwei Trainings-Matches. Der 28-Jährige und Simone Prutsch werden erstmals seit Atlanta 1996 Österreichs Badminton-Sport wieder bei Olympia vertreten.

„Nach 16 Jahren der nächste Österreicher zu sein, der sich qualifiziert hat, hat schon eine ganz besondere Bedeutung“, ist der Ebenseer im Gespräch mit LAOLA1 auch ein klein wenig stolz.

Visum für Kängurus

Um das Ticket zu realisieren, stellte sich Lahnsteiner einen ausgeklügelten Turnier-Plan zusammen. Anstatt bei den großen Highlights, wo alle Stars auf Punktejagd gehen, zu starten, konzentrierte er sich auf kleinere Events, wo er dafür umso weiter nach vorne kam. „Das ging voll auf“, schildert die Nummer 33 der bereinigten Weltrangliste, deren erste 38 sich für London qualifizierten.

Die Schattenseite der Lahnsteiner-Taktik: das viele Reisen. „Einige Male bin ich von einem Kontinent nur zum Schlafen und Sachenwechseln nach Hause gekommen, um am nächsten Tag gleich auf einen anderen Kontinent zu fliegen“, schildert das Leichtgewicht, dessen Freundin oft nur als Chauffeurin herhalten musste.

Doch wer eine Reise macht, hat auch etwas  zu erzählen, so auch im Falle Lahnsteiners, bei dem nicht immer alles glatt ging. „Als ich etwa von Guatemala-City weiter nach Sao Paolo fliegen wollte, hat mich die Checkin-Dame wegen eines fehlenden Visums aussortiert“, erzählt Lahnsteiner.

Der Österreicher reagierte verdutzt: „Schließlich war ich mir absolut sicher, dass ich von Guatemala nach Brasilien kein Visum brauche.“ Doch das Fräulein kannte keine Gnade. „Ich war kurz vor dem Verzweifeln, weil es bereits Nacht war und ich keine Schlafgelegenheit hatte.“

Simone Prutsch qualifiziert sich mit 33 Jahren für ersten Spiele

„Bereits vor vier Jahren habe ich die internationalen Kriterien erfüllt, bin letztendlich aber vom nationalen Verband nicht berücksichtigt worden“, so Prutsch, die mit der endgültigen Planung zuwarten wollte, bis ihr Ticket endgültig fix war.

In London bekommt sie es erst am Dienstag mit Cheng Shao-chieh aus Taipei zu tun. Dies sollte ebenfalls eine lösbare Auftakthürde sein.

Die 33-Jährige, die nach den Spielen auf alle Fälle weitermachen möchte, muss sich im Maxx-Center im 21. Wiener Bezirk, dem Stützpunkt des Nationalteams, vorwiegend mit männlichen Kollegen matchen. Ein hartes Brot. Bringt das auf dem Weg nach London den gewissen Bonus-Effekt?

„Nicht ganz. Auf der einen Seite ist es gut, mit Männern zu trainieren. Allerdings kommen mit Frauen andere Spielsituationen zustande, weshalb es sehr wichtig ist, gleichwertige Trainingspartnerinnen zu haben“, erklärt Prutsch, die deshalb heuer bereits zweimal für eine Woche nach Dänemark flog.

„Die beste Österreicherin“

Kurios, dass Prutsch nicht die bestplatzierte Österreicherin in der Weltrangliste ist. Dies ist nämlich Claudia Mayer, die sich allerdings standhaft weigert, gemeinsam mit dem Rest des Nationalteams zu trainieren, weshalb der ÖBV sie für die Spiele auch nicht berücksichtigte.

„2008 haben wir allen Spielern klargemacht, welchen Weg wir gehen. Dieser Linie sind wir treu geblieben“, verdeutlicht Teamchef John Dinesen, dass sich Mayer der Konsequenzen von vorne herein bewusst sein musste.

John Dinesen führt das ÖBV-Team an

Der Däne, der in London sein Olympia-Debüt feiert, habe sich mit Absicht nicht an der Diskussion beteiligt. „In dieser Sache ist eigentlich schon alles gesagt. Wir haben keine Zweifel, dass wir die beste österreichische Spielerin zu den Spielen schicken.“

Dass erstmals nach 16 Jahren Österreichs Badminton wieder olympisch ist, sieht er naturgemäß als Bestätigung des eingeschlagenen Kurses. „Bei einer Zentralisierung wird es immer Gegner geben, aber das ist nun mal der Weg, den wir als ÖBV für richtig halten.“

Leichtes Lüftchen

Dinesen begab sich mit seinen Schützlingen bereits am Montag nach London, um sich auf die dortigen Begebenheiten einstellen zu können.

Denn gerade bei Überkopf-Sportarten ist ein Gewöhnen an die Wettkampf-Halle von großer Bedeutung, um sich während der Matches bestmöglich orientieren zu können.

„Wir kennen die Halle bereits von der WM im Vorjahr“, so Lahnsteiner. „Damals habe ich mich dort recht wohl gefühlt.“ Was ihm Erinnerung geblieben ist, waren die Luftströmungen. „Durch die Klima-Anlage herrscht ein leichter Wind.“

Vielleicht schraubt dieser zumindest den T-Shirt-Verbrauch etwas herunter.

Reinhold Pühringer

Als dann ein slowenischer Badminton-Kollege problemlos eincheckte, war Lahnsteiners Verwunderung noch größer.

„Ich fragte sie, warum er keines braucht, aber ich schon. Darauf meinte sie schon ein wenig genervt: ‚Because he is Slovenian and you Australian‘“, kann Lahnsteiner mittlerweile schon wieder darüber lachen.

Gesetzte Stars

Doch nicht nur in Guatemala-City ist Lahnsteiner ein Unbekannter. Auch für das Olympische Turnier in London gilt er zumindest im Vorfeld nur als Randerscheinung. „Es gibt halt schon einige, die um vieles zu stark sind. Dann einige, die ich an einem guten Tag schlagen kann und auch einige, gegen die ich auch gewinnen sollte.“

Naheliegend, dass viel auf die Auslosung ankommen wird. Die Top-16 werden in acht Zweier- und acht Dreier-Gruppen gesetzt.

„Einen Top-Mann hast du also mit Sicherheit bei dir“, so Lahnsteiner, der in einer Dreier-Gruppe am Samstag zunächst auf Raul Must trifft. In der Weltrangliste liegt er elf Plätze vor dem Esten. "Die Chancen stehen 50:50."

Der besagte Top-Mann wartet mit dem Weltranglisten-Sechsten Simon Santoso aus Indonesien im zweiten Gruppen-Match. "Ich werde versuchen, mich so teuer wie möglich zu verkaufen.“ Um ins Achtelfinale zu kommen, muss er wohl beide schlagen.

Gebranntes Kind

Lahnsteiner hat die Reise nach London nicht alleine angetreten. Bei den Damen wurde Simone Prutsch vom ÖOC bestätigt. Der Kärntnerin fiel ein Stein vom Herzen.

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