Der Ball ist nicht immer rund...

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Zwölf Bälle. Mehr standen der österreichischen Tischtennis-Nationalmannschaft zur Vorbereitung auf die Team-EM in Lissabon (ab heute bis Sonntag, LAOLA1.tv überträgt LIVE) nicht zur Verfügung.

Der Grund? Es gibt das verwendete Fabrikat noch nicht zu kaufen. Klar, dass der Ärger bei Robert Gardos und Co. im Vorfeld des Events groß war.

Die Einführung neuer Bälle, statt aus hochentzündlichem Zelluloid nun aus einem alternativen Kunststoff hergestellt, ist das momentan vorherrschende Thema im Tischtennissport. Denn der "neue Ball" besitzt Eigenschaften, die eine gewisse Umgewöhnung verlangen.

Während die Weltspitze förmlich ins kalte Wasser geworfen wird, gelten für den Breitensport längere Übergangsfristen. Dennoch hatte der Autor dieser Zeilen, seit elf Jahren als Amateur im Tischtennis Sportklub Wien aktiv, die Gelegenheit, den neuen Ball in einer bereits erhältlichen Version ausgiebig zu testen. Wie groß ist die Umstellung für den Spieler?

Bemerkbare Auswirkungen auf das Spiel

Bereits nach wenigen Momenten fällt der hellere Klang auf, der an einen kaputten Zelluloidball erinnert und daher irritiert. Zudem passieren bei den ersten schnittlosen Konterversuchen leichte Fehler, denn der Ball scheint öfters seltsam zu verspringen und landet häufiger als gewöhnt im Aus.

Der größte Unterschied wird jedoch erst beim schnellen Topspin-Angriff ersichtlich: Der Plastikball nimmt etwas weniger Rotation an. Dies ergibt einen höheren Absprungwinkel vom Tisch, der für den Gegner harmloser und leichter zu retournieren ist. Die wichtigste Waffe des modernen Offensivspielers wird entschärft.

Gleichzeitig ist es schwieriger, bei spät getroffenen Schlägen Spin und damit eine optimale Flugbahn zu erzeugen. Der Angreifer muss mehr Kraft aufwenden, da der Ball mit der gewohnten Bewegung ins Netz fällt.

Somit weist der Plastikball ein subjektiv behäbigeres Verhalten als die Zelluloid-Ausführung auf: Er wirkt trotz identer Abmessungen (40 Millimeter) und Gewicht (ungefähr 2,7 Gramm) größer und schwerer.

Auch auf das Aufschlag-Rückschlag-Spiel sind Auswirkungen bemerkbar. Das Service kann nicht so gefährlich gestaltet werden, dem Gegner unterlaufen weniger direkte Fehler. Die positive Folge könnten längere Ballwechsel sein.

Qualität nicht zufriedenstellend

Neben den veränderten Eigenschaften präsentieren sich die ersten Exemplare qualitativ mangelhaft. Auf einer ebenen Fläche in Drehung versetzt, bewegt sich der Ball nervös hin und her – er ist nicht gleichmäßig rund. Ein "Ei" springt unregelmäßig vom Tisch ab, was zur weiteren Unberechenbarkeit führt. Im schlimmsten Fall wird der Rückschlag falsch getimt.

Auch die Haltbarkeit weiß nicht zu überzeugen. Ein Wettkampfball ging währen des Trainings schnell zu Bruch, ein weiterer behielt nach absichtlicher Deformation eine kleine Delle und war nicht mehr zu gebrauchen. Für Amateurvereine mit einem Bedarf von rund 1.000 Bällen pro Jahr – Preis pro Stück bis zu zwei Euro – durchaus ein Kostenfaktor.

Es besteht jedoch Hoffnung, dass es zu Nachbesserungen kommt. Denn bereits bei der Umstellung von 38- auf 40mm-Bälle zur Jahrtausendwende herrschten ähnliche Probleme vor, die von den Herstellern in den Griff bekommen wurden.

Übergangsfristen stiften Verwirrung

Die Lage ist für die Aktiven schwierig, denn die verpflichtende Umstellung beschränkt sich vorerst auf ausgewählte internationale Turniere und Großereignisse. Regionalverbänden sind eigene Regelungen freigestellt.

Während in Österreich die beiden Bundesligen umgestellt wurden, vertraut man in den meisten unteren Klassen ein weiteres Jahr auf Zelluloid. Problematisch für Spieler, die nur vereinzelt in Spitzenmannschaften antreten oder mit stärkeren Partnern trainieren.

In Deutschland werden in einigen Ligen beide Ball-Typen gar parallel verwendet – das Chaos ist perfekt.

Kurzfristigkeit als größtes Problem

Trotz allen Ärgers rund um die Umstellung bleibt positiv festzuhalten, dass die Unterschiede im Spielverhalten nicht so eklatant ausfallen, wie ursprünglich befürchtet wurde.

Doch Tischtennis ist ein Sport, der von jahrelang antrainierten Automatismen lebt. Selbst Amateure müssen sich auf eine Umgewöhnungsphase einstellen, und Profis wird die Zeit dafür nicht eingeräumt.

Sollte es gelingen, die Qualität schnell zu optimieren und damit gleichmäßige Trainings- und Wettkampfbedingungen bieten zu können, würden negative Langzeitfolgen für den Sport aber ausbleiben.

Der Ball liegt also bei den Herstellern.


Johannes Bauer

 

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