43 und immer noch schnittig

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"Habe immer noch Spaß und Lust"

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40 ist das neue 30, sagt man. Beruhigend, falls sich die Kerzen auf der eigenen Geburtstagstore bereits häufen.

Für Spitzensportler ist die nahende Lebensmitte in der Regel mit dem Ende der aktiven Laufbahn verbunden. Im Tischtennis gehen die Uhren aber etwas anders.

Denn eine der Besonderheiten des Sports ist, dass er bis ins hohe Alter betrieben werden kann – und sich so manch angehender Senior etwas länger in der Weltklasse finden lässt.

Werner Schlager, die schwedischen Legenden Jan-Ove Waldner und Jörgen Persson oder aktuell Vladimir Samsonov, der sechs Monate vor diesem Jubiläum in den Top Ten zu finden ist, lassen sich als Musterbeispiele finden.

Chen Weixing ist 43 Jahre jung. Sein Weltranglistenplatz ist nicht weit über dieser Ziffer angesiedelt.

Die Tischtennis-Europameisterschaften in Jekaterinburg - LIVE auf LAOLA1.tv

Vom Aussterben bedroht

Die Schläfen des Wahl-Österreichers, der seit Beginn des Jahrtausends unter rot-weiß-roter Flagge spielt, sind ergraut.

Sein Tischtennis ist frisch geblieben. Auch, oder gerade weil er als Verteidiger zu einer aussterbenden Gattung gehört. Das Aufeinandertreffen von Offensive mit Defensive mag schön anzusehen sein, mit Zweiterem Erfolge einzufahren, ist schwierig.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Verteidiger im Spitzensport seltener werden. Joo Se-Hyuk (Südkorea, 35 Jahre), Panagiotis Gionis (Griechenland, 35), Ruwen Filus (Deutschland, 27), das jugendliche Gegenbeispiel Yuto Muramatsu (Japan, 19) und eben Chen Weixing sind die letzten Vertreter in den aktuellen Top 50.

Angriff ist zur Norm geworden, erlernt wird grundsätzlich diese Form. Erst bei auffälligen Anlagen wird umgelernt, das muss früh erfolgen.

„Es ist mit Defensivspiel schwieriger, richtig gut zu werden. Du brauchst viel Kraft dafür. Die spezielle Ausbildung im Nachwuchs, besonders in den Bereichen Technik und Taktik muss gut sein, sonst wird das nichts“, beschreibt Chen Weixing gegenüber LAOLA1.

„Dazu haben sich mit dem neuen Ball die Bewegungsabläufe und die Taktik geändert. Man kann weniger Schnitt erzeugen, daher muss man mehr angreifen. Es ist schwerer geworden. Dazu ist die Frage, ob es geeignete Trainer gibt. Ohne die kann man das Spiel nicht erlernen“.

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Eine neue Aufgabe

Einen kleinen Teil zur Verbesserung wird der Altmeister in nächster Zukunft selbst beitragen. Seit Kurzem gehört er zum Trainerteam der Werner Schlager Academy.

Ein erster Schritt in die Karriere nach der Karriere, denn ewig wird auch der gebürtige Chinese nicht mehr auf Top-Niveau spielen können.

In der Mannschaft ist der schleichende Wechsel nach Werner Schlagers Rücktritt vollzogen, Stefan Fegerl und Daniel Habesohn bekommen in der Regel den Vorzug vor dem ähnlich klassierten, aber eineinhalb Jahrzehnte älteren Chen.

Beim erfolgreichen EM-Titelgewinn durfte der nunmehrige Reservist, bei Silber 2005 und Bronze 2002 und 2009 Stammspieler, nur im Gruppenspiel gegen Rumänien ran und unterlag Andrei Filimon knapp.

Als immer zur Option stehender, taktischer „Joker“ hatte er trotzdem seinen Anteil am größten Erfolg in seinem Lebenslauf.

Ein neues Umfeld

Auch auf Vereinsebene fand vor etwas mehr als einem Jahr eine Veränderung statt.

Nach Auflösung der Spielgemeinschaft SVS Niederösterreich wagte der 43-Jährige den Schritt zum eher unbekannten polnischen Klub Manekin Torun, der mit Antritten in der Champions League trotzdem dafür sorgt, dass Chen international aktiv bleibt.

„Der Verein ist gut und die Liga ist mindestens so stark wie in Österreich, sie haben viele internationale Spieler. Ich glaube, nach Deutschland und Frankreich ist es sogar die stärkste Liga“, schätzt der Routinier seinen neuen Arbeitsplatz ein.

Insgesamt ist trotzdem ein langsames Leisertreten festzustellen. Aufgrund der Trainertätigkeit kann Chen Weixing nur einmal täglich am eigenen Spiel arbeiten.

„Letztes Jahr ist mein Ranking etwas schlechter geworden, weil ich zu wenig international gespielt habe. Ich habe nur zwei Pro-Tour-Turniere bestritten“, gibt er selbst zu, dass es unter österreichischer Flagge etwas ruhiger wurde. „Das war auch eine finanzielle Sache des Verbands.“

Der Traum von Rio

Auffällig ist, dass nach dem zwischenzeitlichen Tief jetzt wieder eine Besserung in der Weltrangliste stattfand.

Es gibt wohl noch ein großes Ziel, bevor Chen überhaupt an das Aufhören denkt: Rio 2016.

„Die Entscheidung darüber ist nur mehr acht Monate hinweg. So lange werde ich sicher noch spielen. Ich habe immer noch Spaß und Lust“, zeigt er sich bei Nachfrage durchaus euphorisch.

Zwar dürfen bei den Olympischen Spielen nur zwei Mann pro Nation im Einzel und ein Dritter als Ergänzung für den Teambewerb antreten, was Chen Weixing angesichts der Leistungen von Fegerl und Habesohn nur zum Außenseiter macht.

„Aber es gibt noch keine Entscheidung, wer in die Olympia-Qualifikation gehen darf“, gibt der Verteidigungskünstler nicht bereits im Vorfeld klein bei.

Es wäre eine ernsthafte Anmeldung, im nun beginnenden Einzel-Bewerb der Europameisterschaften in Jekaterinburg aufzuzeigen.

 

Johannes Bauer

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