"Schlager ist in diesem Jahrhundert unerreichbar"

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Er ist DER große Gewinner der vergangenen Tischtennis-Europameisterschaften in Jekaterinburg: Stefan Fegerl.

Mit Gold in der Mannschaft und im Doppel (zusammen mit seinem portugiesischen Partner Joao Monteiro) wurde der 26-jährige gebürtige Gmündner zum ersten Österreicher, der bei einem EM-Turnier zweimal vom obersten Treppchen lachen durfte.

Als Mann für die Drucksituationen war Fegerl beim historischen Titel in der Mannschaft tragende Stütze der ÖTTV-Truppe, die nur selten nachgab.

Nach der Sternstunde in seiner Karriere steht für den Spieler von Weinviertel Niederösterreich wieder der „Alltag“ in der Champions League an. LAOLA1.tv überträgt das Duell mit UMMC Jekaterinburg am Samstag, 10.10., ab 20:15 Uhr LIVE.

Im Gespräch mit LAOLA1 lässt Fegerl die Tage in Russland Revue passieren, erzählt über seine Vaterschaft und erklärt, was sein Verein der Konkurrenz in Österreich voraus hat.

 

LAOLA1: Jekaterinburg war wohl die schönste Woche deiner Karriere, oder?

Stefan Fegerl: Bis jetzt war es der Höhepunkt. Zwei historische Momente, die sicher in Erinnerung bleiben.

LAOLA1: Wie schafft man es, über eineinhalb Wochen diese starke Form zu halten?

Fegerl: Das ist ganz schwer. Man muss körperlich fit sein, und auch geistig muss man hart, richtig und viel trainieren, damit so etwas überhaupt möglich ist. Tischtennisspieler sind ihre eigenen Psychologen, man muss sich aufbauen und selber motivieren, neue Ziele setzen – sonst bricht man früher oder später ein. Die körperliche Spannung und die geistige Konzentration zu halten, ist nicht einfach. Man muss wirklich gut durchtrainiert sein, sonst hat man keine Chance, das ohne Verletzung durchzustehen. Es ist richtig zäh.

LAOLA1: Die mentale Komponente war bei dir besonders auffällig. Für das Team musstest du in brenzligen Situationen öfter „Feuerwehrmann“ spielen. Ist das deine neue Paraderolle?

Fegerl: In solchen Situationen habe ich schon immer mehr gewonnen als verloren. Man hat nicht so drauf geachtet, denn eine Europameisterschaft ist doch ein anderes Ereignis als eine Champions-League- oder Bundesliga-Partie. Natürlich, dass ich es bei der EM so toll mache, davon ist niemand ausgegangen – ich auch nicht.

LAOLA1: Im Einzel hat es leider einen zwischenzeitlichen Einbruch gegeben. Wie erklärst du dir im Nachhinein diesen „Ausrutscher“ in der ersten Runde gegen Tomas Polansky (2:4-Niederlage und das Aus gegen die Nummer 380 der Welt)?

Fegerl: Ich war geistig nicht auf der Höhe und sehr ausgebrannt. Ich habe sehr viel Energie im Mannschaftsbewerb liegen lassen, wir waren jeden Tag früh in der Halle und abends stets die Letzten. Ins Zimmer ging es nie vor Mitternacht, dann wurde noch gegessen und massiert. Geschlafen habe ich sehr wenig, und wenn, dann schlecht, weil die Betten weich waren. Nach so einem Titel verlierst du leicht die Spannung. Das Niveau war so hoch und so dicht, dass man sich einen kurzen Durchhänger nicht erlauben darf.

LAOLA1: Siehst du für das Team auf internationaler Ebene, wenn die Asiaten mitspielen, mit so einem großen Erfolg im Rücken bessere Chancen auf Medaillen?

Fegerl: Ja, denke ich schon. Die Asiaten haben das verfolgt und wissen, dass Österreich Europameister ist. Wenn man als Mannschaft und Spieler weiß: Wir haben schon so einen Titel erreicht, wir können vielleicht sogar eine Medaille bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen machen, dann gibt das sicher Selbstvertrauen. Dass wir teilweise Spiele hatten, wo jeder einen Punkt beigesteuert hat, war auch ganz wichtig, damit jeder seine Rolle in der Mannschaft kennt und Verantwortung übernimmt, ein wichtiger Faktor.

LAOLA1: Du bist vor zwei Jahren Vater geworden. Wie verändert ein Kind die Karriere eines Spitzensportlers, speziell im Tischtennis?

Fegerl: Es ist eine extreme Veränderung. Man trainiert weniger, weil man mehr zuhause sein will und mit Veranstaltungen schon genug unterwegs ist. Dazu hat man viel Verantwortung. Aber es gibt auch Mut, Kraft und Energie, es ist das Schönste und Tollste, was man erleben kann. Seit der kleine Louis da ist, spiele ich um eineinhalb Klassen besser als vorher. Man hat einen Sohn, mit dem man spielen kann, den man erziehen darf. Wenn die Möglichkeit gegeben ist, Vater zu werden, kann ich es nur empfehlen! Da kann man noch so viele Titel gewinnen, dieses unglaubliche Gefühl wird es nie ersetzen.

LAOLA1: Wie organisiert man sich, wenn die Mutter (Damen-Nationalspielerin Li Qiangbing, Anm.) auch im Spitzensport engagiert ist?

Fegerl: Man muss noch professioneller mit der Sache umgehen. Es ist eine Klasse schwieriger, zwischen Familie und Job die Zeit zu finden, das braucht Planung und Koordination. Momentan sind wir die Einzigen, die beide professionell unterwegs sind und ihr Kind trotzdem fast allein beaufsichtigen. Der Kindergarten ist in der Nähe, bei Großveranstaltungen bekommt meine Mutter den Auftrag, aufzupassen. Es ist toll, dass meine Frau und ich Beides unter einen Hut bringen.

LAOLA1: Nun kehrt das Geschehen auf die Vereinsebene zurück,  am Wochenende steht die zweite Runde zur Champions League an. Am Samstag (20:15 Uhr, LIVE auf LAOLA1.tv) spielt ihr zufällig gegen UMMC, den Verein aus Verkhnaya Pyshma, einem Vorort von Jekaterinburg. Wie siehst du die Ausgangslage vor dem Spiel?

Fegerl: Wir sind Außenseiter. Sie haben den Japaner Jun Mizutani, Nummer fünf der Welt, in ihren Reihen. Er wird ziemlich sicher zwei Punkte beitragen. Und bei fünf Spielen quasi mit einem 0:2 zu starten, das ist schwer. Ich denke trotzdem, dass wir eine 40:60-Chance haben. Unsere Nummer eins wird wohl gegen ihre Nummer zwei gewinnen, und an der dritten Position sind wir zu favorisieren. Selbst, wenn Mizutani seine Leistung bringt, ist eine Entscheidung in der fünften Partie wahrscheinlich. Das wird wieder eine reine Nervenangelegenheit, aber mit den Fans im Rücken können wir die Überraschung schaffen.

LAOLA1: In der Bundesliga kann man wohl erwarten, dass von euch alles gewonnen wird – oder ist Walter Wels als ernster Herausforderer zu sehen?

Fegerl: Wir sollten eigentlich alles gewinnen, selbst wenn Wels mit drei Legionären spielt. Ich möchte betonen, dass es meines Erachtens nach nicht Sinn und Zweck der Sache ist, sich drei Spieler einzukaufen, die einen Tag vorher zum Verein kommen und nach der Partie wieder weg sind. Da ist kein Bezug zum Klub, zu seinen Kindern und Jugendlichen da. Das kann man mit Weinviertel Niederösterreich nicht vergleichen, wir sind da weitaus professioneller. In der Bundesliga starten wir mit drei Österreichern, in der Champions League zumindest mit zwei. Selbst, wenn wir nicht gewinnen würden, wäre das viel mehr wert, und es macht viel mehr Sinn, als das, was Walter Wels oder manch anderer Verein treibt. Auf dieser Ebene kann uns niemand das Wasser reichen. Als österreichischer Verein mit Österreichern, noch dazu als „Weinviertel Niederösterreich“ mit einem Niederösterreicher und einem Wiener zu spielen, ist in meinen Augen logischer und sinnvoller.

LAOLA1: Würdest du auch sagen, dass vor diesem Hintergrund die CL-Startsensation von Wels, die Champion Fakel Orenburg auswärts 3:1 geschlagen haben, für Österreich nur die Hälfte wert ist?

Fegerl: Es ist eine tolle Geschichte, aber es war kein Österreicher beteiligt. Es waren ein Serbe, ein Japaner und ein Italiener, die für einen österreichischen Verein gespielt haben. Natürlich ist das schön, aber vom Stellenwert her würde ich das unten einreihen.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch, gratulieren zu den beiden EM-Titeln und wünschen alles Gute für die Champions League!

 

Das Interview führte Johannes Bauer

LAOLA1: Apropos Rollenaufteilung – wie geht man ein teaminternes EM-Finale gegen Robert Gardos und Daniel Habesohn im Doppelbewerb an?

Fegerl: Es war nicht ausschlaggebend, aus welcher Nation man stammt. Jeder ist Profi, jeder will gewinnen. Natürlich kennt man sich besser, es gibt keine Geheimnisse mehr. Das bringt Vor- und Nachteile. Ich kenne ihr Spiel, sie kennen meine Aufschläge – damit war ich sehr limitiert. Für Österreich eine riesige Sache, wenn man mit drei Mann im Finale vertreten ist, aber für den Spieler selbst ist die Nationalität egal. Wir sind doch eine Einzelsportart. Im Endeffekt zählt nur der Sieg.

LAOLA1: Wird man die europameisterliche Doppelpaarung mit dem Portugiesen Joao Monteiro und dir jetzt öfter sehen?

Fegerl: Ich gehe davon aus! Diese Saison ist, was die internationalen Veranstaltungen angeht, nahezu abgeschlossen. Aber ich habe mit ihm schon über nächstes Jahr gesprochen, da werden wir die Turniere koordinieren und es wird die Paarung öfter geben. Wenn du Europameister bist, kannst du auch auf der Pro Tour mithalten. Warum soll man es danach bei einer Weltmeisterschaft nicht auch einmal versuchen?

LAOLA1: Während der Europameisterschaften ist das Medieninteresse für Tischtennis-Verhältnisse durch die Decke geschossen. Wie fasst man es als Randsportler auf, wenn man von den Titelseiten lacht?

Fegerl: Das ist eine riesige Geschichte. Vorher hat niemand geglaubt, dass wir so einen Erfolg erreichen. Aber das Leben geht weiter, man hat neue Ziele und schaut, dass man noch einmal ganz vorne landet. Die Veranstaltung wird nie vergessen werden, nun wartet Rio 2016. Man kann sich nicht ausrasten oder genießen, das wird es nicht spielen.

LAOLA1: Kann es für den ganzen Tischtennissport in Österreich einen Aufwind geben?

Fegerl: Davon bin ich überzeugt. Es wird mehr Menschen geben, die spielen wollen. Ich rechne damit, dass es einen „Boom“ auslöst.

Weinviertel Niederösterreich-UMMC Jekaterinburg - Sa., 10.10., 20:15 Uhr LIVE auf LAOLA1.tv

LAOLA1: Was fehlt dir persönlich auf die allerbesten Europäer? Einen Dimitrij Ovtcharov hast du an den Rand der Niederlage gebracht – in der Partie im Teamfinale hat vielleicht nur das Glück gefehlt, aber auf lange Sicht gesehen?

Fegerl: Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Zum Beispiel der Aufschlag- und Rückschlagbereich sowie der erste Ball mit der Rückhand. Auch öfter solche Momente zu erleben, würde die Erfahrung stärken. So oft war ich noch nicht in einem EM-Finale, ein Ovtcharov hat wohl schon zehn davon gespielt.

LAOLA1: Eine dir gegenüber oft geäußerte Standardfrage, die nach zwei Europameistertiteln ihre Daseinsberechtigung zurückbekommen hat: Wie kann es einem Österreicher gelingen, aus dem langen Schatten von Werner Schlager zu treten?

Fegerl: Fast gar nicht. Das ist in diesem Jahrhundert unerreichbar. Sein WM-Titel war so etwas wie ein Weltwunder und ich nehme an, dass es das nie wieder geben wird. Es wäre schön, wenn wir auch nur annähernd an diese Leistungen und Erfolge herankommen würden, daran muss man sich auch orientieren. Aber seine Erfolge zu toppen, das wird in Österreich für niemanden mehr möglich sein, da traue ich mir eine Prophezeiung zu.

LAOLA1: Die nächste Chance, international trotzdem aufzuzeigen, wird Rio 2016. Im Einzel dürfen nur zwei Vertreter spielen, Robert Gardos ist praktisch gesetzt, du wirst dich mit Daniel Habesohn und Chen Weixing um den zweiten Platz matchen. Wie siehst du die Ausgangslage und wie geht man untereinander damit um?

Fegerl: Man ist in so einer Phase Konkurrent. Das soll kein schlechtes Blut geben. Jeder will spielen, und am Ende stellt sich ohnehin heraus, wer es sich mit besseren und konstanteren Leistungen verdient. Die Weltrangliste (die aktuell Fegerl favorisieren würde, Anm.) ist ein Punkt, aber sie ist nicht alleinig ausschlaggebend. Es wird das Gesamtpaket gesehen, und die Entscheidung liegt bei Verband und Trainer. Jeder macht sich Gedanken, aber es ist nicht so ein riesiges Thema, dass man es bleiben lässt, sollte man scheitern. Es ist ein Ansporn.

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