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Hannes Arch: "X-Alps ist Profisport geworden!"

Hannes Arch fliegt wieder. Oder besser gesagt: Hannes Arch lässt fliegen.

Beim Red Bull X-Alps nämlich, dem härtesten Adventure-Rennen der Welt, bei dem die Athleten 864 Kilometer Luftlinie von Salzburg nach Monaco zurücklegen müssen.

Fliegend mit dem Gleitschirm oder zu Fuß, laufend oder gehend. Beim ehemaligen Air-Race-Weltmeister aus der Steiermark laufen als Erfinder, Mastermind und Organisator die Fäden zusammen.

Arch ist mit dem Begleit-Tross unterwegs und immer dort, wo die Schnellsten gerade sind.

Im großen LAOLA1-Interview klärt der Vielflieger - Arch hat seine Flug-Laufbahn ebenfalls mit dem Gleitschirm begonnen, war später auch BASE-Jumper und eben Kunstflieger - über die Faszination X-Alps, Psycho-Stress und Zwangspausen auf.

Außerdem spricht der 43-Jährige über seine eigene Schlaflosigkeit und darüber, warum Frauen bei den extremen Flug-Wandertagen keine Rolle spielen.

LAOLA1: Hannes, du bist der Mastermind von Red Bull X-Alps, was genau steckt da dahinter?

Hannes Arch: Da steckt dahinter, dass ich mich um den Sport und um X-Alps bemühe. Als Erfinder ist es mir wichtig, dass das Rennen Athleten und Medien gerecht und auch ständig weiterentwickelt wird. Für mich ist es die perfekte Abwechslung für die Air Race-Pause, die es gerade gibt.

LAOLA1: Seit der ersten X-Alps-Ausgabe hat sich einiges getan: Die Athleten sind noch besser, wir bekommen schnellere GPS-Daten, das Live-Tracking ist noch spektakulärer. Wie stolz macht dich das?

Arch: Extrem stolz. Als ehemaliger Paragleiter-Pilot, was ja meine fliegerische Herkunft ist, freut es mich die Entwicklung von X-Alps mitzuerleben. Die Athleten trainieren in einem Bereich, den man Profisport nennen kann. Die Industrie springt auf und entwickelt spezielle Produkte für X-Alps. Deshalb bin ich mit Leib und Seele dabei.

LAOLA1: Wie froh bist du, selbst nicht am Start zu stehen?

Arch: Es hat sich in einen Bereich entwickelt, in dem man als Hobby-Flieger absolut nicht mehr mithalten kann. Wir sprechen hier vom Top-Level – fliegerisch und auch im Bereich der Ausdauer. Ich würde die Strapazen nicht ertragen, die die Athleten auf dem Weg nach Monaco auf sich nehmen.

LAOLA1: Die Eckpunkte sind Salzburg, Monaco und ein paar der größten Berge Europas auf der Strecke. Was bedeutet das?

Arch (lacht): Viel Schmerz und Leid für die Athleten, aber noch mehr schöne Bilder für das Publikum. Es gibt wieder das Live-Tracking, bei dem man im Internet sehen kann, wo sich die Athleten gerade befinden. Über Google Earth kann man sich ins Rennen reinzoomen. Auch dadurch sind wir, und das sage ich mit großem Stolz, das größte und spektakulärste Abenteuerrennen der Welt.

LAOLA1: Du hast vor Beginn des Rennens vor der „Suchtgefahr“ bei übermäßigem Live-Tracking-Genuss gewarnt. Firmenchefs, die ihre Mitarbeiter nicht mehr von der X-Alps-Homepage bekommen, dürfen sich an dich wenden?

Arch: Es stimmt wirklich: Firmenchefs fürchten das Event! Wenn du einmal auf der Seite warst, schaust du immer wieder rein. In der Früh, am Abend, zwischendurch. Was macht mein Athlet, wo liegen die Verfolger, wie geht es den Österreichern? Man muss es aber positiv sehen: Es ist eine tolle Abwechslung für jeden, der reinhackelt, X-Alps steigert also die Produktivität.

LAOLA1: Neben festen Schuhen und einem schnellen Schirm – was müssen die Teilnehmer noch dabei haben?

Arch: Vor allem musst du im Kopf gefestigt sein, reif und konzentriert. Die Minimum-Ausrüstung sind Schirm, Notausrüstung und Sitzgurt. Den Rest stellt sich jeder selbst zusammen. Wichtig ist natürlich auch noch der Supporter am Boden, der sich sorgt, der kocht, der alle Informationen reinholt. Das Zusammenspiel zwischen Athlet und Supporter muss perfekt passen, sonst bist du ohne Chance.

LAOLA1: Wie schätzt du die Chancen der nach der Aufgabe von Christian Amon verbliebenen drei Österreicher ein?

Arch: Österreich zählt ja weltweit zu den Top-Nationen, was den Gleitschirmsport betrifft. Die Schweizer haben bis jetzt bei X-Alps aufgezeigt, aber die Österreicher stehen ihnen beim Fliegen um nichts nach. Und Laufen können die Burschen sowieso Wenn die Schweizer also einen kleinen Fehler machen, werden die Österreicher sicher da sein!

LAOLA1: Frauen sucht man in der Startliste vergeblich. Warum?

Arch: Wir hatten auch schon Frauen dabei, aber das hat nicht funktioniert, die waren, und das haben sie auch selbst gesagt, zu schwach für X-Alps. Wir würden aber wieder weibliche Teilnehmerinnen nehmen, nur diesmal gab es keine einzige Bewerbung von einer Frau.

LAOLA1: Der Rumäne Toma Coconea mischt auch in diesem Jahr wieder ganz vorne mit. Er ist bei der letzten Auflage den Großteil der Strecke gelaufen?

Arch: Ja, aber er hat daraus gelernt. Es geht nicht nur darum, dass du am schnellsten läufst oder der beste Pilot bist. Das Paket muss passen, da gehört auch die Psyche dazu. Es warten zehn, elf Tage durchgehend Strapazen, das ist eine extreme Anforderung. Du bist voll mit Adrenalin, aufgeputscht, musst aber gleichzeitig kühlen Kopf bewahren. Das gelingt nicht vielen.

LAOLA1: Was ist ein mögliches Rezept gegen diesen Psycho-Stress?

Arch: Man muss es sich gut einteilen. Wenn man sich stressen lässt, zum Beispiel vom Stand des Rennens, oder überfordert, dann kann man sich sehr leicht fertig machen lassen. Nicht nach links und nicht nach rechts schauen, das ist das schnellste Rezept.

LAOLA1: Tempo rausgenommen wurde mit der fünfstündigen Schlafpause, die es heuer erstmals gibt. Warum war es notwendig, diese einzuführen?

Arch: Die Schlafpause war notwendig. Das Event hat sich in einen Bereich entwickelt, der immer extremer geworden ist. Wenn du gewinnen willst, gehst du ans Limit und darüber hinaus. Und dann passieren Fehler. Schlaf ist die beste Erholung für Körper und Geist. Wenn du nicht schläfst, handelst du wie ein Betrunkener und kannst nicht mehr auf deine Erfahrung zählen und abschätzen, ob man das Risiko noch eingehen kann.

LAOLA1: Für dich gibt es während des X-Alps Events wahrscheinlich auch nur wenig Schlaf?

Arch: Ganz sicher. Ich bin mit Leib und Seele dabei, sorge mich um die Athleten. Aber nicht nur ich, eine Truppe von mehr als 40 Leuten, angefangen von den Bergführern über die Safetys, den Rennarzt oder das Kommunikationsteam, ist ständig dabei. Wir müssen im vorderen Drittel dabei sein, um einerseits die Athleten zu betreuen und andererseits darauf zu schauen, dass die Regeln eingehalten werden. Wir schlafen sicher noch weniger als die Athleten, aber wir müssen uns auch nicht den Gefahren aussetzen, sondern sitzen in einem Wohnwagen oder Hotelzimmer.

LAOLA1: Und wie oft schnallst du selbst noch den Gleitschirm an?

Arch: In den letzten Jahren bin ich relativ wenig in den Seilen gehangen, maximal ein, zwei Mal pro Jahr. Aber heuer, wo das Air Race eine Pause macht, habe ich mich entschlossen wieder mehr Gleitschirm zu fliegen. Es macht mir unheimlich Spaß in der Natur zu fliegen. Vor X-Alps war ich mit Kunstflug-Weltmeister Pal Takacs unterwegs. Er ist mit mir einen Endlos-Tumble geflogen, das war schon ganz spannend, kopfüber über dem Schirm. Wahnsinn, was da mittlerweile abgeht!

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Stephan Schwabl

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