Von Diamanten und Nervensägen

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Die Tops und Flops der Tischtennis-EM 2015

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Für die, zugegebenermaßen rar gesäten Tischtennis-Fans gehen zwei Wochen wie im Traum zu Ende.

Österreichs Herren sorgten für ein kleines, rot-weiß-rotes Sportmärchen und sprengten die hoch angesiedelte Erwartungshaltung für die Europameisterschaften in Jekaterinburg mustergültig.

Mit Gold im Team und Gold (für Stefan Fegerl) und Silber (für Robert Gardos/Daniel Habesohn) im Doppel waren es für den ÖTTV die erfolgreichsten Titelkämpfe seit Aarhus 2005 (alle EM-Medaillen HIER im Überblick). Die Vorgabe, die Edelmetall-Serie seit 1998 fortzuführen, wurde mit Bravour erfüllt.

Was bleibt von den vergangenen Tagen zurück? LAOLA1 mit den Tops und Flops der EM:

 

DIE STUNDE DES STEFAN FEGERL

Keine Frage – Jekaterinburg war das bisherige Karrierehighlight des gebürtigen Gmündners. Vor einem Monat feierte er seinen 26. Geburtstag, ein Alter, in dem man langsam an den Scheideweg gerät, denn absolute Ausnahmetalente der vordersten Weltspitze haben bis zu dieser Marke oft schon nennenswerte Erfolge vorzuweisen. Dazu gehört Fegerl zu einer Generation, die die Fußstapfen von Werner Schlager vor der Nase hatte. Nun bewies er, dass die Kurve immer noch nach oben zeigt. Das bekam mit dem Deutschen Dimitrij Ovtcharov auch der aktuelle Dominator des Kontinents zu spüren, der bei jedem Ballwechsel gefordert war. Besonders die Coolness des 26-Jährigen fiel auf, musste er in den engen Spielen stets Feuerwehrmann der Österreicher spielen. Doppel-Gold mit dem Portugiesen Joao Monteiro war eine unerwartete Draufgabe, die Fegerls Teamfähigkeit unterstrich.

 

DIE DAMEN SPIELTEN ÜBRIGENS AUCH

Von den Titelblättern strahlten nur Robert Gardos, Daniel Habesohn und eben Stefan Fegerl. Die weibliche ÖTTV-Abteilung blieb in Jekaterinburg unter ferner liefen. Ein Jahr nach der völlig unerwarteten Silbermedaille im Team waren Liu Jia, Sofia Polcanova, Amelie Solja und Li Qiangbing für keine Schlagzeile verantwortlich. Dazu muss gesagt werden, dass die Vorzeichen nicht gut dafür standen: „Susi“ mühte sich mit einer Bauchmuskelverletzung durch die ersten Runden, bevor sie auf eine Gegnerin stieß, die dieses Handicap auszunutzen vermochte. Polcanova und Solja hatten schlechte Auslosungen, Li Qiangbing kam ihren mütterlichen Aufgaben nach. Im Team unterlag man Rumänien, womit man Deutschland in der K.o.-Runde nicht ausweichen konnte. Das schnelle Aus.

NUR UNTER DRUCK ENTSTEHEN DIAMANTEN

Samstag. Zweiter Tag des Teambewerbs. Nach einer unerwarteten Auftakt-Pleite gegen Schweden standen die ÖTTV-Herren mit dem Rücken zur Wand. Zwei Siege gegen Rumänien und Gastgeber Russland mussten her. Und schon im ersten Spiel war man knapp vor dem Aus und 1:2 zurück. Doch das Ruder wurde herumgerissen. Auch gegen den Gastgeber ging man über fünf Einzel. Dann begann das Märchen: 3:2 gegen Titelverteidiger Portugal, abgeschlossen mit einem Fünfsatzerfolg von Fegerl gegen Tiago Apolonia. Und das große Endspiel gegen Deutschland – der Verlauf ist bekannt, viereinhalb Stunden und drei Matches im Entscheidungssatz brauchte der historische Erfolg. Es hätte auch alles anders laufen können. Die Erfolgsquote, ging es auf Messers Schneide, war bei den österreichischen Jungs auffällig hoch. Eine mentale Qualität, die im Kopfsport Tischtennis den Unterschied zwischen „ganz gut“ und „Weltklasse“ ausmacht.

 

ALLEIN GING NICHT VIEL

„Gemeinsam sind wir stark“ – ein schönes Motto, welches sich übrigens auch perfekt auf T-Shirts drucken lässt (kleiner Hinweis an den ÖTTV – vielleicht ein guter Ansatzpunkt für eine kleine Merchandising-Kollektion? Auch der Hans-Friedinger-Schal würde sich angesichts der nahenden Wintermonate gut verkaufen!). Vielleicht wurde es von den siegreichen Team-Helden etwas zu wörtlich genommen. Wenige Tage nach dem Fight gegen Deutschland war die Hoffnung auf weitere Sensationen im Einzel schnell eingebremst. Eben noch top, jetzt schon flop? Ja, will man ein Haar in der Suppe des Stefan Fegerl finden, stößt man im Individualbewerb auf ein besonders langes. Gegen den Tschechen Tomas Polansky, 337(!) Weltranglistenplätze schlechter, darf man in der ersten Runde nicht rausfliegen. Chen Weixing (mit dem Türken Ahmet Li war ebenfalls ein No-Name Stolperstein) und Daniel Habesohn kamen nur eine Runde weiter. Letzterer blieb gegen den Kroaten Andrej Gacina, der zwar eine Nummer größer als er selbst, aber in Reichweite ist, chancenlos. Wann, wenn nicht mit einem EM-Titel im Rücken? Zuvor überlebten schon die Ambitionen seines jüngeren Bruders Dominik, als fünfte Kraft in der Mannschaft zum Zuschauen verdammt, den Qualifikations-Tag nicht. Und Robert Gardos wurde seiner Setzung als Nummer sechs zwar gerecht und verpasste das Halbfinale nur um einen Satz, aber fast wäre im Achtelfinale gegen den tschechischen Qualifikanten Lubomir Jancarik Endstation gewesen. Bei Olympia werden keine Doppel-Medaillen mehr vergeben – und im Team kann es schnell vorbei sein, stößt man früh auf China

ES RÜCKT ALLES ZUSAMMEN

Europameisterschaften lassen stets das Gefühl übrig, den „best of the rest“ zu küren. Die chinesische Übermacht ist erdrückend, Südkorea und Japan sind mit den stärksten Nationen des „alten Kontinents“ zu vergleichen, ihre Tendenz zeigt nach oben. Will das europäische Tischtennis die lange Periode der Dominanz bald brechen, muss eine Steigerung her. Positiv zu sehen ist, dass in Sachen Kräfteverhältnisse alles näher zusammenrückt – und das auf hohem Niveau. Die Titelkämpfe waren von Spannung geprägt, oft war nicht abzusehen, wer das bessere Ende für sich haben würde. Am Ende standen mit Dimitrij Ovtcharov und dem Portugiesen Marcos Freitas trotzdem die zwei konstantesten Männer im Finale, die in den Top Ten der Welt zu finden sind und mit ihrem kompletten Spiel auch von Asien ernst genommen werden. Sie müssten diese Konstanz nur in Begegnungen mit den „Tischtennis-Maschinen“ mitnehmen. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass mit Freitas und seinem Landsmann Joao Monteiro zwei nicht-österreichische Medaillengewinner Stammgäste in der Werner Schlager Academy sind. Das Trainingszentrum in Schwechat ist einer der Schlüssel der europäischen Aufholjagd.

DIE FALSCHEN HAUPTDARSTELLER

Als wären die Nerven im Team-Finale nicht schon strapaziert genug gewesen, ging der historische Tag für den ÖTTV auch als erste „Sternstunde“ zweier Kolleginnen ein, die der Tischtennis-Community im weiteren Turnier-Verlauf wiederholt negativ auffielen: Den beiden Schiedsrichterinnen. Kein einziger(!) Spieler blieb von ihren ständigen Aufforderungen, die keineswegs außergewöhnlich langen Konzentrationspausen zwischen den Punkten zu verkürzen, verschont. So mancher Athlet und Zuschauer war davon sichtlich genervt. Bei der Kontrolle der Aufschlag-Regel (korrekter Aufwurf und Sichtbarkeit des Balles für den Gegner), die in ihrer Anwendung einzig der Auslegung der Offiziellen obliegt, war allgemein keine klare Linie zu erkennen. Diskussionswürdige Ausführungen wurden ignoriert, dafür schien hin und wieder bloße Selbstinszenierung der Referees Anlass für einen abgezählten Punkt zu sein. Marcos Freitas ließ sich, zufällig mit der anfangs genannten Vertreterin ihrer Zunft, in seinem Einzel-Halbfinale gegen den Schweden Par Gerell beim Stand von 1:3 sogar auf eine Diskussion ein. Und den letzten „Höhepunkt“ des Turnieres setzte auch ein Schiedsrichter, der den eben gekürten Champion Dimitrij Ovtcharov für seinen oberkörperfreien Jubel spießigerweise, ohne jegliche Aussicht auf Konsequenz und somit sinnbefreit verwarnte und fast mehr Erwähnung in Diskussionsforen fand, als die Leistung des Deutschen. Oft erfährt Tischtennis zu lasche Leitung, strenge Auslegung okay – aber Fingerspitzengefühl und Nachvollziehbarkeit wären für die Außendarstellung wichtig. Ein guter Schiedsrichter ist jener, der nicht auffällt!

 

EINE WOCHE IM RAMPENLICHT - ODER MEHR?

Ehrliche Frage: Wer hätte vor zwei Wochen gewusst, dass Tischtennis-Europameisterschaften anstehen? Die Titelkämpfe fanden kaum Erwähnung, die Einstimmungs-Pressekonferenz im Vorfeld wurde neben LAOLA1 nur von einer niedrigen einstelligen Zahl an Medienvertretern aufgesucht. Als der Finaleinzug der Herren-Mannschaft geschafft war, explodierte die Aufmerksamkeit, und nach getaner Sensation mit Ansage konnte man sich den Erfolgsmeldungen nicht mehr entziehen. Balsam auf der Seele einer Randsportart und Hoffnungsschimmer für Sparten ähnlicher Größenordnung. Kleiner Tipp: Erfolge über Deutschland scheinen besonders gerne gesehen. Abseits der rot-weiß-roten Brille zeigte der Zuschauerandrang in Jekaterinburg selbst keine außergewöhnliche Entwicklung: Die gut beworbene und aufwändig organisierte Veranstaltung fand vor weitestgehend leeren Rängen statt. Es bleibt zu hoffen, dass zumindest hierzulande so manch neuer Fan eine Halle besucht – erste Gelegenheit bietet sich am kommenden Wochenende in der Champions League. Und wer zu weit weg wohnt, für den überträgt LAOLA1.tv wieder alle Spiele LIVE!

 

Johannes Bauer

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